Kultur : Verwende deine Jugend

Die Fehlfarben sind eine Pop-Institution. Das Jubiläums-Album „26 ½“ zeigt, wohin das führt

Sebastian Leber

Über Punks gibt es haufenweise Vorurteile. Zum Beispiel, dass ihnen alles egal ist. Dass da jeder mitmachen darf, wenn er nur genug Bier trinkt. Beides falsch. Das weiß inzwischen auch Gunter Gabriel. Der Country-Barde hätte gerne auf dem Geburtstagsalbum der Fehlfarben mitgesungen, heißt es. „Ein anderes Mal“, so die Antwort der Band.

Die Fehlfarben, die alten Punks aus Düsseldorf, feiern Geburtstag. Und beschenken sich mit einer neuen Platte. Mit eigenen Liedern drauf, eingesungen von befreundeten Musikern. Auf dem Cover ein Ehrenkranz und die Zahl an Jahren, die es zu feiern gibt: „26 ½“. So heißt auch das Album, das am Freitag beim Label V2 erscheint. Zuerst den 25. unter den Tisch fallen lassen und anderthalb Jahre später groß auftrumpfen: Dürfen Punks keine runden Geburtstage feiern?

„Nee“, sagt Peter Hein. „Alles ganz anders.“ Die Band sitzt im Berliner Büro ihres Plattenlabels. Kreuzberger Hinterhof, zweiter Stock. Gibt Interviews im Halbstundentakt. Ganz entspannt, so was haben sie schon zu oft gemacht, um noch genervt zu sein. Also, die offizielle Version: Vor zwei Jahren hat jemand bemerkt, dass bald ein Jubiläum ansteht. Aber weil die Band nicht wusste, wie das gebührend zu feiern wäre, verpennte man es schließlich. „War auch nicht schlimm“, sagt Hein. Aber dann gab es plötzlich die Idee mit den Gastsängern. „Operation Stimmenfang“. Warum darauf verzichten, nur weil der Anlass nicht mehr aktuell ist?

18 Lieder sind auf dem neuen Album. Eingespielt von den Fehlfarben, jeweils mit einer fremden Stimme. Herbert Grönemeyer macht mit, Schauspieler Peter Lohmeyer, Sven Regener von Element of Crime und Tocotronics Dirk von Lowtzow. Ja, sogar Helge Schneider. Bloß kein Tribute-Album sollte es werden, das würde sonst „unschön nach ,Anbeten’ klingen“, sagt Gitarrist Thomas Schwebel. Andererseits seien die Fehlfarben „auch nicht irgendeine Band. Wir sind uns bewusst, dass sich eine Menge anderer Gruppen auf uns beziehen.“

Vor allem wegen der Anfangsjahre in den frühen Achtzigern. Und wegen der ersten Platte „Monarchie und Alltag“. Das wichtigste deutsche Punkalbum, heißt es. Für manche das beste deutschsprachige Album überhaupt. Weil es bis heute nichts von seiner Direktheit und Wucht verloren hat, und weil es Textzeilen enthält, die einen beim Hören immer noch umhauen. Ganz gleich, ob man damals selber Punk war oder noch gar nicht geboren. „Da liegt ein Grauschleier über der Stadt / Den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat.“ Fehlfarben waren die Spitze der deutschen Punkbewegung, und Peter Hein, in diesem Nischenuniversum als Janie Jones unterwegs, war der größte Poser weit und breit. Bis er drei Tage vor ihrer ersten großen Tour aus der Band ausstieg. Angeblich, weil ihm sein Bürojob bei Rank Xerox wichtiger war.

Den Job hat er nun nicht mehr. Doch wie früher wird es für Fehlfarben nie wieder. Jede Band hat genau einen Höhepunkt, wenn überhaupt, sagt Gitarrist Schwebel, „ein zweiter kommt nicht“. Er beißt in ein Stück Kuchen. Kurze Pause zum Kauen. „Aba eff leb wich gamf okay bamib.“ Weniger Stress, mehr Gelassenheit, mehr Spaß am Musikmachen. Nach „Monarchie und Alltag“ haben Fehlfarben noch fünf weitere Studioalben veröffentlicht, mit langen Pausen dazwischen. Ein Comebackversuch in den Neunzigern scheiterte. Vor vier Jahren nahm die Band – wieder mit Peter Hein am Mikro – das Album „Knietief im Dispo“ auf und hatte mehr Erfolg. Wohl auch wegen des allgemeinen Interesses an Punk, das Jürgen Teipels Doku-Roman „Verschwende Deine Jugend“ wiedererweckt hatte.

Dass „Monarchie und Alltag“ inzwischen etwas Heiliges hat, sieht man auch an „26 ½“: Es kommt nämlich praktisch nicht vor. Nur vier der 17 Gastmusiker haben sich an Lieder des Fehlfarben-Erstlings gewagt. Darunter die beiden ganz großen Namen der Hommage: Herbert Grönemeyer und Campino von den Toten Hosen. Das hätten sie besser nicht getan. Herbert Grönemeyers Version von „Grauschleier“ ist durchwachsen. Wo er nach Peter Hein klingt, kann man nicht meckern. Wo er aber nach „Männer“ oder „Bochum“ klingt, möchte man ihm nachträglich das Mikro aus der Hand reißen. Und Campino hat „Paul ist tot“ in ein austauschbares Rockam-Ring-Mitgröllied verwandelt. Seine Teilnahme hat sowieso etwas Pikantes, weil Campino in den späten Siebzigern ebenfalls im Düsseldorfer Punktreff „Ratinger Hof“ verkehrte. Zeitzeugen berichten ziemlich übereinstimmend, dass er dem Fehlfarben-Sänger vom Gesang bis zu den Tanzbewegungen alles abgeguckt habe. Campino sieht das natürlich anders. Und auch Peter Hein will sich nicht beschweren. Kleine Bosheiten teilt er trotzdem aus: „Bei Fehlfarben-Konzerten hüpfen ja auch junge Leute in den ersten Reihen rum. Der Unterschied ist, dass wir uns beim Stückeschreiben keine Gedanken machen, ob das wohl den kleinen Kindern gefällt.“

Wen „Monarchie und Alltag“ wirklich geprägt hat, der lässt lieber die Finger davon. „Ein Distelmeyer würde sich da nie rantrauen“, sagt Schwebel und grinst. Jochen Distelmeyer, Sänger von Blumfeld, ist bekennender Hein-Fan. Nennt ihn in Interviews schon mal einen seiner „Götter“. Nun ist er mit einer Version des – schon im Fehlfarben-Original ironisch gebrochenen – Sauflieds „Alkoholen“ zu hören („Komm lass uns Alkoholen“). Da kann man nicht viel kaputt machen, daran kann man nicht scheitern. Das Lied ist nicht Teil des Fehlfarben-Denkmals. Dennoch ist „Jochen ,Hochintelligenz’ Distelmeyer“ (Schwebel) eine der bemerkenswertesten Stellen des Albums gelungen – wie er kraftvoll den finalen Refrain anstimmt: „Und jetzt alle, die noch nicht breit sind“.

Distelmeyer ist auf „26 ½“ einer von vier Protagonisten der Hamburger Schule, dem berüchtigten Neunziger-JahreDiskurspop. In diesen Kreisen sind Fehlfarben eine Institution. Frank Spilker, Sänger von Die Sterne, glaubt, dass die musikalische Entwicklung ohne „Monarchie und Alltag“ „ganz anders verlaufen wäre“. Und Liedermacher Bernd Begemann, zurzeit der Veröffentlichung „15-jähriger Provinzpunk ohne Piercings, aber mit jeder Menge Brandlöchern in der Jacke“, spricht von „der Platte, an der keiner vorbei kam. Ein größeres Lob kenne ich nicht.“ Wunderbar, wie er aus „Die kleine Geldwäscherei“ eine beschwingte kleine Begemann-Nummer macht.

Natürlich ist es auf dem Album: „Ein Jahr (Es geht voran)“. Das Lied mit dem „Keine Atempause, Geschichte wird gemacht“-Refrain, das nur auf Druck der Plattenfirma auf „Monarchie und Alltag“ landete und – gerade weil es so untypisch ist – zu ihrem größten Hit wurde. Und zur Hymne linker Latsch-Demos, was Hein auch nicht recht war. Jahrelang sprach er nur noch von dem „peinlichen Lied“. Darf so ein Stück auf die Geburtstagsplatte? „Da sehen wir inzwischen keinen Grund mehr, das unbedingt bekämpfen zu müssen“, sagt Hein. Die Band hat einen charmanten und den vielleicht einzig möglichen Ausweg gefunden: Sie hat es radikal verändert, mit hohem Tempo und breit verzerrten Gitarren aus seiner Verankerung gerissen. Es fetzt.

Fehlfarben, 26 ½, erscheint am 24. Februar bei V2 Records. Die Band spielt am 17. März in der Berliner Volksbühne.

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