Video on Demand : Online gegen die Mafia

Das Portal „Alles Kino“ bietet deutsche Filme im Internet an – legal. Ob die Piraterie sich damit eindämmen lässt, ist umstritten.

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Website: www.alleskino.de
Website: www.alleskino.deFoto: Screenshot/tsp

Es war ein festlicher Abend vergangene Woche im Pauly Saal in Berlin Mitte, die illustre Gesellschaft plauderte angeregt. Doch als Volker Schlöndorff ans Mikrofon trat, wäre manchem Gast beinahe das pommersche Entrecôte im Hals stecken geblieben. Das Internet überflute die Welt mit einer „Bulimie von Bildern“, mahnte der Regisseur. „Wir Filmemacher arbeiten an unserer eigenen Abschaffung, wenn wir alles verfügbar machen.“ Erstaunliche Worte. Schließlich ging es darum, den Startschuss für ein Projekt zu feiern, das eben dies zum Ziel hat: alles verfügbar machen – jedenfalls alle in Deutschland produzierten Kinofilme.

„Alles Kino“ nennt sich das Portal, auf dem die drei Unternehmensgründer – Produzent Joachim von Vietinghoff, Regisseur und Produzent Hans W. Geißendörfer, Medienunternehmer Andreas Vogel – das Gesamtwerk des deutschen Filmschaffens versammeln wollen. Zehntausend Titel dürften das bis heute sein, schätzen sie. „Alles Kino“ hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit, will keinen Kanon bilden, denn es schließt nichts von vornherein aus. Natürlich werden kaum je alle Titel tatsächlich online stehen: Wer jetzt auf das Portal geht, findet dort immerhin bereits 190 Filme vor.

Auf dem Teppich, der die Welt bedeutet
Auf der 63. Berlinale laufen sie alle über diese Ausrollware: Den Roten Teppich.Weitere Bilder anzeigen
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12.02.2013 18:38Auf der 63. Berlinale laufen sie alle über diese Ausrollware: Den Roten Teppich.

Video-on-Demand, kurz VoD, nennt sich das Abrufangebot von Filmen über das Internet, das der klassischen Verwertungskette aus Kino, Fernsehen und DVD eine vierte Option hinzufügt. Im Vergleich mit den USA und den europäischen Nachbarn gilt der VoD-Markt in Deutschland noch als unterentwickelt, was für Unternehmer Risiko und Chance zugleich bedeutet: Es locken Wachstumsraten, die sich bei rund 50 Prozent eingependelt haben. Aber das durchschlagende Erfolgsmodell scheint noch nicht gefunden zu sein.

Bislang buhlen vor allem Ableger der Branchenriesen Pro Sieben Sat 1 (Maxdome), Amazon (Lovefilm), Sony (Entertainment Network) oder Apple (iTunes) um die Gunst der Nutzer. Die Angebote unterscheiden sich neben der Menge und Auswahl der verfügbaren Filme und Serien hauptsächlich im Zugriffsmodus: Zahlt der Kunde pro abgespielter Datei, hat er für einen festen Beitrag unbegrenzt Zugang zum Sortiment, oder wird das Programm über Werbeblöcke finanziert?

In Deutschland ist MyVideo der größte Anbieter dieses Typs. Man verstehe sich als das wirksamste Mittel gegen Videopiraterie, erklärte Robert Franke von MyVideo bei einer Diskussion im Rahmen des European Film Market der Berlinale. Das Angebot mit Werbung und relativ niedriger Bildauflösung ist vor allem für jüngere Nutzer attraktiv – für diejenigen, die auch in illegalen Tauschbörsen aktiv sind. Ross Fitzsimons vom britischen VoD-Anbieter Curzon sieht das Modell kritisch: „Wenn wir Filme kostenlos anbieten, bringen wir den Zuschauern dann nicht bei, für Filme nicht zu zahlen?“

Für Fitzsimons besteht der große Vorteil von VoD in der leichten Zugänglichkeit: Menschen in abgelegenen Gegenden oder im Rollstuhl erhalten problemlosen Zugang zu Filmen, die sie sonst nicht oder erst später sehen könnten. Es gibt sogar Fälle, bei denen Filme bereits vor ihrem Kinostart mit großem Erfolg über VoD angeboten wurden. Es muss aber zum Gesamtkonzept der Plattform passen. Rikke Ennis von TrustNordisk berichtete etwa, dass der VoD-Gigant Netflix aus den USA im vergangenen Jahr äußerst erfolgreich in Skandinavien angelaufen sei, doch schon nach wenigen Wochen einen drastischen Nutzerrückgang verzeichnete. „Die Leute stellten fest, dass sich im Netflix-Programm praktisch nichts findet, was älter ist als 2007“, sagt Ennis. „Für die Kunden dort ist das ein gravierendes Manko.“

Dieses Manko wird „Alles Kino“ definitiv nicht haben. Auch das Problem der Vermarktung stellt sich kaum, versteht sich das Portal doch als Sammelbecken für Filme, die am Ende ihrer Verwertungskette angelangt sind. Sie werden nicht exklusiv lizenziert, können beliebig anderweitig angeboten werden, auch online. Zwischen ein und fünf Euro kosten die Filme, die innerhalb von 48 Stunden beliebig oft abgespielt werden können. Ob die Sache sich am Ende rechnet oder zumindest trägt, weiß bislang niemand. Der Wettbewerbsvorteil von „Alles Kino“ gegenüber der Konkurrenz besteht allerdings darin, dass Geißendörfer und von Vietinghoff in der deutschen Filmszene bestens vernetzt sind. So haben etwa die Brüder Schamoni ihr gesamtes Werk zur Verfügung gestellt, darunter mit „Zur Sache, Schätzchen“ einen Klassiker, der weder auf DVD noch bei anderen VoD-Portalen verfügbar ist. Und auch Volker Schlöndorff ringt sich schließlich noch zu einem Glückwunsch durch: „Ihr habt gerade noch rechtzeitig der großen Mafia den Weg versperrt und den Film gerettet.“

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