Video-Überwachung : Mein Gesicht gehört mir!

Dreihundert Mal pro Tag wird jeder Brite von Überwachungskameras gefilmt. Die Künstlerin Manu Luksch setzt den Big-Brother-Wahn auf der Insel ins Bild.

Markus Hesselmann
Video-Überwachung
Szene aus dem Film "Faceless". -Foto: Luksch

Irgendwann hing vor ihrer Wohnungstür plötzlich auch so eine Kamera. Schließlich wollte die Fabriketage, in der Manu Luksch lebt und arbeitet, ordnungsgemäß überwacht sein. So wie ganz London, so wie das ganze Vereinigte Königreich. „Ich habe dann einfach das Kabel durchgeschnitten“, erzählt Manu Luksch lachend. Reagiert hat bislang niemand auf ihre kleine persönliche Revolte. Ihre filmische Auseinandersetzung mit dem Phänomen Videoüberwachung dagegen findet auf Festivals viel Resonanz und ist auch auf der Transmediale (29. Januar bis 3. Februar) in Berlin zu sehen.

Die österreichische Videokünstlerin, die in London und Wien lebt, hat einen Film produziert, der ausschließlich aus Aufnahmen britischer Überwachungskameras besteht. Material dafür ist ausreichend vorhanden: Mehr als vier Millionen Kameras filmen das Vereinigte Königreich. CCTV (Close Circuit Television) ist überall. Zwanzig Prozent der Überwachungskameras dieser Welt hängen in britischen Straßen, Bahnhöfen oder Einkaufszentren. Die Befürworter verweisen auf Erfolge im Kampf gegen Terroristen und Kriminelle, die Gegner fürchten den Missbrauch der gesammelten Daten. Dreihundert Mal pro Tag wird jeder Bürger der Insel durchschnittlich gefilmt. „Ich wollte diesen Prozess sichtbar machen“, sagt Manu Luksch, „ich wollte die beobachten, die uns beobachten.“ In Gesprächen mit Freunden sei ihr immer wieder klar geworden, dass den Londonern kaum bewusst sei, wie häufig sie im Alltag gefilmt würden.

„Die Entwicklung bewusst zu machen, ist der erste Schritt, um eine Diskussion zu ermöglichen“, sagt Manu Luksch. Aus diesem Wunsch heraus entstand ihr Science-Fiction-Video „Faceless“. Aus CCTV-Aufnahmen schnitt die Künstlerin einen Film, der in einer Gesellschaft der unbestimmten Zukunft spielt. In dieser Gesellschaft regiert die totale Gegenwart, die Menschen kennen keine Vergangenheit und keine Zukunft mehr. Sie leben in einer Art Nirwana des kollektiven Glücksgefühls – ohne Schuld, ohne Angst, ohne Identität, ohne Gesicht. Doch das neue System ist nicht perfekt. „Faceless“ erzählt die Geschichte einer Frau, deren Erinnerung noch nicht ganz ausgelöscht ist. Sie entwickelt ein Gesicht – ein unerhörter Vorgang! – und macht sich, bedroht von den Aufpassern des neuen Systems, auf die Reise zurück zu ihrer Identität. Die Hauptdarstellerin ist Manu Luksch selbst. Die Handlung setzt sich aus Szenen zusammen, die zufällig entstanden, wenn Manu Luksch im Alltag gefilmt wurde – beim Einkaufen, beim Geldabheben, beim Behördenbesuch. Hinzu kommen Szenen, die Luksch und andere Darsteller vor Überwachungskameras einspielten. Durch eingesprochene Kommentare werden die stummen Aufnahmen zum Erzählstrang verbunden und erhalten einen neuen, fiktionalen Sinn. Der Part der Erzählerin ist mit der schottischen Schauspielerin Tilda Swinton sehr prominent besetzt.

In den Besitz ihrer Bilder kam Manu Luksch aufgrund des britischen Datenschutzgesetzes von 1998. Es erlaubt den Bürgern, Aufnahmen, auf denen sie zu sehen sind, von den Kamerabetreibern anzufordern. „Ich wollte dieses Gesetz mit künstlerischen Mitteln überprüfen“, sagt Manu Luksch. Fünf Jahre brauchte sie, um das Material für ihren knapp einstündigen Film zu sammeln. Ein langwieriger bürokratischer Prozess, die dazugehörige Korrespondenz füllt ganze Ordner. Manu Luksch schrieb Firmen und Behörden an, von denen sie annahm, dass ihre Kameras sie zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort gefilmt hatten. Damit man sie auf diesen Aufnahmen identifizieren konnte, legte die Künstlerin jeweils ein Foto von sich bei. Einige Adressaten reagierten erstaunt, weil sie das Gesetz gar nicht kannten. Einige mussten wiederholt auf ihre gesetzliche Pflicht hingewiesen werden. Auf den Bändern, die Manu Luksch erhielt, waren alle Gesichter bis auf ihr eigenes geschwärzt – aus Datenschutzgründen, aber auch künstlerisch passend zur Grundidee des „Faceless“-Projekts. Nicht selten aber gab es gar keine Aufnahmen. Die Kameras funktionierten schlicht nicht. Wie offenbar auch das Gerät vor Lukschs Haustür, dessen Stilllegung niemanden so recht interessierte.

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