Videokunst : Das magische Auge

Der Videokünstler Julian Rosefeldt findet, Filmen sei wie Malerei. Ein Besuch in seinem Berliner Atelier.

Christina Tilmann
Rosenfeldt
Julian Rosenfeldt -Foto: David Heerde

Berlin: Kunststadt, Boomstadt. Galerien und Messen expandieren, Sammler, Künstler und Käufer aus aller Welt kommen in die Stadt. Doch was heißt das eigentlich für die Kunstproduktion? Heute starten wir unsere Sommerserie. Dazu haben wir Berliner Künstler im Atelier besucht und sie danach befragt, wie stark der Kunstmarkt ihre Arbeit beeinflusst.

Seine Retrospektive im Guggenheim hat er schon gehabt. Der Traum eines jeden Künstlers: einmal Frank Lloyd Wrights legendären schneckenförmigen Museumsbau am Central Park in New York ganz mit den eigenen Werken zu bespielen – für Julian Rosefeldt ist er in Erfüllung gegangen. Dass es nicht ganz das „echte“ Guggenheim war, sondern bloß ein maßstabsgetreuer Nachbau auf dem Babelsberger Studiogelände: Nebensache. Wichtiger für Rosefeldt war, dass sich Regisseur Tom Tykwer für den Showdown des neuen Films „The International“ speziell seine Video-Arbeiten als Hintergrunddekoration gewünscht hatte. Gemeinsam mit Tykwer entstand sogar eine kleine Extra-Arbeit, die Rosefeldt nach dem Filmstart im kommenden Februar weiter zu verwerten gedenkt.

Gleich das Guggenheim – ein Senkrechtstart für einen immer noch ziemlich Unbekannten der internationalen Kunstwelt. Andere Videokünstler wie Doug Aitken oder Isaac Julien, Douglas Gordon oder Eija-Liisa Ahtila verzeichnen längst ganz andere Aufmerksamkeitswerte. Bei der ersten New Yorker Einzelausstellung von Julian Rosefeldt bei Philips, de Pury & Company im Januar dieses Jahres fragte die „New York Times“ so beeindruckt wie verwundert: „Wer ist dieser Typ? Wir haben noch nie von ihm gehört“. Die Ausstellung sei, so Rosefeldt, für New York ein ziemlicher Knaller gewesen. Verkauft jedoch hätten sich die Werke nicht, bei Preisen von 88 000 bis 290 000 Dollar: „Fünf Tage nach Ausstellungseröffnung ist die Wall Street gecrasht“. Künstlerpech.

Doch Julian Rosefeldt sieht nicht aus, als ob ihm die mangelnde Aufmerksamkeit des Kunstmarkts großes Kopfzerbrechen bereiten würde. Im Gegenteil: Nach einer Power-Phase im vergangenen Jahr hat er sich erst einmal eine ruhigere Gangart verordnet, mit mehr Zeit für Familie, Reisen und sich selbst. Entspannt sitzt er zu Ferienbeginn im Atelier an der Brunnenstraße, das er sich mit anderen Künstlern wie Mirella Weingarten und dem Schaubühnen-Autor Marius von Mayenburg teilt – auch die Galerie Birgit Ostermeier,Via Lewandowsky und das Magazin „Sleek“ residieren im gleichen Haus. Vom Markt, erzählt der 1965 in München geborene Rosefeldt, habe er sich lange eher ferngehalten. Nun denkt er notgedrungen über einen Assistenten nach.

Dass Rosefeldt in Kunstkreisen noch nicht so bekannt ist, hängt vielleicht auch damit zusammen, dass er sich gern als Grenzgänger zwischen den Künsten bewegt. Jahrelang entwarf er Bühnenbilder für Thomas Ostermeiers Inszenierungen an der Berliner Schaubühne, etwa für „Supermarket“, „Goldene Zeiten“ und zuletzt für den Doppelabend „Die Stadt/ Der Schnitt“. Der Grund für den Fremdgang: „Als Videokünstler wird man in der Theaterwelt nicht wirklich wahrgenommen. Ich kann in dieser Fremdwelt herumprobieren und mich austoben, ohne dass ich mir als Künstler damit gleich schade.“

Wichtiger als die Bühne jedoch ist dem studierten Architekten der Film: Alle seine Arbeiten der letzten Jahre sind Filmarbeiten, gedreht auf 16 Millimeter, mit einem 30-köpfigen Filmteam am Set. „Film war schon immer meine Inspiration: Die erhebendsten Erlebnisse hatte ich eher im Kino und im Konzert, nicht so oft in Kunstausstellungen. In der Kunstwelt hat man immer noch eine andere Ebene zwischen sich und dem Werk. Die fällt im Kino weg, egal wie schlecht der Film ist. Von einer solchen unmittelbaren Einbeziehung des Publikums träumen alle Künstler.“ Kein Wunder, dass Rosefeldt sich mit Tom Tykwer sofort verstand. Und beim Besuch im Atelier, er selbst nennt es seine „Mönchszelle“, leidenschaftlich über den Unterschied zwischen Video und 16-Millimeter doziert: „Video ist schnell, skizzenhaft und günstig. Drehen auf Film ist eher dem Arbeiten in der Malerei verwandt, in der Schicht auf Schicht ein Bild entsteht.“

Als „Videokünstler“ geht Rosefeldt nur mit Mühe durch. Seine Arbeiten sind konzipiert und geplant wie Spielfilme, und ähnlich aufwendig. Mehr als einen oder zwei davon schafft er nicht pro Jahr. So ist seit 2001 ein schmales, aber wuchtiges Oeuvre entstanden: Etwa zehn Filminstallationen, oft im Endlosloop auf parallelen Leinwänden ablaufend, zwischen fünfzehn und 50 Minuten lang. Die opulente Ästhetik will Rosefeldt bewusst als Hinterfragung des künstlerischen Zeitgeists verstanden wissen, der sich in einem Akt von „ästhetischer Korrektheit“ zu sehr den Informationsmedien unterordne.

Der Aufwand, den der Künstler für seine Arbeiten betreibt, bestimmt auch die Preise: Es ist deutlich teurer, mit 30-köpfiger Crew auf 16 Millimeter im Filmstudio zu drehen als auf der Straße auf Video, und trotz solventer Koproduzenten wie dem Goethe-Institut oder der Theaterbiennale Bonn stemmt Rosefeldt den Großteil seiner Budgets noch selbst. Sein Finanzkonzept: Die Arbeiten erscheinen in Sechseredition, mit zwei verkauften Arbeiten muss das Produktionsbudget wieder eingespielt sein. So kommt es, dass bekannte Werke wie die „Trilogie des Scheiterns“ schon ausverkauft sind: drei Installationen über die Brüchigkeit des Alltags, komponiert in raffinierten Parallelhandlungen. Im dritten Teil, „The Perfectionist“ (2005), übt Schaubühnen-Star Bruno Cathomas das Fliegen.

Auch in Berlin waren diese Arbeiten zu sehen, in den Kunst-Werken, in der Akademie der Künste oder der Galerie von Matthias Arndt. Aus Gruppenausstellungen ragen sie regelmäßig hervor: Sei es die Filminstallation „Der Soundmaker“ (2004), die 2006 zum heimlichen Namengeber des Berliner KlangkunstFestivals „Sonambiente“ wurde, oder seine letzte große Arbeit „The Ship of Fools“, die bei der Sommerausstellung Rohkunstbau 2007 in Schloss Sacrow zum einsamen Höhepunkt wurde. Ein größeres Publikum erreichte die monumentale Auseinandersetzung mit deutscher Romantik und deutscher Geschichte erst beim Gallery Weekend im Mai 2008, als sie in den neuen Galerieräumen von Matthias Arndt hinter dem Hamburger Bahnhof gezeigt wurde.

Berühmt wird man damit noch nicht. Aber bekannt, wenn auch mehr als Geheimtipp. Größere Aufmerksamkeit kommt derzeit noch aus dem Ausland, gibt Rosefeldt zu, aus Großbritannien und Spanien zum Beispiel. Für Deutschland fehlt bislang die große Einzelausstellung, auch an der Documenta, der Berlin Biennale oder der Biennale von Venedig hat Rosefeldt bislang nicht teilgenommen. Überhaupt sind es eher private Sammler, die sich um seine Arbeiten reißen. Mag sein, dass sie einfach schneller reagieren als Institutionen, mag auch sein, dass der Kontakt der Galeristen zu Privatsammlern besser funktioniert als zu Museen, vermutet Rosefeldt. Fest steht: In vielen Privatsammlungen wie denen von Ingvild Goetz, Rolf und Erika Hoffmann oder Julia Stoschek ist Videokunst längst ein fester Bestandteil. Musealen Zuschnitt haben diese Sammlungen auch. Doch irgendwann, hofft Rosefeldt, werden auch die Institutionen aufwachen. Im Guggenheim war er ja schon.

Im Hatje Cantz Verlag ist gerade die Monografie „Julian Rosefeldt: Film Works“ erschienen, mit Texten von Stephan Berg, Anselm Franke, Katerina Gregos und David Thorp. 35 €.

JULIAN ROSEFELDT, geboren 1965 in München, lebt in Berlin. Wichtige Arbeiten:

„Asylum“ (2001), „Trilogie des Scheiterns“ (2004-05), „Lonely Planet“ (2006), „The Ship of Fools“ (2007).

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