Kultur : Viel fordern, mehr bekommen

Ideen für 2000 Quadratmeter: Susanne Pfeffer übernimmt die Leitung der Kunst-Werke

Nicola Kuhn

Noch sieht alles nach Provisorium aus, aber das dürfte nicht lange dauern. Susanne Pfeffer empfängt in ihrem künftigen Büro, in dem noch die Aktenordner der fast zwei Jahre zurückliegenden RAF-Ausstellung stehen und sich in der Ecke die letzten Kataloge der Berlin-Biennale stapeln. Dem Computerbildschirm auf dem Schreibtisch fehlt noch der Anschluss. Am 2. Januar ist Arbeitsbeginn, aber schon beginnt es zu rumoren. „Das muss sich hier alles ändern,“ sagt sie mit einer energischen Geste, die auch den Vorraum mit Kaffeemaschine, dreckigen Tassen, abgestellten Kisten einbezieht.

Die neue Kuratorin der Kunst-Werke hat einen Blick fürs Ganze, nicht nur für das Ausstellungsprogramm. Bei der Suche nach einem passenden Ort für den Fototermin erwacht diese Unruhe wieder, der Wille, hier mal richtig anzupacken, erst einmal sauber zu machen. Das Klingelschild draußen an der Auguststraße passt ihr nicht als Hintergrund wegen der hässlichen Graffitis rundum, in der Toreinfahrt stören die kreuz- und querstehenden Fahrräder.

Die 33-Jährige weiß genau, was sie will. Diese Entschlossenheit hat ihr den derzeit interessantesten Kuratorenjob im zeitgenössischen Kunstbetrieb eingebracht. Unter hundert Bewerbern fiel die Wahl auf die ehemalige Assistentin des Frankfurter Ausstellungsmachers Udo Kittelmann und Leiterin des Künstlerhauses Bremen. Wer den rasanten Aufstieg der kleinen Institution in dem für aktuelle Kunst bisher kaum relevanten Stadtstaat in den letzten zwei Jahren verfolgte, seitdem Pfeffer dort die Geschäfte führte, für den ist ihre Berufung nach Berlin ein konsequenter Karrieresprung, von dem die zuletzt vor sich hindümpelnden Kunst-Werke profitieren werden.

Unter Pfeffer hatten Matthias Weischer, Jonathan Monk, David Zink Yi ihre ersten institutionellen Einzelausstellungen, wenig später kam für sie der internationale Durchbruch. Sie entdeckte vergessene Filmpioniere wie Hans Richter und Kenneth Anger wieder neu. Für ihre Ausstellung „Not a drop but a fall“ bekam sie von den großen Feuilletons höchstes Lob, denn als ihr über Nacht die Mittel gestrichen wurden, da musste sie sich mit ihren Gastkuratoren Elmgreen & Dragset ein Freispiel einfallen lassen. Das Projekt war rein konzeptuell und auf Museumsschildern aufgebaut, unter Beteiligung so namhafter Künstler wie Pawel Althammer, Christian Jankowski und Andreas Slominski.

Auch in Bremen hat die junge Kunsthistorikerin, die an der Berliner Humboldt-Universität bei Horst Bredekamp ihre Magisterarbeit über die Artis liberalis im 14. Jahrhundert schrieb, sogleich umgebaut, wurde erst einmal der Galerieraum für Ausstellungen umgerüstet. Am Ende gehörten zu dem ursprünglichen Ein-Personen-Betrieb drei weitere Mitarbeiter und war der Jahresetat von 15 000 Euro durch Drittmittel auf 130 000 Euro aufgestockt. Jetzt trauern sie in Bremen ihrer toughen Künstlerhaus-Leiterin nach. Aber ein Trost ist, dass sich nun etliche namhafte Kuratoren für die frei gewordene Stelle beworben haben, Bremen ist seit Pfeffer auf der Karte für zeitgenössische Kunst fest verortet.

Die gebürtige Hagenerin erzählt von ihrer Bremer Zeit mit erfrischendem Lachen. „Man muss mehr fordern, dann kriegt man auch mehr,“ erklärt sie entwaffnend. Dazu trägt sie ihr langes Haar heute leider nicht mit einem Gretelzopf um den Kopf gebunden. Mit der Frisur war sie in der Kunstszene bekannt geworden. Seit ihr das einen Vergleich mit der ukrainischen Oppositionsführerin Julia Timoschenko eingebracht hat, trägt sie das Haar wieder anders. Wenn etwas von Pfeffer erwartet wird, dann macht sie es gerade nicht. Als sie Ende der neunziger Jahre in Rom für eine Vatikan-Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle recherchierte, wurde die blonde Deutsche „La Straniera“ (die Fremde) genannt. Fortan flocht sie trotzig das Haar um ihre Stirn.

Widerständigkeit ist ihr Erkennungszeichen. Fragt man nach ihrer kuratorischen Handschrift, fällt ihr selbst keine rechte Antwort ein. Nur so viel: „Es muss immer einen Schritt weiter gehen.“ Mit jeder Ausstellung wagt sie sich weiter voran, besonders öffentlichkeitswirksam in diesem Sommer in Bozen. Das dortige Museum hatte sie zu einer Ausstellung deutscher Malerei eingeladen. Pfeffer wiederum holte Stars wie Katharina Grosse, Gregor Schneider, Dirk Skreber und Norbert Schwontkowski für drei Wochen nach Südtirol und ließ sie dort „al fresco“ arbeiten, nachdem sie bei Vorbereitungen auf diese besondere regionale Tradition der Wandmalerei gestoßen war.

Was sie für die Kunst-Werke plant, ihre erste große Ausstellung parallel zur Documenta, lässt sie sich nicht entlocken. Nur so viel, dass sie das Dachgeschoss der ehemaligen Margarinefabrik dauerhaft bespielen will. Wie in Bremen wird die Zusammenarbeit mit Künstlern im Vordergrund stehen. Ein gewaltiger Sprung: von 150 Quadratmetern in Bremen auf 2000 Quadratmeter Ausstellungsfläche in Berlin. Den Schutzraum Provinz, wo Künstler und Kuratoren häufig mutiger als unter den Augen der ganz großen Öffentlichkeit agieren, hat sie nun verlassen. Für eine ehrgeizige Bewegerin wie Pfeffer wurde es höchste Zeit. Bei ihrer Vorstellungsrunde in Berlin hatte sie einen ganzen Strauß an Ausstellungsvorschlägen gemacht, was der Auswahljury imponierte.

Mit ihrem Arbeitsbeginn im neuen Jahr erfährt die Institution endlich eine Belebung, die seit dem Weggang von Klaus Biesenbach an das New Yorker Museum of Modern Art dringend einer Schärfung ihres Profils bedarf. „Gute Kunst muss einen neuen Gedanken, ein anderes Körpergefühl auslösen“, sagt sie. Daran wird man sie messen. Beim Abschied fügt sie hinzu: „Aber bitte keine zu großen Erwartungen!“ Anschließend schüttelt sie sich vor Lachen, denn das war ironisch gemeint.

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