Kultur : Vier Gitarren für ein Hallelujah Apotheose des Indierock: Broken Social Scene

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Weniger ist mehr? Von wegen! Im Kesselhaus der Kulturbrauerei liefern Broken Social Scene überzeugende Argumente für die Auffassung, dass vielköpfige Rockbands doch einen Mehrwert gegenüber den immer häufiger auftauchenden Duo- oder Triobesetzungen haben. Dabei ist nicht unbedingt die schiere Mächtigkeit des Sounds ausschlaggebend, obwohl der bei dem kanadischen Ensemble schon gewaltig ausfällt: Zwei Schlagzeuger machen eben doch mehr Dampf als einer, erst recht, wenn der ausgezeichnete Justin Peroff durch einen Könner wie John McEntire von Tortoise gedoppelt wird, der sich hier altruistisch in die zweite Reihe stellt. Vier Gitarristen türmen ganz andere Notengebirge übereinander als zwei, und ein bisschen Gebläse durch Trompete, Saxofon oder Melodica, sorgsam dosiertes Keyboard-Gesprenkel sowie ein zweiter Bassist können auch nicht schaden.

Aber es ist eben keine ohrenbetäubende Materialschlacht, die im Zusammenspiel der bis zu zehn Beteiligten – auch einer der eifrig herumwuselnden Roadies kommt zu einem kurzen Gitarristen-Einsatz – entsteht. Vielmehr beseelt der Geist antihierarchischer Hippie-Kollektive der späten Sechziger die langen, oft durch improvisatorische Stromschnellen mäandernden, aber stets in wundervollen Melodien kulminierenden Stücke.

Da braucht es keinen großen Zampano als Frontmann, sondern höchstens einen freundlichen Moderator mit vollbärtigem Welpencharme wie Sänger und Alleskönner Kevin Drew. Und natürlich Typen wie den schrulligen Herbert-Feuerstein-Lookalike Brendan Canning und den charismatischen Schnauzbartträger Charles Spearin an zwei der vielen Gitarren. Oder die alle paar Songs einschwebende Lisa Lobsinger, die mit dem beeindruckendsten Haargebilde diesseits von Julianne Moores Frisur aus dem Film „A Single Man“ aufwarten kann.

In den schönsten Momenten, von denen es in berauschenden zwei Stunden bis zum majestätischen Gitarren-Crescendo von „Meet Me In The Basement“ etliche gibt, klingen Broken Social Scene wie die Apotheose des Indierock: Als würden die beiden vielleicht wichtigsten Bands der letzten 20 Jahre, Pavement und Wilco, gleichzeitig auf der Bühne stehen und sich gegenseitig zu Höchstleistungen anstacheln. Und darüber lächeln, wie einfach das doch geht. Jörg Wunder

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