Vladimir Malakhov : Flieg, Vogel, flieg

Tanzstar und Ballettchef Vladimir Malakhov verabschiedet sich mit einer letzten Ballett-Gala von Berlin. Er gibt sich als Prinz, Narziss, Überflieger und Großväterchen - ein Abend voller Symbolik. Und zum Schluss verleiht Kulturstaatssekretär André Schmitz ihm für seiner großen Verdienste um den Tanz in Berlin den Titel „Berliner Kammertänzer“

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Würdevoll. Vladimir Malakhov tanzt mit Beatrice Knop „The Old Man and Me“ in der Deutschen Oper.
Würdevoll. Vladimir Malakhov tanzt mit Beatrice Knop „The Old Man and Me“ in der Deutschen Oper.Foto: Michael Kappeler/dpa

So viel Selbstironie hätte man Vladimir Malakhov gar nicht zugetraut. „The Old Man and Me“ heißt das hintergründige Duett von Hans van Manen, dass er zum Ausklang eines langen Abends tanzt. „Malakhov & Friends – The Final“ ist die letzte Ausgabe der Ballett-Gala, in der sich der Ballerino noch einmal feiern lässt.

Der Tanzstar ist vor kurzem 46 Jahre alt geworden, seinen androgynen Charme hat er sich bewahrt. Hier aber verwandelt er sich in einen alten Mann, den nichts mehr locken kann. Der am Ende seines Weges angelangt ist. Mit hängendem Kopf steht er da – ein richtiger Schluffi. Da kann sich die wunderbare Beatrice Knop noch so sehr anstrengen, ihn aufzuheitern: nichts reißt ihn aus seiner Lethargie. Doch dann erinnern die beiden Gefährten sich an ihre gemeinsamen Erfahrungen, an all die Hoffnungen und Enttäuschungen.

Sie unternehmen einen neuen Anlauf, zusammenzukommen – vergeblich. „The Old Man and Me“, benannt nach einem Song von J. J. Cale, bewegt sich zwischen leiser Melancholie und clownesker Komik. Ein besseres Stück hätte Malakhov sich für seinen Abschied nicht aussuchen können. Der große 81-jährige Hans van Manen ist selbst in Berlin erschienen, um ihn tanzen zu sehen. Eine schöne Geste.

Überhaupt ist es ein Abend voller Symbolik. Bei der ausverkauften Vorstellung in der Deutschen Oper präsentierten illustre Gasttänzer aus New York, Sankt Petersburg, Tokio, London und München ein Potpourri aus bewährten Paradestücken. Die führenden Solisten des Staatsballetts konnten mit den internationalen Spitzenstars locker mithalten. Doch es ist natürlich sein Abend: Malakhov absolvierte gleich vier Auftritte. Es scheint, als wolle er mit den unterschiedlichen Rollen ein ganzes Tänzerleben umspannen. In dem Pas de deux „Les Sylphides“, den er mit der fragilen Mika Yoshioka vom Tokyo Ballet tanzt, verkörpert er noch den jungen Poeten. „Leda und der Schwan“, ein Duett aus „Ma Pavlova“ von Roland Petit aus dem Jahr 1986, ist dagegen ein richtiger Schmachtfetzen. Die formidable Nadia Saidakova umgarnt den Schwan, der hier für das männliche Begehren steht. Das Duett wird zur Zitterpartie für die Malakhov-Fans. Und die Choreografie ist eher erheiternd, denn man hat den Eindruck, dass Leda für den selbstverliebten Schwan nur ein Klotz am Bein ist.

Mit Spannung erwartet wurde das Solo „Icarus“, dass Sidi Larbi Cherkaoui Malakhov auf den Leib geschrieben hat. Der gefeierte flämisch-marokkanische Choreograf greift auf den Mythos von Ikarus zurück, der immer höher fliegt und sich schließlich die Flügel an der Sonne verbrennt. Cherkaoui ist berühmt für seine beredten Armgesten, auch hier sieht man viel Port de bras, wenn Malakhovs Silhouette sich auf dem Dunkeln herausschält.

Der aufstrebende Tänzer muss zwar Federn lassen – vom Bühnenhimmel fällt das Gefieder –, aber es ist kein Schwanengesang, den Cherkaoui anstimmt. Der Überflieger solle sich erden und eine neue Richtung einschlagen – so lässt sich sein dreiminütiges Solo deuten. Das Bewegungsmaterial ist ungewohnt für den Tanzstar. Und das kubistisch inspirierte Outfit, das der belgische Designer Tim van Steenbergen Malakhov verpasst hat, irritiert die Ballettfans.

In „The Old Man an Me“ zieht er dann der Schlusstrich. Sind das die Stationen einer Karriere: der feinsinnnige Ballettprinz, der umschwärmte Narziss, der gerupfte Ikarus und das lustige Großväterchen? Malakhov macht sich hier über den eigenen Mythos lustig.

Malakhovs Nachfolger Nacho Duato will bald nach Berlin ziehen

Ganz zum Schluss gibt es noch einen Überraschungsauftritt. Kulturstaatssekretär André Schmitz verleiht Malakhov für seine großen Verdienste um den Tanz in Berlin den Titel „Berliner Kammertänzer“. Das ist wohl eher ein Trostpflaster, denn immerhin wurde er zum Rücktritt gedrängt. Dank gebührt ihm auf jeden Fall, denn Vladimir Malakhov hat Aufbauarbeit geleistet. Ihm fiel die schwierige Aufgabe zu, die Ballettcompagnien der drei Opernhäuser zu fusionieren. Heute tanzt das Ensemble auf einem hohen Niveau, und Malakhov ist bis heute das Zugpferd. Die Berliner haben ihm zugejubelt und mit ihm gebangt nach seiner Knieoperation. Auch in finanzieller Hinsicht ist das Staatsballett ein Erfolgmodell. Die Kritik entzündete sich vor allem an der Repertoirepolitik. Denn der Tanzstar legte bei der Stückauswahl sein Augenmerk zu sehr auf die eigene Karriere.

Es ist das Ende einer Ära. Im Sommer wechselt Malakhov als künstlerischer Berater ans Tokyo Ballet. Es könnte eine doppelte Zäsur für ihn werden, denn der Tänzer denkt ernsthaft ans Aufhören. Vorher wird er noch 16 Mal mit dem Staatsballett auftreten – es wird also ein langer Abschied.

Die Tanzszene Berlins befindet sich derzeit im Umbruch. Der designierte Ballettchef Nacho Duato, der noch das Ballett des Michailowsky-Theaters in Sankt Petersburg leitet, will schon im Januar nach Berlin ziehen, um sich ein Bild von der Compagnie zu machen. Bislang hatte er dort Hausverbot – so wird über den männlichen Zickenkrieg kolportiert. Seine große Zeit als Choreograf liegt schon länger zurück. Und so reagierte die Hauptstadtpresse eher unterkühlt auf seine Berufung. Sein erster Auftritt war auch wirklich blamabel: Auf die Frage, mit welchen jungen Choreografen er künftig zusammenarbeiten wolle, konnte er keinen einzigen Namen nennen. Der Spanier wird dem Staatsballett eine eher moderne Ausrichtung geben; die Frage ist allerdings, ob er damit 88 Tänzerstellen rechtfertigen kann. Die Zeichen stehen nicht unbedingt auf Aufbruch.

Im Januar nimmt auch Virve Sutinen, die neue Leiterin von „Tanz im August“, die Arbeit in Berlin auf. Sie will sich erst mal in der freien Szene umschauen, hat die Finnin versprochen.

Sasha Waltz wird in aller Welt gefeiert, doch Berlin lässt sie hängen. Ihren Tänzern hat sie schon gekündigt, sie werden nur noch projektgebunden engagiert. Seitdem bangen die Berliner, dass Sasha Waltz die Stadt verlässt auf der Suche nach besseren Arbeitsbedingungen.

Vladimir Malakhov will seine Wohnung in Mitte erst mal behalten. Er hat viele Pläne, will eine Stiftung gründen. Wenn etwas zu Ende geht, fängt etwas Neues an. Daran glaubt er.

Deutsche Oper: 23., 24., 25. und 27.2. sowie 27., 28. und 31.3., 19.30 Uhr

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