Volkstheater Rostock vor der Entscheidung : Seetüchtig in den Untergang

Das Volkstheater Rostock will ein Vollspartenhaus bleiben. Der Kultusminister ist dagegen. Am heutigen Mittwoch fällt die Entscheidung in der Rostocker Bürgerschaft.

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Rosa berauscht. Mozarts "Don Giovanni" ist in dieser Spielzeit in Rostock zu sehen.
Rosa berauscht. Mozarts "Don Giovanni" ist in dieser Spielzeit in Rostock zu sehen.Foto: Dorit Gätjen/Volkstheater Rostock

Das Beispiel der „Georg Büchner“ hätte ihn warnen können. Der Dampfer im Rostocker Stadthafen, das letzte Schiff der Belgisch-Kongo-Linie, stand unter Denkmalschutz. Na und? Sollte die Stadt einen alten nichtsnutzigen Dampfer unterhalten? Also hob sie den Denkmalschutz auf. Am 28. Mai 2013 wurde die Georg Büchner aus dem Rostocker Hafen gezogen, verkauft an die Argent Venture Limited von den Seychellen, zum Zweck des Versicherungsbetrugs, wie böse Zungen gleich behaupteten. Das alte Schiff sank, zuletzt veteranenunverträglich im Zickzack geschleppt, vor der Danziger Bucht.

Erst Zickzack und dann Untergang?

„Schiffe versenken“ spielen Stadt und Land auch mit dem Rostocker Volkstheater. Oder nein, man muss hier genau sein: So richtig seetüchtig war dieser Kahn schon lange nicht mehr. Irgendwann nach der Wende bekam er Schlagseite, die Rostocker begannen es zu meiden.

Sewan Latchinian hat eine Schwäche für sinkende Schiffe. Der Mann, der einst am Deutschen Theater in Berlin war, übernahm 2004 das akut kenternde Theater der Bergarbeiter in Senftenberg, ein Jahr später wurde es „Theater des Jahres“, und irgendwann war es der gefühlte Mittelpunkt der Stadt.

Jede Existenz ist eine maritime Angelegenheit

In Latchinians Senftenberger Intendantenzimmer hing ein Schiffbruch in Öl, er hatte ihn im Fundus entdeckt, es war nicht die „Büchner“. Enormer Seegang, im Vordergrund ein schon halb verlorenes vollbesetztes Rettungsboot. Was für ein Gleichnis der Existenz! Und jede Existenz ist eine maritime Angelegenheit, Georg Büchner hat es gewusst: „Der Einzelne nur Schaum auf der Welle …“

Als Rostock einen neuen Intendanten für sein sinkendes Theaterschiff suchte, konnte Latchinian nicht widerstehen. Und vor allem: Es hatte vier Sparten, Schauspiel, Orchester, Oper, Tanz! Er würde sie alle zusammenführen. Dass Stadt und Land ihre Zuschüsse seit einem Vierteljahrhundert nie erhöht hatten, worauf sie nach Art der Banausen durchaus stolz waren, wusste er. Latchinian hing sein Schaum-auf-der-WelleÖlbild in Rostock wieder auf und sprach sinngemäß: Gebt mir zwei Spielzeiten, und ihr sollt euer Haus nicht wiedererkennen!

Das neue Theater-Logo ist eine Welle, was sonst? Im vergangenen September fing er an, mit einem achtstündigen „Stapellauf“. Zuerst kam der „Untergang der Titanic“ von Wilhelm Dieter Siebert, etwas atonal, 1979 als Auftragswerk für die Deutsche Oper komponiert. Aber wer sagt denn, dass die musikalische Avantgarde kein Volksfest sein kann? Der Untergang fand vorm und im Theater statt, unter den Sitzen fand jeder rechtzeitig seine Schwimmweste, in der Pause gab es das letzte Bordmenü der „Titanic“, und am Ende gelangten alle über Notrutschen ins Freie.

Die Rostocker zeigen Begeisterung

Untergang? Aufwind! Die Rostocker zeigten eine Begeisterung, die mancher den etwas lethargischen Nordländern nicht zugetraut hätte. Und das war erst der Anfang des achtstündigen „Stapellaufs“. Uwe Johnsons „Ingrid Babendererde“ folgte. Regie aller Teile: Sewan Latchinian.

Noch während der Proben hörte er von der „Beschlussvorlage“, die im Rathaus kursierte: Abbau von zwei Sparten! Abwicklung von Oper und Tanz. Anfangs hielt er das für einen schlechten Scherz, schließlich war er als Intendant eines Vier-Sparten-Hauses soeben engagiert worden.

Man muss es wohl so sagen: Ein Rostocker Theater, das plötzlich alle Segel setzte, war der schlimmstmögliche Fall für den Kultusminister Mecklenburg-Vorpommerns Mathias Brodkorb (SPD). Seine Vision, schon längst: enthauptete Theater, bloße Bespiel-Bühnen, zusammengeschlossen zu „Kulturkooperationsräumen“. Kulinarische Eventspielstätten.

Im letzten Herbst begann in Rostock ein durchaus makaberes Wettrennen: das Volkstheater und sein neues, altes Publikum gegen die Stadt- und Landespolitik. Latchinian begriff, dass er statt zwei Spielzeiten nicht einmal eine halbe lang Zeit hatte, um die volle Seetüchtigkeit seines Vier-Masten-Seglers unter Beweis zu stellen, eine Premiere folgte der anderen. In ästhetisch-zivilem Ungehorsam gründete er gleich noch zwei neue Sparten: das Puppentheater und die Bürgerbühne. Und steigerte unermüdlich die Auslastung. Während 2013 ein Volkstheaterplatz noch 197 Euro Zuschuss brauchte, waren es 2014 nur noch 149 Euro. Jahresabschluss: 600 000 plus im Vergleich zum Vorjahr.

Alles liegt jetzt an der Bürgerschaft

Brodkorb wiederum begriff, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Er teilte der Stadt mit, dass, solange sie unfügsam bliebe und die zwei Sparten nicht schließe, die seit fast einem Vierteljahrhundert eingefrorenen Landeszuschüsse nicht ausgezahlt würden, zumindest nicht in voller Höhe. Brodkorb, der Kultusdiktator.

Alles liegt jetzt an der Bürgerschaft. Ist sie das Mündel des Ministers? Im Januar sollte sie entscheiden. Was vor Monaten undenkbar gewesen wäre, geschah: Rostocker demonstrierten für die Erhaltung ihrer Vollbühne vor dem Rathaus. Der Termin wurde verschoben; ein Kompromiss wurde gefunden. Alle vier Sparten legten dar, mit wie wenig sie auskommen würden. Allein das Orchester verzichtet bis 2020 auf 12 Millionen Euro: Nur, lasst uns zusammen! Bis 2020 bei einem bei 16,6 Millionen gedeckelten Zuschuss. Selbst der Rostocker Oberbürgermeister, sonst Gefolgsmann Brodkorbs, signalisierte Zufriedenheit. Da ließ der Kultusminister wissen, dass er, als sozialverantwortlich denkender Politiker, ein solches Lohndumping nicht unterstützen könne.

Der für beeinflussbar gehaltene Teil der Bürgerschaft wurde inzwischen zu einem Geheimtermin geladen, wo ihm der alte Vorschlag im neuen Kleid noch einmal präsentiert wurde. Am Theater würde man das eine schlechte Komödie, Schmierentheater nennen.

Der Fall, den Sewan Latchinian nicht vorhersehen konnte, den keine Seefahrt kennt, scheint einzutreten: Untergang wegen zunehmender Seetüchtigkeit!

Heute muss die Rostocker Bürgerschaft endgültig über ihr Theater entscheiden. Sie entscheidet auch darüber, ob sie ihren Namen zu Recht trägt, ob sie mehr ist als bloße Gefolgschaft. Mehr als bloßer Schaum auf der Welle.

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