Kultur : Voller Lagerraum

Was vom Wendeglück bleibt: Ein Essay-Band über den Leidensstolz Ost- und Mitteleuropas

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Dies ist ein Buch, das den Leser mit einer Fülle von interessanten, Teilnahme herausfordernden Einblicken und Einsichten überschüttet. Aber über weite Strecken ist es im Kern das Zeugnis eines gebrochenen Selbstbewusstseins. Denn diese Berichte, Essays und Bekenntnisse über die osteuropäischen Länder, die sich 1989 befreiten und inzwischen ihren Part im neuen Europa spielen, sind getragen von dem hohen Pathos dieses welthistorischen Vorgangs – und zugleich durchtränkt von gemischten, ja, bitteren Gefühlen. Diese Länder gehören zu dem neuen, größeren Europa, doch leiden sie an dem Eindruck, von dem alten, westeuropäischen Europa nicht wirklich begriffen und angenommen zu werden. Weil sich, wie der Schweizer Adolf Muschg dezent formuliert, „mit dem Erfolg des Beitritts zugleich das Gefühl kulturellen Ausgeschlossenseins einschlich“.

Hervorgegangen ist das Buch aus der Überzeugung, dass es notwendig sei, die unterschiedlichen Geschichten und Erfahrungen im Westen und im Osten zum Sprechen zu bringen. Das europäische „Doppelgedächtnis“ – so der Titel der Vortragsreihe, die dem Buch zugrunde liegt – sollte als Problem erfasst, ausgelotet, verstanden werden. Dazu trägt das Buch ohne Zweifel bei, freilich mit einer charakteristischen, im Thema selbst begründeten Perspektive: Es ist der europäische Osten, der – wie Zsuzsa Breier, die Inspiratorin des ganzen Unternehmens, schreibt – den „Lagerraum der Vergangenheit“ visitiert und dem Westen damit eine Lektion erteilt. Und das mit dem Orgelton der Klage, dass die Erwartungen der osteuropäischen Revolutionen nicht oder nur zum Teil eingelöst worden sind, dass Westen und Osten diesem Ereignis zu viel schuldig geblieben sind und das „vereinte Europa“, wie es der Untertitel statuiert, mit einem „geteilten Gedächtnis“ lebt.

Es ist ein Verdienst dieses Buches, dass Ostmitteleuropa in ihm in seltener Vielstimmigkeit und Vollständigkeit zu Wort kommt, die baltischen Staaten wie die Südosteuropas, Polen, Tschechen und Ungarn. Und das mit prominenten Stimmen – die Ministerpräsidentin der Slowakei Iveta Radicova, der Außenminister Polens Radoslaw Sikorski, die unvergleichliche mitteleuropäische Gestalt Karel Schwarzenberg, diverse Protagonisten der Wende-Jahre, Europa-Abgeordnete und bedeutende publizistische und wissenschaftliche Kenner. In vielen Partien liefert das Buch knappe Abrisse der vielfach unbekannten, oft abgründigen Geschichten der Staaten und Gesellschaften dieser Region im letzten Halbjahrhundert. Allerdings auch etliches an schlichterer politischer Erbauungsrhetorik.

Um so bedrängender ist der Eindruck, wie massiv die historische Entfernung, die Osten und Westen trennt, beklagt, ja eingeklagt wird. Der europäische Ost- West-Konflikt, politisch eingeebnet, kehrt als mächtige Emotion zurück, als gravierender Vorbehalt gegenüber dem ahnungslosen Westen, als eine Art Leidensstolz auf die eigene Vergangenheit. Selbst der eigentlich über den Wassern schwebende Schwarzenberg befindet, wer das totalitäre System nicht erlebt habe, „wird nie verstehen, was diese Diktatur bedeutet hat“. Was bleibt dann auf der seelischen Haben-Seite? Fast nur das „Wendeglück“, das Zsuzsa Breier bewegt beschwört. Von dem sei jedoch nach 20 Jahren kaum noch etwas übrig.

Natürlich ist die fortdauernde ost-westliche Verwerfung nicht zu leugnen. Es spricht beispielsweise manches dafür, dass – wie Breier argumentiert – der nationale Stolz der Ostmitteleuropäer der Versuch war, „das Eigene gegen das Fremde zu behaupten“, ein „Surrogat für die nicht stattfindende politische und staatsbürgerliche Teilnahme“, mithin keineswegs als rückständig gelten kann. Aber wogegen verteidigt sich dieser Stolz heute? Da sollte man vielleicht mit Marek Prawda, dem polnischen Botschafter in Berlin, fragen, ob wir uns in Bezug auf die europäische Erinnerungskultur nicht zu sehr auf die „negative Geschichte“ konzentrieren. Und ob es nicht darauf ankomme, die Ereignisse von 1989 als Quelle positiver Energie zu begreifen. Ganz abgesehen von dem Wagnis des Gedankens, dass das zerstörerische 20. Jahrhundert eben nur „eine Schicht“ ist und es Zeit sei, „auch die anderen freizulegen“, weil Europa „pulsiert, arbeitet, funktioniert – über die Grenzen von gestern hinweg, selbstverständlich, fast so als hätte es eine Teilung nie gegeben“. Aber, zugegeben, wer so spricht, hat gut reden, denn er ist ein deutscher Professor – Karl Schlögel.

Das Buch ist im Übrigen eine Abschiedsvorstellung. Die Gesellschaft zur Förderung der Kultur in Europa, die die Vortragsreihe veranstaltet hat, wird sich zum Jahresende auflösen. Das ist bedauerlich, denn damit geht nach acht Jahren eine rühmenswerte Anstrengung zu Ende. Die, wie das Buch zeigt, eine politisch-historisches Herausforderung zum Thema machte, die die öffentliche Aufmerksamkeit verdient.

Zsuzsa Breier, Adolf Muschg (Hrsg.): Freiheit, ach Freiheit … Vereintes Europa –

Geteiltes Gedächtnis. Wallstein Verlag, Göttingen 2011. 247 Seiten, 16,90 Euro.

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