Kultur : Volles Risiko

Das Bundesjugendorchester mit Markus Stenz.

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Das Drama im Sinfonischen, die Sinfonik im Musikdrama beschwört das Bundesjugendorchester in seiner derzeitigen Arbeitsphase mit Markus Stenz. Im Konzert- wie im Opernfach ist der Kölner Generalmusikdirektor gleichermaßen erfahren. Ihm ist die Uraufführung der Oper „Solaris“ von Detlev Glanert bei den Bregenzer Festspielen 2012 anvertraut. Als Vorgeschmack außerirdischer Fantasiewelten nach Stanislaw Lem dient ihr das Orchesterstück „Insomnium“, das Stationen von Schlaf und Erwachen, sich verdichtenden und zerbröselnden Träumen nachzeichnet. Durchaus delikat, wie dünne Streichermotive und zarte Harfen-Leuchtpunkte erste Traumverlorenheit entfalten, von Posaune oder Tuba bedrohlich eingefärbt. Auch in der folgenden wilden Jagd bleiben die Klangmassen transparent, durch die Gestalten aus Ravels „Daphnis et Chloë“ oder Bartóks „Wunderbarem Mandarin“ spuken.

Fast ungerecht, das solide gearbeitete, aber doch recht eklektische Stück neben Mahlers 5. Sinfonie vergleichsweise „alt“ aussehen zu lassen – denn welche Kühnheit in Idee und Material, welche Seelendramatik spielt sich hier ab! Stenz reizt sie mit seinen jugendlichen Mitstreitern voll aus. Und vieles ist zu rühmen. Der furchtlose Trompeter etwa, der vom ersten Trauermarsch-Signal bis zum überschäumenden Finale an Prägnanz nicht nachlässt, sei nur stellvertretend genannt.

Dass das „jüngste Spitzenorchester der Welt“ die klangliche Geschlossenheit renommierter Berufsklangkörper nicht erreicht, ist – bei nur drei Arbeitsphasen im Jahr, trotz Anleitung durch die Berliner Philharmoniker – kein Wunder. Die Begeisterung der Beteiligten macht das wett. Allerdings übt der Dirigent zu viel Druck aus, zieht da das Tempo an, setzt dort überscharfe Akzente, so dass vor allem das Blech zum Schluss überstrapaziert klingt. Dem Finaljubel haftet so etwas Lärmend-Gewaltsames an – was dem Jubel in der Philharmonie aber keinen Abbruch tut. Isabel Herzfeld

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