Kultur : Vom Iran gefangen

Angriffslustig und beklemmend: Parsua Bashi beschreibt in ihren „Briefen aus Teheran“ das Alltagsleben im Gottesstaat

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Am Ende ihres Buches offenbart sich Parsua Bashi. Da erzählt die gebürtige Teheranerin, was sie sich in letzter Zeit immer stärker wünscht: Sie träumt von einem Haus und einem kleinen Grundstück auf dem Land. Sie hat genug davon, „meine gesamte Habe in Bananenkisten verstauen und von einem Ort zum anderen transportieren zu müssen, um sie dort wieder auszubreiten“.

Man versteht diesen Wunsch nur zu gut nach der Lektüre ihrer „Briefe aus Teheran“, die sie 2009 nach ihrer Rückkehr aus der Schweiz zu verfassen begann. Fünf Jahre hatte Bashi im beschaulichen Zürich gelebt, wohin sie ihrem zweiten Ehemann, einem Schweizer Jazzmusiker, gefolgt war. Nun heißt es für sie, sich wieder an den hektischen, beschwerlichen Alltag der iranischen Metropole zu gewöhnen – und an die vielen Gängeleien der islamischen Regierung Ahmadinedschads, die den Teheraner Alltag erst recht zu einem beschwerlichen machen.

Sie beginnt mit der Beschreibung der schwierigen Wohnsituation in Teheran, mit den ständigen Umzügen der Menschen. Denen kann es passieren, auf gepackten Koffern zu sitzen und nicht in ihre neue Wohnung ziehen zu können. Denn deren einstiger Mieter wartet ebenfalls darauf, umzuziehen, kann aber seine neue Wohnung gleichfalls noch nicht beziehen und so weiter – eine Kettenreaktion, die mit dem komplizierten Pfand- und Kautionsmodell der Teheraner Immobilienbranche zu tun hat. Ferner erzählt Bashi von der Umgehung des Alkoholverbots, davon, wie die Teheraner Liköre und Weine herstellen, ihren eigenen Schnaps brennen; sie berichtet von den Fastfoodrestaurants, die die traditionelle Küche zunehmend verdrängen, von den Restriktionen, denen Kulturschaffende unterliegen. Und davon, wie schwer es überhaupt ist, sich in einer Stadt zu bewegen, in der man sich allein beim Überqueren der Straßen ständig in Lebensgefahr begibt. Oder in der die Fahrt mit einem Sammeltaxi eine Qual ist, weil fünf Personen auf engstem Raum nichts anderes tun, als zu telefonieren.

Vieles davon kennt man aus anderen Metropolen – nur liegen die nicht in einem selbst ernannten „Gottesstaat“, in dem die sogenannten Revolutionsgarden und zahlreiche militärische und paramilitärische Einheiten über die Einhaltung der islamischen Gebote wachen, allen voran dem Verschleierungs- und Kopftuchgebot für Frauen, dem „hadschib“. Möglichkeiten, den hadschib so individuell wie möglich zu befolgen und auszulegen, gibt es viele: Die vorherrschende Mode junger iranischer Frauen sind blondierte Haare und braungebrannte Haut. Und trotz der religiösen Zwangsideologie drängen laut Bashi immer mehr Frauen in soziale wie kreative Berufe, sind gar 70 Prozent der Studenten des Landes weiblich.

Wie schwer es aufgeklärte Teheranerinnen im Einzelnen jedoch haben, wird deutlich, als Bashi über die „Verunmöglichung der Liebe“ räsoniert. Viele traditionell erzogene junge Männer aus den Provinzen, die zum Studium nach Teheran kommen und das vergleichsweise freizügigere Leben einer Großstadt kennenlernen, verlieben sich in Mädchen aus toleranten Elternhäusern. Nach der Heirat entwickeln sie sich wieder zu islamischen Hardlinern, die ihre Frauen an den Herd verweisen und als Gebär- und Kinderaufzuchtsmaschinen betrachten.

Parsua Bashi hat vermutlich selbst in so einer Ehe gelebt; auch sie stammt aus einem wohlsituierten, säkularen Haushalt, studierte Grafikdesign, arbeitete in einer Werbeagentur, verliebte sich in einen Kollegen. Sie wurde schwanger, trennte sich nach sechs Jahren aber wieder – nach der Scheidung wurde ihre Tochter dem Ex-Mann zugesprochen. Die Pünktchen, mit denen sie die Geschichte einer unglücklichen Nachbarin beendet, die sie als „Gefangene in einem Fegefeuer“ bezeichnet, weil sie in einem ähnlichem Verhältnis lebt, sprechen Bände: „Vielleicht entscheidet sie sich eines Tages dafür, zu kämpfen und in diesem ungleichen Kampf ihre Kinder zu verlieren …“

Die Brisanz solcher Formulierungen erschließt sich, wenn man an das Schicksal einer anderen iranischen Frau denkt, das gerade durch westliche Medien geht: Vor sechs Jahren verurteilte ein iranisches Gericht die aus der nordwestiranischen Provinz Tabriz stammende Sakineh Ashtiani wegen Ehebruchs und mutmaßlicher Anstiftung zum Mord ihres Ehemanns zu 99 Peitschenhieben und zum Tod durch Steinigung, später durch den Strang. Ihr Sohn und ihr Anwalt wurden verhaftet, als sie deutschen Journalisten Mitte Oktober ein Interview geben wollten. Die Reporter sitzen seitdem selbst in Haft.

Wohlweislich hält sich Bashi mit dem Erzählen ihrer Lebensgeschichte zurück. Was auch daran liegt, dass sie vor drei Jahren in ihrer graphic novel „Nylon Road“ einiges davon preisgegeben hat. Wichtiger ist für sie die Kritik an der Regierung von Ahmadinedschad, das Bekunden ihrer Sympathie für die „Grüne Bewegung“, die sich nach den manipulierten Wahlen im Sommer 2009 gründete. Das dürfte nicht ohne Risiko sein, weshalb man sich bei der Lektüre des Öfteren fragt: Warum um Gottes willen ist Bashi in diesen Staat zurückgekehrt? Heimweh, hat sie in einem Interview gesagt, Heimweh, das zu Depressionen führte und diese wiederum zu einer von ihr nicht näher erklärten „Tragödie“.

Folglich sitzt sie seit dem Spätsommer 2009 wieder in einer Teheraner Wohnung: mit einem Fenster zu einem stillen Hinterhof, einem anderen zur größten und lautesten Straße der Stadt – und einem dritten ins Netz, ihrem Computer, durch den sie „mit Zehntausenden anderen Fenstern in meiner Stadt und im Iran verbunden“ ist. Und schreibt „Briefe aus Teheran“, die eher handfeste Reportagen sind. Stilistisch lassen diese etwas zu wünschen übrig (was nicht zuletzt an der Übersetzung liegen dürfte) – einen tiefen, nachhaltigen Einblick in das Leben der iranischen Metropole unter den gegenwärtigen politisch-religiösen Bedingungen vermitteln sie allemal.

Als sie ihrem Wunsch nach einem Umzug aufs Land Ausdruck gegeben hat, erklärt Bashi noch einmal, dass es zum Leben in ihrer Heimat keine Alternative gibt: „Wenn für die Kulturschaffenden das Leben in so einer abweisenden und problematischen Stadt wie Teheran … fast unmöglich ist, so ist der Auszug in ein kleines Dorf inmitten von Bergen und Wäldern immer noch tausendmal besser als das Heimweh, das Gefrieren des Herzens und der Gedanke im bequemeren und prosperierenden Westen.“ Nein, Parsua Bashi kann aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen. Allein das ist im Iran dieser Tage eine bewundernswerte Leistung.





Parsua Bashi:

Briefe aus Teheran.

Aus dem Persischen von Susanne Baghestani.

Verlag Kein & Aber,

Zürich 2010.

192 Seiten, 18,90 Euro.

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