Kultur : Vom Sinn der Zitierkartelle

BODO MORSHÄUSER

Demnächst werde ich einen offenen Brief an mich selbst verfassen, in dem ich mich fragen werde, warum ich keine offenen Briefe veröffentliche und warum, wie ich gelesen habe, von mir und anderen Schriftstellern meiner Generation fast nichts zu hören ist zu aktuellen politischen Moralfragestellungen. Einige Schriftsteller anderer Generationen haben ständig etwas zu behaupten, zu Auschwitz, zu Bagdad, zum HolocaustMahnmal, zum Kosovo. In dem offenen Brief werde ich mich öffentlich auffordern, Meinung zu haben, Stellung zu beziehen, und will vermeiden, mich, wie ich bei Richard Herzinger gelesen habe, "demonstrativ indifferent" zu verhalten.Mir schwebt vor, meinen Brief in eine Art Reisebericht einzupacken, wie es zur Zeit gang und gäbe ist. Ich werde ein weithin anerkanntes Krisengebiet besuchen, am besten jedoch eines, das erst am nächsten Tag dazu erklärt wird, damit ich erster bin, wie meine Tochter beim Trepperunterrennen.In meinem noch zu schreibenden offenen Brief werde ich mich fragen, warum es mir in der Tat manchmal schwerfällt, aktuell das zu veröffentlichen, was ich Tag für Tag zu jenen Fragen vor mich hin denke und auch notiere - während die üblichen Kollegen längst die Feuilletonredaktion bedienen.Nicht, weil, wie ich gelesen habe, eine "Furcht, am Anspruch der Universalschriftsteller gemessen zu werden" mir im Wege steht. Das Gegenteil ist der Fall. Was die sogenannten Universalschriftsteller zu den Moral- und Krisengebietsfragen von sich geben, ist so bestürzend banal, politisch wie literarisch schmalbrüstig, meistens eher hingehuscht als geschrieben, ist allein taktisch gedacht (und eitel sowieso). Peinlich, wenn ein Großautor sich in seiner Paulskirchen-Festrede auf jenen Großkritiker bezieht, der an seinen Büchern bemängelt hat, das Wort Auschwitz komme darin nicht vor, und eine so grundsätzliche wie vielzitierte Rede hält, ohne auf den Kritiker hinzuweisen, dem er doch antwortet. Und noch peinlicher wurde es, als all die Siebzig- und Übersiebzigjährigen und selbst der gemeinte Großkritiker darauf antworteten; aber niemand in dieser sogenannten Debatte legte einmal die Entwicklungslinie offen, warum was gesagt worden war. Vielmehr produzierte sich jeder in einer Mißverständnislinie und verlängerte diese noch, anstatt sie aufzuklären.Nein, was mich abhält vom zuverlässigen öffentlich-moralischen Reagieren, ist, daß ich nicht verstehe, wie man Schriftsteller für die Zuständigen halten kann, die Politik und Moral erwähnenswert gültig zu beurteilen hätten. Warum nicht Physiker? Rechtspfleger! Piloten! Immer noch geht man davon aus, daß die politisch-moralischen Äußerungen eines Künstlers ein Licht werfen auf die Beziehung zwischen Kunst und Politik. Ich werde dann behaupten, daß dieses sogenannte Verhältnis von Politik und Kunst, das eine Gegenseitigkeit suggeriert, aus einer langvergangenen Zeit stammt, als der Staatsführer sich von einem Dichter noch etwas sagen ließ. Und ich werde weiter behaupten, daß wir lange schon in einer Zeit leben, in der einige Dramatiker sich zum Staatsmann realisiert haben, andere aber, wie mindestens dieser eine Psychodichter, der immer noch frei herumläuft, zu Organisatoren systematischer Vernichtung geworden sind.Vielleicht würde ich mich zu den politisch-moralischen Aktualitäten äußern, wenn - ja, wenn ich mein Bild von der Wirklichkeit nicht trüben lassen wollte durch die sich immer etwas anders darstellende Gegenwart. Wenn mir nicht jede dieser politischen Laienbekundungen von Autoren eine oder zwei Wochen später hoffnungslos veraltet vorkäme (unlängst, am 3. Juli, fand im Berliner "Haus der Kulturen der Welt" ein Kongreß mit dem Titel "Kosovo - Krieg in Europa" statt). Vielleicht würde ich mich zu den politisch-moralischen Aktualitäten äußern, wenn ich unter den sich ebenso anders äußernden Schriftstellern einen Feind hätte, einen, den ich emotional wie rational immer schon zu bekämpfen hatte, einen, dessen grundsätzliche Moralfrageantworten, die zum Teil als offene Briefe schon veröffentlicht sind, ich bestreiten müßte. (Sind Peter Handke seit jeher und Botho Strauß seit einigen Jahren nicht geradezu von ihren Gegnern begehrte Feinde, gehegt und gepflegt mit wiederkehrenden Angriffen?)Was der politisch-moralische Wachhund unbedingt leisten muß: Das Problem, die Fragestellung verengen. Nur so kommt er ja zu diesen langweilig eindeutigen Anschauungen. So fehlte jegliche Wahrnehmung bei den sogenannten intellektuellen Beobachtern dafür, was das amerikanische Interesse am Krieg gegen Jugoslawien gewesen ist, und daß diese Aktion in ihrer mittel- und langfristigen Wirkung auch ein Krieg des Dollar gegen den Euro und ein Krieg der Nato gegen die Uno gewesen ist.Und warum soll man nicht für die überfällige Reaktion der Nato gegen Jugoslawien sein und gleichzeitig respektieren können, wie Peter Handke die Aktionen empfindet, und zugeben können, daß dies ein Krieg gegen die serbische Bevölkerung gewesen ist, ein Krieg ohne Uno-Mandat, und warum sollte man nicht gleichzeitig Ja sagen zu dieser Aktion? Überhaupt auffällig, daß die Gegner dieses Angriffskrieges der Nato besonders scharf attackiert werden (lustigerweise von bisher ausgewiesenen Kriegsgegnern). Das hängt weniger damit zusammen, daß der Fall hier so klar ist wie selten, sondern es hängt damit zusammen, daß auch die Nato-Befürworter wissen, daß dieser Krieg keine völkerrechtliche Grundlage hatte und noch Präzedenzfall werden könnte für ganz andere "Eingriffe".Der moralisch-politisch korrekt-zuständige Autor als Wachhund ist all dies nicht allein geworden. Er wird es in der Regel erst in einer Fraktion. Aktuell: Die eine Fraktion veranstaltet den Kongreß "Krieg in Europa". Die andere Fraktion führt an jenem 3. Juli in Berlin einen Kongreß durch, der heißt: "Gegen die Versöhnung mit der Vergangenheit". Die einen sind Befürworter des JugoslawienKriegs, die anderen sind Gegner. Die Befürworter wedeln mit der Karte Europa, die Verneiner richten den Daumen auf Deutschland. In einer politischen Fraktion kommt man vom Fleck und zu Durchsetzungskraft, indem man rechtzeitig alle Abgeordneten anruft und ihnen klarmacht, warum sie wie abzustimmen haben. In einer Intellektuellenfraktion kommt man vom Fleck, wenn man in den Telefonbüchern der Gleichgesinnten und Mitteilungsgewohnten steht und stimulierende Anrufketten aufziehen kann.Kurz gesagt: Man braucht politischen Kampfgeist. Und der geht mir wahrlich abhanden (so wie Gruppenbildung, zu meinem Vergnügen). Es ist auch nicht mein Interesse, in einem Zitierkartell hin und her geschaukelt zu werden und Gleichgesinnte zu schaukeln. Ein Zitierkartell ist eine Ansammlung von Menschen mit solchem Kampfgeist. Sie haben sich erkannt, und sie gehen nun durch Dick und Dünn, egal, welche Zeichen die Wirklichkeit sendet, die wird zurechtgebogen. Intellektuelle in einem Zitierkartell sind grundtraurige Menschen, die grundtraurige Menschen gefunden und deren Telefonnummern notiert haben, mit denen sie nun öffentlich das grundtraurige Spiel spielen, in Erinnerung an etwas einmal für wahr Befundenes sich gegenseitig zum Kopfnicken zu stimulieren. Und es klappt!

Der Autor veröffentlichte zuletzt "Liebeserklärung an eine häßliche Stadt - Berliner Gefühle" (Suhrkamp Taschenbuch).

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