Kultur : Von Spitzeln und Genies

Im offenen Studebaker: Kati Marton über Budapest, neun berühmte Juden und den Kalten Krieg

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Flucht aus dem Zion an der Donau: Alexander Korda, einer von Martons neun Budapester Protagonisten, produzierte unter anderem den Film „Der Dritte Mann“ (1949) mit Orson Welles in der Hauptrolle. Foto: akg
Flucht aus dem Zion an der Donau: Alexander Korda, einer von Martons neun Budapester Protagonisten, produzierte unter anderem den...

Kati Marton wurde in Budapest geboren. Sie war sieben Jahre alt, als sie das Land über Wien Richtung Amerika verließ. Ein kleines Mädchen, das nie aufhörte Ungarisch zu sprechen, das nie die Gerüche und Geräusche der Stadt an der Donau vergessen konnte, freilich auch nicht die Ängste und Nöte, die sie dort ausstehen musste, weil ihre Eltern ins Visier der AVO, der ungarischen Stasi geraten waren.

Martons neuestes Buch „Enemies of the People“ („Volksfeinde“), aus dem sie jüngst in der American Academy in Berlin gelesen hat, erzählt die Geschichte ihrer Eltern im Nachkriegsungarn, im Budapest des Kalten Krieges, das unter Mátyás Rakosis Herrschaft und der allgegenwärtigen Bespitzelung durch den berüchtigten Geheimdienst ächzte.

Endre und Ilona Marton waren die letzten wirklich unabhängigen Journalisten im Ostblock. Bis 1955, dem Jahr ihrer Verhaftungen, arbeiteten beide für amerikanische Nachrichtenorganisationen, er für AP, sie für UPI. Wenn auch ihr außerordentlich auffälliger Lebensstil – das Elegante, Weltläufige und Englischsprachige – jeder Geheimnistuerei entbehrte, wurden sie doch ständig der Spionage verdächtigt. Endre Marton, ein Beau in Maßanzügen und handgenähten Schuhen, fuhr mit einem weißen, offenen Studebaker durch das graue Nachkriegs-Budapest; es war eine einzige Herausforderung für seine kommunistischen Beschatter. Er hatte das Auto einem scheidenden amerikanischen Diplomaten abgekauft.

Die Martons, die mit falschen Papieren und der Hilfe christlicher Freunde dem Holocaust entkommen waren, scheinen absolut furchtlos gewesen zu sein. Sie ignorierten das Ende des bürgerlichen Zeitalters und bewegten sich wie auf einer eigenen Insel. Ihre Wohnung war die Anlaufstelle für westliche Korrespondenten (solange die noch erlaubt waren) und Diplomaten. Sie wussten, dass sie bespitzelt wurden, für manches treue Hausmädchen und manchen Freund formulierten sie sogar selber die AVO-Berichte. Doch offensichtlich war ihnen nicht klar, wie dicht sie von Spähern umstellt waren.

Kati Marton hat sich in die AVO-Akten ihrer Eltern vertieft; sie gehören zu den dicksten in der ganzen AVO-Sammlung. Jeder, der das zweifelhafte Glück hat, seine eigenen Akten zu studieren, kann sich Martons Schock vorstellen. Selbst ihr französisches Kindermädchen, das sie nie leiden konnte, hat so fleißig aus dem Martonschen Haushalt berichtete, dass sie sogar Kinderzeichnungen der Fünfjährigen beim Geheimdienst einlieferte.

Marton hat den Akten auch Dinge über ihre Eltern entnehmen können, „die die meisten Töchter vorgezogen hätten, unerforscht zu lassen“, wie Louis Begley in seinem Lob für das Buch befindet, das er „offen und mutig“ nennt. Vor ihrer Verhaftung hätten die Eltern sich fast getrennt, während der Haft dachte der Vater öfter über Selbstmord nach. Ironischerweise verdankt die Tochter den Feinden auch die schönste Liebesbekundung des Vaters für seine Töchter Juli und Kati. Die Kinder, notierte die AVO, seien sein „einziger Schwachpunkt“. Sie erfuhr auch, dass der Vater nie, auch unter Folter nicht, irgendeinen ungarischen Landsmann verraten hat.

In der kurzen Tauwetterperiode nach dem XX. Parteitag kamen die Martons frei, gerade rechtzeitig, um wie zuvor für AP und UP über die neue Lage und alsbald über die Revolution von 1956 zu berichten. Diese Berichte brachten Marton zwar den berühmten George-Polk-Gedächtnis-Preis ein, gefährdeten die Familie aber auch erneut. Die Amerikaner machten einen Deal mit den Ungarn, der AP-Mann sollte fortan aus Wien berichten. Daraus wurde nichts. Einmal für die Preisverleihung in den USA, blieb die Familie dort.

Doch auch in der neuen Welt waren die Martons vor dem Geheimdienst nicht sicher, die AVO war ihnen stets auf den Fersen, um sie als Spitzel gegen Amerika zu gewinnen. Auch Hoovers FBI war dieser Flüchtling nicht geheuer. Kati Marton hat mit diesen Erinnerungen eine Liebeserklärung an die Eltern und an Budapest geschrieben. Ein Thriller ist es obendrein, den man ziemlich atemlos bis zur letzten Seite liest.

Zugleich liegt nun auch ihr 2006 erschienenes Buch „The Great Escape“ auf Deutsch unter dem Titel „Die Flucht der Genies“ vor. Es handelt von neun ungarischen Juden, die im Umkreis von fünf Quadratkilometern in Budapest aufwuchsen, vor den Nazis fliehen mussten und die Welt veränderten. Die Protagonisten sind die Naturwissenschaftler Leo Szilard, Eugene Wigner, Edward Teller und John von Neumann, die entscheidende Rollen bei der Entwicklung der Atombombe und des Computers spielen sollten. Zwei andere waren die Filmemacher Michael Curtiz und Alexander Korda. Curtiz dreht den antifaschistischen Kultfilm „Casablanca“ und Alexander Korda den nicht minder berühmten Nachkriegsthriller „Der dritte Mann“. Hinzu kommen die Fotografen Andre Kertesz, der als der Vater des Fotojournalismus gilt, und Robert Capa, dessen Bilder aus dem spanischen Bürgerkrieg und von der Landung der Alliierten 1944 die Kriegsfotografie für Jahrzehnte prägen sollten. Schließlich Arthur Koestler, dessen „Sonnenfinsternis“ zum prophetischen Roman über den kommunistischen Totalitarismus wurde.

Marton geht diesen genialen Männern und ihrem ersten Wirkungsort, Budapest, dem Zion an der Donau des frühen 20. Jahrhunderts nach. Die berauschende Atmosphäre dieser Stadt, die bis zum Ende des Ersten Weltkriegs andauerte, wird sich nie wieder einstellen. 20 Prozent der Bevölkerung waren jüdisch, Juden genossen beispiellose Entfaltungsmöglichkeiten. 1920 war es damit vorbei, lange bevor die Nazis die Macht in Deutschland errangen. Die antisemitischen Gesetze der Horthy- Regierung vertrieben die Hochbegabten erst in andere europäische Länder, dann nach Amerika. Dort haben sie mit unnachahmlichem Akzent und alteuropäischer Eleganz ihre magyarische Neurose pflegen können und doch die Welt aus den Angeln gehoben.

Wunderbar geschrieben und bestens recherchiert sind beide Bücher „Gewinn und Belehrung“ zugleich, wie das geflügelte Wort im untergegangenen Prager „Tagblatt“ hieß, das wie Budapest zur verschwundenen k. u. k. Welt gehört. Man darf es leicht abändern: mit Wehmut und Belehrung.

Katie Marton: Enemies of the People. Simon & Schuster, New York 2010. 288 Seiten, 26 Dollar.

Die Flucht der Genies. Andere Bibliothek, Frankfurt/M 2010. 382 Seiten, 32 Euro.

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