Kultur : Von Suhrkamp zu Suter

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In diesen Buchmessentagen ist viel die Rede von den historischen Umwälzungen, die die Medien- und Buchbranche und überhaupt unseren Umgang mit Sprache und Schrift betreffen. Einen „Technologiebruch“ diagnostizierte Buchmessendirektor Jürgen Boos in seiner Eröffnungsrede, eine „kreative Zerstörung“, wie es sie seit der Erfindung des Buchdrucks nicht gegeben habe. Betroffen davon ist natürlich auch der Suhrkamp Verlag, der aber weiterhin auf Tradition setzt und trotz seines Umzugs nach Berlin Anfang dieses Jahres wie immer am Buchmessenmittwoch, 17 Uhr, Klettenbergstraße 35, seinen Kritikerempfang in der Unseld- Villa gibt. Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz, die sich am nächsten Tag über den Nobelpreis für ihren Autor Mario Vargas Llosa freuen kann, macht in ihrer Ansprache gar den Vorschlag, die Klettenbergstraße in Siegfried-Unseld-Straße umzutaufen, damit die Spuren des großen Suhrkamp-Verlegers wirklich in alle Ewigkeit sichtbar sind. Wie das Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth wohl findet? Ihrer Miene ist wenig zu entnehmen. Immerhin ist sie anwesend, das hat was Versöhnliches, denn die Stadt war nach dem Umzugsbeschluss alles andere als amüsiert.

Anwesend sind gleichfalls zahlreiche Schriftsteller, die von Unseld-Berkéwicz alle der Reihe nach genannt werden, von Eva Demski über Oswald Egger, Andreas Maier, Thomas Meinecke bis hin zu Cees Nooteboom und Gerald Zscorsch. Oder Alexander Kluge, der kurz etwas aus seinen neuen Büchern vorliest und moniert, dass sich die Literatur von heute viel zu wenig mit der Politik auseinandersetze. Was im Anschluss daran aber niemanden dazu animiert, über Politik oder die mangelnde Welthaltigkeit der zeitgenössischen Literatur zu reden, (zumal mit den Romanen der Migranten und dem Deutschen Buchpreis an Melinda Nadj Abonji die Welthaltigkeit ja im Trend zu sein scheint). Besonders welthaltig sind die Gespräche in der Unseld-Villa dann aber nicht. Schon gar nicht, wenn sie sich um die Scharmützel zwischen Moritz von Uslar und „Welt“-Feuilletonchef Cornelius Tittel und die daraufhin einsetzende Glossenflut drehen. Eine kleinere Welt ist kaum vorstellbar. Man atmet auf, als die Welt wieder ein bisschen größer wird und das Thema Hanser Verlag und „FAZ“ die Runde macht. Sie haben zusammen für Kunden der DB Lounges in Frankfurt und München eine 16-seitige Leseprobe des Martin-Mosebach-Romans „Was davor geschah“ entwickelt.

Bei Suhrkamp ist man darüber nicht froh. Der Verlag sieht Hanser so bei der Berichterstattung und Literaturkritik der „FAZ“ entscheidend im Vorteil. Berlin ist eben weit und München näher, von Frankfurt aus gesehen. Und Berlin bietet Gelegenheit zu ganz anderen Kooperationen. So innig, wie sich der Chef des Berliner Verbrecher Verlags, Jörg Sundermeier, und Ulla Unseld-Berkéwicz geherzt haben, dürfte da bald was anstehen. Der Verbrecher Verlag als Imprint des Suhrkamp Verlags!? Jörg Sundermeier als Kronprinz von Ulla Unseld-Berkéwicz!? Das wäre doch was! Da könnte der Suhrkamp Verlag gleich viel gelassener mit dem Technologiebruch dieser Tage umgehen.

Gespräche über Drogen sind in der Regel einfach und lustig. Jeder hat in welchem Rausch auch immer schon seine Dummheiten gemacht. So gestaltet sich auch das Tischgespräch beim Mittagessen des Diogenes Verlags im Hessischen Hof recht problemlos. Der Schweizer Erfolgsschriftsteller Martin Suter erzählt, dass er früher immer mal ein, zwei Bier beim Schreiben getrunken hätte, beim dritten sei aber nie mehr was gegangen. In der Runde ist man sich einig: Trinken und schreiben passt nicht, kiffen und schreiben geht gar nicht. Andere Drogen hätte er nie ausprobiert, so Suter weiter. Das jedoch wirft die Frage auf, wie er eigentlich damals seinen Roman „Die dunkle Seite des Mondes“ schreiben konnte, in dem der Wirtschaftsanwalt Urs Blank mit halluzinogenen Pilzen experimentiert und sich in Drogenräuschen verliert.

Suter berichtet von der Erfahrung, die er einst in Lagos machte, wo er für eine „Geo“-Reportage im „Shrine Club“ der Afrobeat-Legende Fela Kuti war. Dort kreisten die Joints, und ein einziger Zug habe ihn so plattgemacht, dass er dem Gespräch mit Kuti nur gewissermaßen rückwärts gespult beiwohnen konnte. Es ist eigentlich eine lustige, aufregende Geschichte, die Suter erzählt, manchmal lächelt er auch. Trotzdem spricht er die ganze Zeit sehr leise, gedrückt, ist ihm die Trauer über den Tod seines dreijährigen Sohnes vor einem Jahr tief ins Gesicht gegraben. „Mir ist der Boden unter den Füßen weggezogen worden“, hat er in einem Interview Anfang des Jahres gesagt. Es scheint, als gebe es noch nicht einmal ein kleines Stückchen Boden, auf dem Suter wieder stehen könnte. Gerrit Bartels

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