Kultur : Vorsicht, Nachbarn!

Ein Taifun, Tarantino und Tendenzen des asiatischen Kinos: das Filmfestival im koreanischen Busan.

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Krisenglück. „Concrete Clouds“ von Lee Chatametikool aus Thailand.Foto: Festival
Krisenglück. „Concrete Clouds“ von Lee Chatametikool aus Thailand.Foto: Festival

Der größte Straßenfeger kam ungebeten, aber gewaltig. Danas, ein seltener Oktober-Taifun, brachte mit Wind und Wasser das Fest zum Erliegen, einen Abend und eine Nacht lang. Auch das Festival Village an Busans herrlichem Stadtstrand, wo partymüde Besucher gern den Tag ausklingen lassen, musste eilig weggeschafft werden.

Der einzigartigen Atmosphäre dieses so gastfreundlichen Filmfests konnte Danas aber nichts anhaben. Seit 1996 wird Südkoreas große Hafenstadt jeden Herbst zum wichtigsten Treffpunkt für Asiens Filmwelt. Junge Talente aus traditionellen Filmländern und Regisseure aus den Randregionen treffen sich hier mit etablierten Filmemachern, die ihren aktuellen Blockbuster im Gepäck haben.

Selbst die Gala-Abende – unter freiem Himmel und in unmittelbarer Nähe des Nakdonggang-Flusses – stellen Publikumsmagneten wagemutig neben eher sprödes Autorenwerk. Wie eine krumm gebrannte Kerze schleppt sich etwa die Protagonistin in Zhanna Issabayevas „Nagima“ durchs Leben, einsam, ungeliebt, glücklos. Der kasachische Film erweist sich als Herausforderung für die Zuschauer: Kann man Empathie aufbringen für einen Menschen, der dumm, hässlich und nutzlos – aber eben dennoch: empfindsam – ist?

Auch eine Zumutung: der koreanische Animationsfilm „The Fake“ von Yeon Sang-ho. Ein brutaler Dorfschreck und der junge Priester eines christlichen Kultes drangsalieren die tiefgutgläubigen Bewohner eines Provinzstädtchens: Ein guter Mensch, der lügt, um sein Ziel zu erreichen, und ein schlechter Mensch, der kein Ziel hat, aber als Einziger die Wahrheit sagt – so anregend kann ein Film sein ohne Hoffnung und ohne Antworten.

Animation ist nur der neueste Wachstumsbereich in Koreas fruchtbarer Film- und TV-Industrie. Die staatliche Förderquote wurde zwar auf Druck der USA empfindlich beschnitten; schwierige Jahre folgten. Inzwischen steht die Branche aber wieder voll im Saft. Von den zehn erfolgreichsten Titeln an den Kinokassen 2013 stammen acht aus Korea.

Doch die Nachbarn schlafen nicht. Vor allem in China wird Film nicht nur gepäppelt, sondern mit Zensur und Importschranken auch geschützt. Schon bald wird China der größte Kinomarkt der Welt sein: Jeden Tag, so Schätzungen, kommen dort zwölf neue Leinwände hinzu. Wang Jianlin, Chinas vermutlich reichster Geschäftsmann, will mit Investitionen von acht Milliarden US-Dollar die chinesische Hafenstadt Qingdao in einen Filmstandort verwandeln, der Hollywood in den Schatten stellt.

Wird die überall spürbare Ausrichtung auf Chinas kraftstrotzenden Markt die Vielfalt asiatischer Filmkultur ausdünnen? In Hongkong, dessen Alltag und Kultur ohnehin immer mehr von Zentralchina bestimmt werden, ist das bereits zu beobachten. Die ehemals blühende Filmstadt ist ein Schatten ihrer selbst.

Auch deshalb soll Busan noch mehr zur Plattform für ganz Asien werden. Demonstrativ (und zum Unwillen etlicher Busaner) eröffnete das Festival dieses Jahr nicht mit einer koreanischen Produktion, sondern mit einem Film aus Bhutan („Vara: A Blessing“) – dem Land mit dem wohl kleinsten Filmsektor der Welt.

Der Wettbewerb wiederum präsentiert nur Debüts oder zweite Filme. Beiträge wie der Gewinner „Remote Control“ der Mongolin Byamba Sakhya, mit Unterstützung des Berliner World Cinema Fund entstanden, sind allerdings oft eher ein Versprechen auf die Zukunft als zwingend preiswürdig. Auch der Thailänder Lee Chatametikool, bislang als Cutter für Apichatpong Weerasethakul tätig, scheitert mit seinem unübersehbar an Wong-Kar Wai orientierten Liebesdrama vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise 1997 („Concrete Clouds“). Beide Filme, nicht untypisch für Frühwerke, bleiben hinter den Möglichkeiten einer guten Ausgangsidee zurück.

Wenn es ein Thema gibt, das sich durch alle Sektionen zieht, dann sind das die enormen, oft unsichtbaren Ströme der Wanderarbeiter in Asien. Filme wie „Thuy“ (Vietnam) oder „Ilo Ilo“ (Singapur) destillieren daraus bewegende Einzelschicksale. Bemerkenswert aber vor allem: „Transit“ von Hannah Espia, eine Familiengeschichte aus dem Alltag philippinischer Arbeiter in Israel, deren Kinder häufig in Wohnungen versteckt aufwachsen, weil „illegale“ Kinder unbarmherzig ausgewiesen werden.

„Transit“, „Remote Control“, „Nagima“ – Filme von Regisseurinnen sind erfreulich präsent. Nichts Neues dagegen die hohe Qualität der Genrefilme. Taiwan sorgt mit „Soul“ für Aufsehen, dem faszinierenden Psychothriller um einen alten Orchideenzüchter (Martial-Arts-Legende Jimmy Wang Yu), der das rätselhafte Verhalten seines Sohnes mit allen Mitteln zu vertuschen sucht, selbst als dieser die einzige Schwester ersticht. Die Feuchtigkeit, der Nebel des Bergdschungels scheinen geradezu von der Leinwand in den Saal zu kriechen.

Weiterer Höhepunkt: Bong Joon-hos Sci-Fi-Thriller „Snowpiercer“. Koreas teuerster Film aller Zeiten (Kosten: 40 Mio. US-Dollar) spielt zur Gänze in einem seit 18 Jahren um die Welt rasenden Zug, der nach Einbruch einer neuen Eiszeit die letzten, autokratisch organisierten Reste der Menschheit beherbergt. Tilda Swinton, John Hurt und Ed Harris treten neben Stars aus Korea in Erscheinung.

Ein koreanischer Film, basierend auf einem französischen Comic, in englischer Sprache: Solche Produktionen wird man künftig häufiger sehen. Wobei die Dystopie in „Snowpiercer“ verblüffend ähnlich angelegt ist wie jene in Neill Blomkamps „Elysium“ – nur wurde sie viel stringenter und fantasievoller umgesetzt. Hollywoods Entwurf, oder wohl genauer: Auswurf wirkt dagegen reichlich schwach.

Bong („The Host“) ist ein Regiestar in Asien. Seine Anwesenheit sorgt, nachdem Danas sich verzogen hat, für einen weiteren Überraschungsgast, der das Festival durcheinanderwirbelt. Quentin Tarantino, der wichtigste Botschafter des asiatischen Kinos im Westen, nutzt kurz entschlossen die Gelegenheit, „endlich mal mit Bong abzuhängen“. Und Bong deutet mit entsprechender Geste an, dass es am Abend vorher feuchtfröhlich zugegangen sein muss.

Und so endet das Fest mit einem unterhaltsamen Gipfeltreffen zwischen Fernost und Fernwest: Wie leidenschaftliche Filmnerds plaudern Bong und Tarantino über geliebte B-Movies der 70er Jahre. Amerikanisch, italienisch, koreanisch, chinesisch – Bong und Tarantino verschlangen stets alles, was sie zu fassen kriegten. Auch ohne Untertitel. Die Handlung zu den Bildern kann man ja selbst erfinden. Sebastian Handke

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