Kultur : Wachwechsel

Hanser Berlin: Ruge geht, Kredel kommt.

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Ihr Glück war von kurzer Dauer: Zum Jahresende gibt Elisabeth Ruge die Leitung des im Herbst 2011 von ihr gegründeten Verlags Hanser Berlin ab. An die Spitze des als Imprint des Münchner Carl Hanser Verlags geführten Hauses in der Friedrichstraße rückt Karsten Kredel. Er war seit Juli 2011 Programmleiter für Internationale Literatur im Suhrkamp Verlag. Die „aus persönlichen Gründen“ getroffene Entscheidung, wie es in einer Pressemitteilung heißt, muss für die 1960 geborene Ruge dennoch bitter sein.

Im Gerangel um die Programmautonomie des Berlin Verlags, den sie seit 2005 als verlegerische Geschäftsführerin leitete, hatte sie im Kampf gegen das englische Mutterhaus Bloomsbury erst im Frühjahr 2011 den Bettel hingeworfen. Nigel Newton, Chief Executive Officer der Gruppe, wollte alle zur Gruppe gehörenden Häuser zentral von London aus steuern. Inzwischen gehört der Berlin Verlag zur schwedischen Bonnier-Gruppe, die in Deutschland unter anderem Ullstein und Piper führt.

Viele der von Ruge beim Berlin Verlag betreuten Autoren, darunter Péter Esterházy, Richard Ford, Jonathan Littell oder Ingo Schulze, waren ihr zu Hanser Berlin aus persönlicher Verbundenheit gefolgt. Gleich das erste Programm im Frühjahr 2012 schmückte überdies mit Philippe Pozzo di Borgos Lebenserinnerungen „Ziemlich beste Freunde“ ein Bestseller. Nun steht das vierte Programm bevor, unter anderem mit einem neuen Roman von Helene Hegemann.

Mit Karsten Kredel, Jahrgang 1973, folgt ihr ein literarisch profilierter Verlagsleiter nach. Er soll die programmatische Ausrichtung, wie es heißt, nicht verändern. Mit Julia Graf als Belletristiklektorin und Ludker Ikas als Sachbuchlektor kann er sich obendrein auf ein bewährtes Team verlassen. Anders als beim Berlin Verlag scheint Ruge diesmal tatsächlich auf eigenen Wunsch auszuscheiden. Sie ist seit Jahrzehnten eng mit Michael Krüger befreundet, dem Chef der Hanser-Gruppe, zu der auch der Wiener Zsolnay Verlag und der Zürcher Verlag Nagel & Kimche gehören. Krüger aber, der im Dezember 70. Geburtstag feiert, übergibt sein Amt zum 1. Januar 2014 nicht ohne Abschiedsschmerzen an den 1968 geborenen Jo Lendle. Während der machterfahrene Altverleger sein Reich schon nicht mehr bis in den letzten Winkel kontrolliert, hat der neue seine Regentschaft noch nicht angetreten. Diese Übergangszeit führt intern zu erheblichen Spannungen. Sie wollte und konnte Ruge offenbar nicht mehr ertragen. Gregor Dotzauer

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