• Walhall am Broadway: Eine Begegnung mit Lys Symonette, der amtierenden Präsidentin der amerikanischen Kurt-Weill-Foundation

Kultur : Walhall am Broadway: Eine Begegnung mit Lys Symonette, der amtierenden Präsidentin der amerikanischen Kurt-Weill-Foundation

Isabel Herzfeld

Das kann nur eine Musical-Story sein: Eine knapp 25jährige kommt mit einem Stipendium in der Tasche über den großen Teich, aus Mainz, wo Krieg und Verfolgung das Leben schon lange unerträglich machen. Nach Abschluss ihrer Musikstudien am Curtis Institut Philadelphia braucht sie einen Job, tingelt als Korrepetitorin durch die Broadway-Theater. Drei Tage lang begleitet sie "manchmal ganz unmögliche Leute" zum Probesingen, danach kommt ein Mann auf die Bühne: "Ich möchte Sie gerne für diese Show haben, mein Name ist Kurt Weill".

Genau 55 Jahre ist das jetzt her, doch bis heute ist Lys Symonette Kurt Weills treueste Mitarbeiterin geblieben. Als Betreuerin so wichtiger Werke wie "Street Scene" oder "Lost in the Stars", als testamentarisch eingesetzte Vizepräsidentin der Kurt-Weill-Foundation kennt sie jeden Ton ihres Idols, ist gewissermaßen Vollstreckerin seines musikalischen Willens.

Diese Aufgabe steht über allem, und auch darin weiß sich die resolute Sachwalterin - an der die Zeit scheinbar spurlos vorübergegangen ist - mit ihrem Meister einig. Anekdoten über ihn sind ihr kaum zu entlocken. "Ganz auf die Arbeit war er konzentriert, strictly business, ungeheuer freundlich, aber auch irgendwie unnahbar. Wenn es mal Probleme gab, wie mit dem eifersüchtigen Verfasser von "Street Scene", dann hat er das mit sich abgemacht, sehr viel runtergeschluckt." Also alles easy? Die Verbindung mit diesem stillen tiefen Wasser muss jedenfalls kompliziert gewesen sein.

Der Mensch Kurt Weill weiterhin im Dunkel, der Komponist im Licht? Umso wichtiger ist es Symonette, mit Legenden aufzuräumen. Da geistert zum Beispiel die von Weill als unpolitischem Künstler umher, der sich nach der Loslösung von Bert Brecht am Broadway dem Kommerz hingab. Die Welt ist eben vergesslich: "Lost in the Stars" etwa behandelt das Apartheid-Problem; "Der Kuhhandel", eine Operette, die jetzt in Dessau zur deutschen Erstaufführung kommt, nimmt sich der Waffenschieberei an, durchaus im satirischen Stil Offenbachs; und "Die Bürgschaft" wiederum - "musikalisch bestimmt das Bedeutendste, was er geschrieben hat" - lässt alle edleren Regungen dem "Gesetz der Macht und des Geldes" unterliegen. Alle diese Stücke kennen keine "schönen Schlüsse" - und es sorgt auch kein reitender Bote wie in der "Dreigroschenoper" mehr für Ironie. "Das wollte dann natürlich keiner hören". Doch die Wiederaufführung der "Bürgschaft" voriges Jahr in New York wurde ein Riesenerfolg: "Da hat man zum ersten Mal gesehen, was für ein Komponist der Weill überhaupt war."

Jedenfalls einer, der große Opern schrieb für große Stimmen. So befriedigt die auch mit der Herstellung authentischer Ausgaben befasste Foundation-Präsidentin die vermehrten Aufführungen im Jubiläumsjahr 2000 registriert, so besorgt wacht sie über deren Qualität. An vielem sei der Brecht schuld, dieser eitle Dichter, der wie einst Goethe bei Schubert seinen Text im Vordergrund sehen wollte. "Schon mit Barbara Brecht gab es furchtbare Streitigkeiten, weil sie alles mit Schauspielern besetzen wollte. Aber Weill wollte alles gesungen haben - und nicht gesprochen".

Im Meisterkurs freilich, den Lys Symonette soeben in Berlin für die Teilnehmer am ersten deutschen Lotte-Lenya-Wettbewerb abhielt, wachte sie unerbittlich über die Genauigkeit der Diktion. Immer wieder zitiert sie die Vorrede zur Oper "Intermezzo" von Richard Strauss, nach der eine kleine, genau artikulierende Stimme besser gegen das Orchester ankommt als eine große, die nur Vokale singt. Für Symonette sagt die Musik emotional mehr aus als jeder Text, andererseits aber gilt: "Gerade Weill hat sich seine Dichter sehr genau ausgesucht und stets das Ganze im Blick gehabt". So müssen sich die jungen Aspiranten immer wieder fragen lassen, worum es in ihrem Song eigentlich geht. Und, Hand aufs Herz, wer von uns kennt heute, 50 Jahre nach Kurt Weills Tod, eigentlich "Marie Galante" oder "Lady in the Dark"?

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