Kultur : Wand an Wand

Grusel mit Gefühl: „Fünf Tage ohne Nora“

Jakob Wais
Jüdisch? Katholisch? José (Fernando Luján) in Beerdigungsnöten. Foto: Tobis
Jüdisch? Katholisch? José (Fernando Luján) in Beerdigungsnöten. Foto: Tobis

Für seine Exfrau hat der verbittert schrullige Atheist José (Fernando Luján) nicht mehr viel übrig. Zwar trennt die Wohnungen der beiden nur eine schmale Straße, doch während Nora (Marina de Tavira) ihren Exmann mit einem Opernglas im Blick behält, hat der seinen Feldstecher schon lange in einer Schublade verstaut. Als Nora der fünfzehnte Selbstmordversuch gelingt, muss José feststellen: Sie hat nicht nur dafür gesorgt, dass er es ist, der ihren Leichnam findet, sie hat auch schon Kaffee gekocht und alle Schritte bis zu ihrer Beerdigung geplant. So schnell ist José allerdings nicht bereit, ihr die Führung in diesem letzten Akt zu gewähren und bestellt für seine jüdische Exfrau kurzerhand ein katholisches Begräbnis.

In ihrem preisgekrönten Debütfilm „Fünf Tage ohne Nora“ verarbeitet die mexikanische Regisseurin Mariana Chenillo die Geschichte ihrer Großeltern, die – wie José und Nora – jahrelang getrennt Wand an Wand lebten. Schon Dani Levy befasste sich in „Alles auf Zucker“ mit einer zerstrittenen jüdischen Familie, die durch die Taschenspielertricks einer Verstorbenen zusammengeführt wird. Auch Nora scheint ihren Hinterbliebenen immer einen Schritt voraus zu sein. Den kindlich-trotzigen Bemühungen Josés steht die elegante Ordnung gegenüber, die sich in ihrer kleinen Wohnung widerspiegelt. Hier finden große Teile der Handlung statt: Dieses Minus an Kulisse gibt den Charakteren wie auf einer Theaterbühne viel Raum um ihre Eigenarten zu entfalten.

Immer mehr Personen sammeln sich auf „Einladung“ der Verstorbenen. Erst steht der Rabbi vor der Tür, dann die Haushaltshilfe, schließlich der Sohn des Ehepaars, während José zunehmend den Überblick verliert. Es entwickelt sich eine feinsinnige Tragikomödie, die allerdings mitunter an grotesk überzeichneten Momenten leidet. Als die Enkelinnen in Noras Nachlass einen Vibrator entdecken und ihn für eine Taschenlampe halten, erinnert der grobe Witz an US-amerikanische College-Filme. Fein schräg und angenehm unverkrampft wird es dagegen, wenn die erzkatholische Haushälterin Fabianna beginnt, sich mit dem jüdischen Beerdigungsritus auseinanderzusetzen. Die Thora sieht vor, Verstorbene ungeschminkt und ungeschmückt zu Grabe zu tragen. Fabianna dagegen will Nora partout nicht in ihrer natürlichen Blässe beerdigt wissen. Wer so elegant zum Lachen bringen kann, muss nicht mehr aufs College gehen.

Central, Moviemento

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