Kultur : Wand in Wand

David Tremlett und Alan Charlton zeigen Gemeinschaftswerke in der Galerie Markus Richter

Michael Zajonz

Die Großen der Kunstgeschichte haben gerne Wände bemalt: Raffael, Tiepolo, Dürer, Michelangelo. Und sie taten das mit dem gleichen Ehrgeiz, mit dem sie ihre preziösen Tafelbilder schufen. Im Laufe des 20. Jahrhunderts ist diese künstlerische Praxis dann in den Hintergrund geraten. Drückte Gustav Klimt durch Wandbilder noch seine persönliche Handschrift aus, sahen schon die Bauhäusler in der Raumgestaltung nur mehr eine – wenn auch hoch qualifizierte – Anstreicherarbeit. Der Hang zum malerisch gestalteten Raumkunstwerk, den frühere Jahrhunderte exzessiv kultiviert hatten, schien endgültig obsolet geworden zu sein.

Seit ein paar Jahren stoßen architekturbezogene Wandarbeiten bildender Künstler wieder auf größeres Interesse. Selten aber kommt es jedoch zu einer Zusammenarbeit mehrerer Künstler an einem Werk, wie sie in der Vergangenheit durchaus üblich war . Der Berliner Galerist Markus Richter bietet nun in der zweiten Ausgabe seiner Doppelausstellungen ein solches Ereignis: Die beiden Briten David Tremlett und Alan Charlton überzogen seine Galerieräume mit acht großformatigen Wandarbeiten, die von der Konzeption bis zur Ausführung gemeinsam entstanden sind.

Dabei geht es den beiden Künstlern nicht um spontane Affekte, wie sie von den Surrealisten oder den Malern der Gruppe Cobra bevorzugt worden sind. Tremlett und Charlton, 1944 und 1948 geboren, zählen mit Richard Long oder Gilbert & George zu jener Generation britischer Künstler, die sich Anfang der Siebzigerjahre mit konzeptuellen Ansätzen etablierten. 1972 stellten beide zeitgleich bei Konrad Fischer in Düsseldorf aus – damals allerdings noch in getrennten Räumen. Seither haben sich ihre Wege immer wieder gekreuzt. Im Frühjahr 2000 fanden sie erstmals in der Pariser Galerie Durand-Dessert zusammen und stellten gemeinsame Wandarbeiten aus.

Dort bereits wurde deutlich, was sich nun in der Neuauflage bei Richter fortspinnt: Beide Künstler beharren auf ihrem Vokabular, und doch entsteht scheinbar mühelos ein gemeinsames Drittes, eine friedliche, doch keinesfalls spannungslose Koexistenz. Charlton, der Diszipliniertere, macht mit seriellen, stets in gleichem Abstand gehängten und monochrom grauen oder schwarzen Leinwänden starke Vorgaben. Tremlett antwortet in verhalten farbigen, abstrakten Pastellmalereien, die er in delikaten Abstufungen direkt auf die Wand bringt.

Die Ideenfindung ist weniger eindeutig: Was der Betrachter für sich in eine Reihen- und Rangfolge bringen mag, kann auch ganz anders erdacht und gemeint worden sein. Die beiden Kollaborateure haben zu einer Arbeitsweise gefunden, wie man sie sonst nur von erfolgreichen Krimi-Autorengespannen kennt: Räumlich getrennt, begannen beide eine Reihe von Zeichnungen, die der andere, ohne das Vorgegebene verändern zu dürfen, vollendete. Aus diesen insgesamt 26 farbigen Entwürfen (je 4800 Euro) wählten die Künstler mit Blick auf den Galerieraum acht Arbeiten (23000–38000 Euro). Erworben und ausgeführt werden könnte aber auch jedes andere der Werke.

Alle Arbeiten stehen für sich, doch ihre Musikalität entwickelt sich im Zusammenklang: in Durchblicken, die den Betrachter immer weiter ziehen. Aus nächster Nähe geben die Wände selbst ihre Textur preis. Wenn dann noch für einen Moment die künstliche Beleuchtung ausgeschaltet wird, bringt das variierende Tageslicht Farbe und Raum zum Erzählen. Bräuchte es nur noch einen Medici unserer Tage – denn am liebsten ließe man sich Richters Galerie im Stück einpacken.

Galerie Markus Richter, Schröderstraße 13, bis 17. April; Dienstag bis Freitag 13–19 Uhr, Sonnabend 12–17 Uhr.

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