Warum Trump die Wahlen gewann : „Im Casino gewinnt der Kunde nie“

Der Krimiautor James Lee Burke hat sein ganzes Leben in den Südstaaten und im Mittleren Westen verbracht. Trotzdem ist er ein Liberaler. Ein Gespräch über Donald Trump, die verletzte Seele seiner Wähler und die Arroganz von Hillary Clinton.

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Restaurant eines Motels in der texanischen Kleinstadt Sweetwater.
Hier isst das wahre Amerika. Restaurant eines Motels in der texanischen Kleinstadt Sweetwater.Foto: Spencer Platt/AFP

Mister Burke, Donald Trump, so heißt es, habe seinen Wahlsieg den wütenden weißen Männern im Mittleren Westen und den Südstaaten zu verdanken, die von der Politik vergessen wurden. Stimmt das?

Das ist stark vereinfacht. Es war keine spezielle regionale Gruppe, die Trump ins Weiße Haus gebracht hat, eher eine sich langsam verfestigende Denkweise, die sich in den letzten Jahren in ganz Amerika breitgemacht hat. George W. Bush hat viel Schaden angerichtet, er ist im Irak einmarschiert, hat die Wirtschaft ruiniert und die schlimmste Rezession seit den dreißiger Jahren ausgelöst. Trotzdem genießt er bis heute bei 32 Prozent der Amerikaner hohes Ansehen. Unfassbar! Das ist der harte Kern von rechten Fanatikern, die sich von Fakten nicht beirren lassen und nun auch hinter Trump standen. Diese Typen hat es immer gegeben, sie sind Masochisten, Nativisten, die nur die Rechte der hier geborenen Menschen gelten lassen, sie sind ängstlich und xenophob. Vor allem aber sind sie wütend über den Zustand ihres Lebens und suchen dafür einen Schuldigen. Trump ist es gelungen, mit seinem demagogischen Wahlkampf genau ihre Ängste anzusprechen.

32 Prozent sind keine Mehrheit. Wie hat Trump auch die gemäßigten Wähler mobilisieren können?

Das haben die Demokraten für ihn getan. Hillary Clinton ist eine reizende Lady, aber sie hat sich permanent selber Wunden zugefügt. Ganz abgesehen von ihren E-Mail- und Lobbyismusaffären hat sie bereits im Sommer angekündigt: „Ich werde jedes Bergwerk und jeden Bergarbeiter außer Betrieb nehmen.“ Damit wollte sie Punkte machen bei den umweltbewussten Eliten. Die einfachen Leute hat sie vergessen. Ich habe in den Kohlegebieten der Appalachen gelebt. Die Menschen dort arbeiten hart für ihr Überleben. Und sie vergessen so etwas nicht. Weil der Bergbau kaum noch Erträge abwirft, sind viele Familien weiter nach Süden gezogen, in einen Gürtel von Staaten, die von Georgia und Tennessee bis nach Ohio und Michigan reichen. Mit einem einzigen Satz hat Clinton sich für diese Wähler als Kandidatin verbrannt.

Hat Hillary Clinton mit ihrer Arroganz demonstriert, dass ihr die Industriearbeiter egal sind?

Schlimmer als das. Sie hat gesagt, dass sie sie ausmustern werde, weil ihre Industrie veraltet ist. Clintons anderes, noch größeres Problem war, dass sie dem Big Money der Wall Street zu nahestand.

Zur Person

James Lee Burke, 79, ist einer der renommiertesten amerikanischen Krimiautoren. Er wurde zwei Mal mit dem Edgar, benannt nach Edgar Allan Poe, geehrt und war für den Pulitzer- Preis nominiert. In seiner Serie um den Südstaaten-Cop Dave Robicheaux sind bislang 20 Bände erschienen.

Zuletzt kamen die Romane Blut in den Bayous (Pendragon) und Vater und Sohn (Heyne) heraus. Burke wurde 1936 in Houston geboren und arbeitete lange auf texanischen Ölfeldern. Seinen ersten Roman veröffentlichte er 1970. Heute lebt James Lee Burke in der Kleinstadt Lolo in Montana.

In Ihren Romanen um den Ex-Cop Robicheaux kehrt die Vergangenheit in Form von Geistern aus dem Bürgerkrieg oder Skeletten von Mordopfern aus der Zeit der Bürgerrechtsbewegung zurück. Merken die USA nach dem entgleisten Wahlkampf nun, wie rassistisch sie noch immer sind?

Nein. Die Leute müssen sich daran erinnern, dass dies noch immer das Land von Thomas Jefferson und Abraham Lincoln ist. Es gibt hier Rassisten, aber die USA sind kein rassistisches Land. Eine numerische Mehrheit hat Clinton gewählt. Der Typ mit der seltsamen Frisur ist nun das Problem der Republikaner. Sie werden viel Spaß mit ihm haben. Es ist, als würde man einen Betrunkenen mit einer Kettensäge zum Geburtstag der eigenen Tochter einladen. Aber Spaß beiseite, Trump ist nicht lustig. Er steht in einer Reihe mittelmäßiger weißer Männer, die zu viel Macht bekamen, wie Joseph McCarthy oder George Wallace, der rassistische Gouverneur von Alabama, übrigens ein Demokrat. Solche Demagogen appellieren immer an den kleinsten gemeinsamen Nenner, im Fall von Trump war das die Aussage „Washington versteht den einfachen Amerikaner nicht mehr“.

Es gibt einen neuen Begriff für die politische Wirklichkeit der USA, geprägt von einem CNN-Kommentator: „Whitelash“, die Kombination von White und Backlash, Rückschlag. Versuchen viele Weiße nach der ersten Präsidentschaft eines Afroamerikaners nun die Uhr zurückzudrehen?

Das tun sie schon immer seit den Erfolgen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Aber es handelt sich nur um eine Minderheit der Weißen. Angefangen von den Versuchen, Schwarze von den Wahlurnen fernzuhalten. Es gab bei uns immer Rassisten, vielleicht werden einige Gruppen unter Trump erstarken. Aber noch mal: Diese Gruppen sind klein. In Wirklichkeit geht es um Geld und Macht. Das Benutzen von Rassismus ist dabei nur ein Schmiermittel für die politische Maschinerie. Trump hat die Tea-Party- Bewegung von den Koch-Brüdern gestohlen, Industriellen aus Kansas, die sie über eine Stiftung finanziert hatten. Auf der Agenda der Tea Party stand der Kampf gegen Umweltschutzauflagen ganz oben, im Sinne der Interessen der Finanziers. Klimaerwärmung galt als Fiktion. Trump hat diese Haltung erfolgreich mit seiner Forderung verbunden, die Fabriken der alten Industriestandorte stärker zu fördern. Ob er das als Präsident wirklich tun wird, ist die Frage.

Der Krimiautor James Lee Burke.
Echter Cowboy. Der Krimiautor James Lee Burke.Foto: Pendragon Verlag

Trump kommt ohne politische Erfahrung ins Amt. Verkörpert er einen neuen Typus, der Outsider als Aufsteiger?

Dass sich das Volk die Macht aus Washington zurückholen muss, ist ein Topos, der schon im Western oder in den Rambo-Filmen vorkommt. Ein Milliardär, der keine Steuern zahlt, wirkt als Volksheld aber fehlbesetzt. Trump hat Vorläufer in der amerikanischen Politik, und die amerikanische Demokratie hat immer wieder Ausfälle im Präsidentenamt heil überstanden. Fangen wir in der Nachkriegszeit bei General Eisenhower an. Er war ein integrer Mann, hat aber John Foster Dulles und seinen Bruder Allen als CIA-Chef die Außenpolitik übernehmen lassen. Sie haben den Indochinakrieg begonnen, aus dem Vietnam wurde, ließen die Demokratie im Iran liquidieren, was uns bis heute Probleme in der Region verschafft. Richard Nixon beging Verbrechen im Amt, sein Vize Spiro Agnew vereinte alle Charakterzüge eines Faschisten in sich. Sie betrieben Staatsterrorismus. George Bush Senior wurde mit der rassistischen Willie-Horton-Kampagne Präsident, die Trumps Wahlkampf an Perfidie noch übertroffen hat. Von den Fehlern seines Sohns wollen wir gar nicht reden. Demagogie und Amtsmissbrauch sind nicht neu, sie sind sehr alt.

Das klingt gelassen. Aber ist Trump nicht eine Gefahr?

Keiner hat mehr Macht als der amerikanische Präsident, er kann die Welt ins Chaos stürzen. Man muss nicht besonders schlau sein, um zu erkennen, dass Donald Trump von Paranoia und Megalomanie getrieben wird. Hinzu kommen eine Borderline-Persönlichkeit, Misogynie, passiv-aggressives und obsessives Benehmen. Mindestens sechs Persönlichkeitsstörungen, aber letztlich ist er noch immer das wütende Kind, das in der Toilette eingesperrt wurde, wenn es etwas Böses gemacht hatte. Ein Neurotiker, zum Präsidenten gewählt. Mein Vater sagte immer: Wenn eine große Menge von Leuten in eine Richtung läuft, dann könnte es ein Lynchmob sein.

Müssen wir Angst haben?

Trump selber, glaube ich, ist nicht gefährlich. Aber die Menschen um ihn herum sind es, angefangen mit seinem Chefstrategen Stephen Bannon, einem offenen Verschwörungstheoretiker und Rassisten. Eine ähnliche Konstellation gab es unter dem hilflos agierenden Präsidenten George W. Bush. Er ließ sich von Dick Cheney und Donald Rumsfeld in den Irak-Krieg treiben.

Sie wurden in Texas geboren und leben heute in Montana, die meisten Ihrer Bücher spielen in Louisiana. Sagen viele Menschen dort: Mein Leben war besser vor Obama?

Die Menschen haben ein zu kurzes Gedächtnis. Als Obama vor acht Jahren ins Amt kam, hat er uns davor bewahrt, in die schlimmste Depression seit 1931 zu rutschen. Heute liegt unsere Arbeitslosenquote unter fünf Prozent. Was Trump die meisten Wähler zugetrieben hat, war das Nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA. Die Republikaner hatten es ausgehandelt, aber Bill Clinton unterschrieb es. Die Jobs verließen das Land und blieben draußen. Die Arbeiter des Mittleren Westens hatten bis dahin sichere Jobs in der Industrie und gute Einkommen. Das ging alles den Bach runter. Deshalb sind viele Menschen, mit denen ich spreche, wütend. Sie verklären die Vergangenheit, die sie verloren haben.

Haben Sie noch Hoffnung?

Natürlich. Donald Trump hat in Atlantic City Casinos betrieben. Das Geschäftsmodell eines Casinos lautet: Der Kunde verliert am Ende immer. Die Enttäuschung unter den republikanischen Wählern wird in den nächsten Monaten und Jahren groß sein. Aber Enttäuschung kann auch zum Aufbruch führen.

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