Kultur : Was heißt hier digital?

Streit über Chaplin-Reihe im Kino Babylon

Martin Ernst

Wie soll und darf man Filmklassiker im Kino präsentieren – muss es immer die 35mm-Kopie des Originals sein oder geht auch einmal eine digitale Version? Und wenn digital, in welcher Form, schlichte DVD oder qualitativ hochwertige K2-Projektion? Angesichts der noch bis August laufenden Charlie-Chaplin-Retrospektive im Berliner Babylon-Mitte wird darüber derzeit heftig diskutiert. Dabei verläuft die Linie einerseits zwischen Puristen und Pragmatikern, die über das Filmkunstwerk im Zeitalter seiner digitalen Reproduzierbarkeit debattieren. Zum anderen steht die Öffentlichkeitsarbeit des Kinos selbst in der Kritik.

Gefordert wird vor allem, dass das Kino die technischen Bedingungen seiner Vorführungen grundsätzlich vorher kenntlich macht. Bereits während der Hitchcock-Retrospektive im Juli hatte es Beschwerden über die nicht gekennzeichnete Projektion von Filmen nur auf DVD oder Blu-Ray gegeben. Auf die Kritik hat das Babylon unterdessen im Programm und auf seiner Facebook-Seite insofern reagiert, als es die Vorführungen mit den Vermerken „35 mm OF“ und „digital“ unterscheidet. Beim Etikett „digital“ bleibt allerdings weiterhin unklar, welche Projektionsbedingungen die Zuschauer genau erwarten. Eines immerhin dürfte nicht kontrovers sein: Die Hits der Chaplin-Schau sind auf 35 mm zu sehen – darunter die Großproduktionen „Modern Times“, „The Kid“, „Gold Rush“ und auch „City Lights“.

Kritisiert wird – angesichts mancher Vorführung nur von der DVD – auch der hoch erscheinende Betrag von 150 000 Euro, mit denen der Hauptstadtkulturfonds die Retrospektive bezuschusst. Der Kurator des Hauptstadtkulturfonds, Hans-Helmut Prinzler, begrüßte es auf Anfrage des Tagesspiegels, dass das Kino überhaupt eine komplette Retrospektive zeigt – die Projektion in Einzelfällen auch von der DVD hielt er für weniger störend. Prinzipiell gelte es, das beste vorhandene Material zu bekommen.

Zu den Kosten sagte der Leiter des Babylon-Kinos, Timothy Grossman, gegenüber dem Tagesspiegel, ein beträchtlicher Teil des Betrags sei darauf zurückzuführen, dass zehn große Stummfilme Chaplins allesamt live durch das Neue Kammerorchester Potsdam begleitet werden. Dies sei im Sinne der Authentizität der historischen Filmvorführungen. In Sachen Projektionsbedingungen regte Grossman ein öffentliches Diskussionsforum nach Ende der Chaplin-Schau an, bei dem die konträren Positionen und überhaupt die filmgeschichtliche Verantwortung von Retrospektiven debattiert werden sollten. Martin Ernst

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