Kultur : Was ist gerecht?

Jan und Aleida Assmann über altägyptische Ideale.

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Das verschleierte Bild zu Sais steht kulturgeschichtlich für die ewig entzogene Wahrheit, die der griechische Jüngling zu schauen versucht. Doch was sich ihm enthüllt, ist – nichts. Nur im Schleier selbst liegt die Wahrheit, was den Entdeckern des Mythos im 17. und 18. Jahrhundert Anlass zur Warnung war oder Grund der Verheißung, je nachdem, ob sie den Frevel beklagten oder die sich in der ägyptischen Isis offenbarende Natur romantisch aufluden. Jedenfalls war es der Versuch, das „hörende Herz“ gegenüber der optischen Entzauberung, mit der sich das säkulare Zeitalter ankündigte, ins Recht zu setzen.

Die in diese Rezeption eingelassenen zeitgenössischen Wahrnehmungen und Wünsche haben die beiden Heidelberger Ägyptologen und Kulturhistoriker Jan und Aleida Assmann in vielen Veröffentlichungen verfolgt. Das brandenburgische Schloss Reckahn bot dem produktiven Forscherpaar im Rahmen eines Kolloquiums Gelegenheit, für diese Kultur des alten Ägypten zu werben. Denn als wichtigste Maxime gibt Ma’at, die Göttin der Gerechtigkeit, auf den Weg: Der für die Wahrheit Taube hat keinen Freund. Will sagen: Wer nicht zuhört, ist ein armer Tropf.

Die alten Ägypter, sagt Jan Assmann, waren trotz ihrer in der Ferne waltenden Götter innerweltlich orientiert. Sie folgten im Unterschied zu den Griechen keinen überweltlich abgesicherten Ideen von Staat oder Gemeinschaft, sondern einer Vorstellung von gerechter Harmonie, die der König und nach ihm all jene, die sich zu Höherem aufschwangen, zu garantieren hatten. Konnexität ist der Schlüsselbegriff dieser Haltung, also ein Miteinander, das nicht nur die Tugend des Zuhörens, sondern auch die des verantwortlichen Handelns und der der Habgier Einhalt gebietenden Muse einschließt.

Die altägyptische Gerechtigkeit, die von der Wahrheit nicht zu trennen ist und Sein und Sollen integrierte, vollzog sich vertikal und hatte kompensatorischen Charakter: Wir würden das heute Charity nennen. Bei aller Gleichheit, mit der die Götter die Menschen ausgestattet hatten, gehörte die tatsächliche Ungleichheit in der Sklavenhaltergesellschaft zur unhinterfragten Realität. Chancengerechtigkeit war nicht denkbar. Aber zementiert in Zeiten, in denen Leistungsgerechtigkeit eine neoliberale Fiktion geworden ist, Wohltätigkeit unbedingt Ungleichheit, wenn man darunter ein umfassendes Umverteilungsprogramm verstünde? Und muss der blinden Justitia um jeden Preis zu ihrem Recht verholfen werden, wo Mediation angesagt wäre? Die ägyptischen Könige verwirklichten das Recht, indem sie es aufhoben, wenn es die soziale Harmonie gebot. Nicht der eine Gott, wie nach der monotheistischen Wende, und schon gar nicht der rechte Glaube, schaffen Gerechtigkeit, sondern ein säkularer Aushandlungsprozess. Gerechtes Handeln muss jeden Tag neu rekonstruiert werden.

Vor zehn Jahren erregte Jan Assmann mit der Figur von Moses als Ägypter Aufsehen, indem er die gängige Vorstellung einer vom Monotheismus herkommenden sukzessiven Säkularisierung in Frage stellte. Vom alten Ägypten aus gesehen, handelt es sich beim Vertrag zwischen Moses und Gott aber nicht um einen Säkularisierungsprozess, sondern um eine „Theologisierung der Ethik“. Die Entdeckung der ägyptischen Kultur lieferte den Klassikern die Vorlage für ihr naturphilosophisches Verständnis von der Welt, in der sich das Göttliche verhüllt enthüllte. Aus den „Quellen“ des Nils ließ sich keine von einem Demiurgen angestoßene Schöpfung, sondern nur ein unendlicher chaotischer, aber beeinflussbarer Prozess herauslesen. So fern uns diese Kultur sein mag, sind in ihr Erinnerungsbilder bewahrt, die unsere monotheistisch fundierten „Wahrheitslehren“ herausfordern.

Am Beispiel aktueller politischer Unkultur, führte Aleida Assmann eine rabiate Form des Unterscheidens am Beispiel der NSU vor. Der „rohen eigennützigen Bürgerlichkeit“, die sich im Mangel an Empathie offenbart, ist nicht mit moralischen Appellen beizukommen, aber vielleicht mit einer Maxime Ma’abs: Der Träge hat kein Gestern. Das heißt auch: Wer vergisst, für wen er einstehen muss, hat keine Zukunft. Ulrike Baureithel

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