Was Shakespeare verschwieg : Solo für eine Wasserleiche

„Ophelias Zimmer“: Katie Mitchell will an der Berliner Schaubühne Hamlets Geliebte mit anderen Augen sehen.

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Mehr als eine schöne Wasserleiche? Jenny König als Ophelia.
Mehr als eine schöne Wasserleiche? Jenny König als Ophelia.Foto: imago/DRAMA-Berlin.de

Ophelia, eine junge Frau im knielangen Schwarzen, sitzt in ihrem Zimmer und stickt. Bald steht sie auf, tritt an ein imaginäres Fenster, geht von dort aus zum Bett, lässt sich kurz darauf nieder, blättert in einem Buch, klappt es wieder zu – und schreitet zurück zum Stickrahmen.

Damit wäre im Grunde bereits überbordend zusammengefasst, was sich in Katie Mitchells Inszenierung „Ophelias Zimmer“ an der Berliner Schaubühne zwei Stunden lang ereignet. In ewiger Wiederholungsschleife. Und während sich die junge Frau also in engem Radius von Bett zu Fenster und von Fenster zu Handarbeitskommode bewegt, hört man draußen immerzu geschäftigen Männerlärm: Stiefelschritte, Begrüßungs- oder Verabschiedungsfloskeln – von den Schauspielern Ulrich Hoppe und Renato Schuch direkt neben dem Ophelia-Kabuff live verfertigt.

Denn der Abend will Shakespeares Drama „Hamlet“ aus der Perspektive des weiblichen Opfers rekonstruieren. Des Dänenprinzen Angebetete Ophelia, die es bei Shakespeare höchstens auf eine Handvoll Kurzauftritte bringt und infolge mehrerer schwerer Schicksalsschläge psychisch auffällig wird, wabert ja dank ihres finalen (Selbst-)Tods durch Ertrinken seit Jahrhunderten als „schöne“ Wasserleiche durch die (männliche) Kulturgeschichtsschreibung. Das will die bekennende Feministin Katie Mitchell so nicht stehenlassen. Stattdessen werden bei ihr die fünf medizinisch verbrieften Phasen des Ertrinkens (Atemstillstand, Bewusstlosigkeit, Krampfstadium etc.) zur Dramaturgie eines wirklich qualvollen, deprimierend-langsamen Erlöschens der Protagonistin.

So weit, so konzeptionell nachvollziehbar. Allerdings wirft das, was Mitchell uns da über hundertzwanzig Minuten in kompletter Ironiefreiheit erzählt, mindestens genauso viele Fragen auf wie die von ihr attackierte Wasserleichen-Obsession. Es geht schon damit los, dass man abendfüllend rätselt, in welcher Zeit diese Ophelia eigentlich leben mag: Genügend Kopffreiheit bleibt ja angesichts der ewig gleichen Bühnenrituale zwischen Bett und Stickrahmen. Die Tatsache, dass Ophelia ihr ältliches Mädchenzimmer mit Metall-Krankenhausbett und abgerockter Vintage-Kommode (Bühne: Chloe Lamford) nur dann verlassen darf – und auch tatsächlich nur dann verlässt –, wenn Vater Polonius es ausdrücklich erlaubt, deutet ja erst mal auf eine Art Blaublütler-Patriarchat, das schon das eine oder andere Jahrhundert auf dem Buckel hat. Die Briefe von Hamlet allerdings, die das Dienstmädchen (Iris Becher) Ophelia täglich auf einem Tablett neben einem frischen Wiesenblumenstrauß serviert, entpuppen sich dann als vergleichsweise zeitnahe Hörkassetten – und stehen damit in einem gewissen Widerspruch zur selbstverständlichen Duldsamkeit, mit der sich Ophelia hier zunehmend wegsperren lässt.

Das Bild, wie sie wieder und wieder neben dem Kassettenrekorder hockt und brav am Stickrahmen werkelt, während aus dem Gerät Hamlets Liebeslyrik ertönt („Das Versprechen von dir, Kleines, taucht am Horizont auf“), wirkt schon einigermaßen schräg. Geradezu unfreiwillig komisch aber wird es, wenn der Aggressionsgrad von Hamlets Zudringlichkeiten steigt und Ophelia mit unverändert stoischer Handarbeitsmiene Verbalergüsse à la: „Ich hab’ an deine Fotze gedacht, deine kleine feuchte Fotze, den Schwanz steif“ zur Kenntnis nimmt. Die Hauptdarstellerin Jenny König, die – von raren und zudem eher implosions- als explosionsartigen Ausnahmen abgesehen – tatsächlich den kompletten Abend mit einer Art oberflächenversiegeltem Leidens- und Duldungspokerface bestreiten muss, verdient allein für diese Extremherausforderung Applaus.

Spricht – aus dem Rekorder – gerade mal nicht Hamlet zu Ophelia, dann ist die Chance relativ groß, dass stattdessen ihre Mutter zum Zuge kommt: Immer wieder dringen – als eine Art verinnerlichter Ophelia-Stimme – frühmütterliche Zärtlichkeiten ans Ohr, die sich im Nachgang als fiese Disziplinarmaßnahmen erweisen: „Schmieg dein Gesicht an meines; mach dich klein, Ophelia!“, säuselt es da, oder: „Bind’ dir die Füße ab, dass sie klein bleiben!“

So ehrenwert der Versuch sein mag, Klassikerinnen des weltliterarischen Kanons von machistischem Zuschreibungskitsch zu befreien: Katie Mitchells Konter schrammt selbst hart am Klischee entlang; nämlich eines Feminismus, der mindestens so alt ist wie Ophelias Kassettenrekorder oder der tragbare Schallplattenspieler, mit dem Latin Lover Hamlet (Renato Schuch) einmal zur Angebeteten vordringt, um sich vor ihr mit einem solipsistischen Aggro-Schlenkertanz zu produzieren. Die Bilder, zu denen die mehrfach zum Theatertreffen eingeladene und diesmal – entgegen ihrem sonstigen Stil – komplett auf Video verzichtende Mitchell hier greift, wirken entsprechend abgenutzt. Wie oft haben sich sensible junge Frauen als Panzerung gegen die böse (patriarchale) Außenwelt im Laufe eines Theaterabends eigentlich schon gefühlte dreißig Kleider übereinandergezogen, um am Ende über die Statur eines Eishockey-Torwarts zu verfügen? Und wie oft sind Blumensträuße stante pede in adrett designten, in diesem Fall wirkungssteigernd gläsernen Papierkörben gelandet?

Auch, wenn man gern anderes behaupten würde: Die Texte der jungen britischen Dramatikerin Alice Birch sind da leider auf Augenhöhe. Am Ende steigt in „Ophelias Zimmer“ tatsächlich kniehoch das Wasser. Und wie die weggeworfenen Blumen so darauf zu schwimmen beginnen, das könnte man doch um ein Haar glatt „schön“ finden.

Weitere Vorstellungen vom 13. bis 16. Dezember, 20 Uhr

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