Kultur : Was würden Sie anders machen ...

... wenn Sie noch mal leben könnten? Max Frischs „Biographie: Ein Spiel“ in den DT-Kammerspielen.

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Erfolgreich, aber
Erfolgreich, aberFoto: DAVIDS

Geht es um die Geschichte oder doch eher um die Zeit, aus der die Geschichte stammt? Also um den damaligen Zeitgeist. Also um das nostalgische Seufzen: Ach, wie schick in den Sixties junge Dolmetscherinnern doch ihre Hornbrillen trugen und wie smart das Eis im Whisky- Glas klimperte. Und guck mal, wie unterkomplex die Autoren damals noch Fragen wie „Schicksal oder freier Wille?“ behandelten. Süß, irgendwie.

Der junge Regisseur Bastian Kraft inszeniert Max Frischs „Biographie: Ein Spiel“ aus den sechziger Jahren in der Kammer des Deutschen Theaters, und in welches Fahrwasser er sich damit begibt, verrät ein kleines Detail im raffiniert verspielten, vielfach verspiegelten und über diverse Videoprojektionsflächen verfügenden Bühnenbild von Peter Baur. Da ist auf der Außenwand einer sich drehenden, als Spiel- und Wohnzimmer genutzten Trommel ein stark vergrößerter Auszug des Frisch-Manuskripts zu sehen – und darauf projiziert der schon berühmt gewordene, vom Hochhaus fallende Scherenschnitt-Mann aus dem Vorspann der TV-Serie „Mad Men“, in der bekanntlich smarte Werber smart zugrunde gehen.

Es geht hier mehr um Mode als um Erkenntnis. Mit zarter Melancholie führt Kraft eine elegante Interior-Welt aus der Zeit vor, als Rauchen, Trinken und Sex noch super in Ordnung waren. Und Maren Eggert als unnahbare Antoinette Stein zeigt diesen veredelten Sixties-Stewardess-Glamour tatsächlich wunderbar. Hier wird also vom Nierentischchen über die Kristallgläser bis zu der Art, wie die Dame beim Rauchen den Ellbogen auf die Hand stützt, ein Habitus nachgemalt, der zwar angenehm anzuschauen ist und doch nur ironisch gemeint sein kann. Was verständlich ist. Denn wirklich ernst kann man Frischs Stück nicht nehmen.

Hannes Kürmann, Mitte 40, ist zwar erfolgreich, aber unglücklich und würde gerne noch mal von vorn beginnen. Anstatt ihm seine Wehleidigkeit um die Ohren zu hauen, spendiert Max Frisch ihm einen gottgleichen Spielleiter, mit dessen Hilfe Kürmann sich in jedwede Situationen seines Lebens zurückbegeben kann, um sich anders zu verhalten.

Kürmann will vor allem die Ehe mit seiner zweiten Frau Antoinette streichen, indem er den Kennenlernabend durchspielt, um im entscheidenden Moment nach dem Taxi zu rufen, statt – wie in Wirklichkeit geschehen – sie zu küssen. Daraus lassen sich reichlich komödiantische Funken schlagen, besonders wenn Hans Löw diesen Kürmann als hochnervösen Trottel gibt, den die Veränderungsmöglichkeiten schnell überfordern. Toll auch Helmut Mooshammer, der dem Spielleiter die endende Geduld eines gutmütigen Therapeuten schenkt. Es ist aber auch kläglich, was Kürmann mit seiner Freiheit anfängt; und enttäuschend, wie Frisch das Spiel weitergehen lässt.

Kürmann kann nicht anders. Immer wieder landet er mit Antoinette beim gemeinsamen Frühstück. Aber was ist eigentlich so schlimm an dieser Frau? Statt diese Frage zu beantworten, schlägt der Spielleiter vor, den Lauf des Lebens früher schon zu ändern. Zum Beispiel den Schneeballwurf als Kind rückgängig zu machen, der einen Freund ein Auge kostete. Oder den gehässigen Satz zurückzunehmen, nach dem sich seine erste Frau das Leben nahm. Aber es geht Kürmann nicht um das, was er anderen angetan hat. „Ich habe mich an meine Schuld gewöhnt“, sagt er. Es geht ihm nur um die Minimierung des eigenen Schmerzes. Antoinette hat ihn nämlich betrogen!

Da wird also ein artifizieller Tanz um existenzielle Themen aufgeführt, und dann entpuppt sich eine narzisstische Kränkung als des Pudels Kern! Dabei hätte Frisch die kleine Sache groß machen können, wenn er sich auf Kürmanns Schuld (und ihre Umstände) konzentriert hätte, also auf den Punkt, an dem das Allgemeine im Privaten durchscheint. Als das Stück uraufgeführt wurde, kritisierte man den engen Radius der Geschichte. Er ist in den letzten fünfzig Jahren nicht weiter geworden. Andreas Schäfer

Wieder am 24. und 28. 4.

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