Webforum für Lyrik : Glückliche Missverständnisse

Muss große Dichtung schwierig sein? Eine Kolumne zum ewigen Streit zwischen dem Verständlichen und dem Unverständlichen.

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Keineswegs blumig. Die Lyrikerin Monika Rinck.
Keineswegs blumig. Die Lyrikerin Monika Rinck.Foto: Patrick Seeger / picture alliance / dpa

In den Untiefen moderner Dichtung ringen seit jeher zwei widerstreitende Prinzipien um die Vorherrschaft. Das Unverständliche kämpft mit dem Verständlichen, das Hermetische mit dem Zugänglichen, das Autistische mit dem Kommunikativen. Die meisten Leser würden sich wohl am liebsten auf die Seite des Verständlichen schlagen, aber so unauflöslich es schon begrifflich an das Unverständliche gekettet ist, lässt sich auch das Unerschlossene nicht vom glücklich Erschlossenen lösen – oder das, was vermeintlich offen zutage liegt von dem, was sich in seiner Sinnhaftigkeit dann doch verdunkelt. Zwischen dummen Lesern, die vor den Subtilitäten anspruchsvoller Texte kapitulieren, und dummen Texten, denen es an innerer (und oft auch äußerer) Logik mangelt, liegt ein weites Feld komplizierter Übergänge. Die Äcker der literarischen Hermeneutik vertragen deshalb auch so manche Verteidigung des Obskuren, wie sie Eckhard Schumacher in seiner glänzenden Studie „Die Ironie der Unverständlichkeit“ (Suhrkamp 2000) unternimmt.

In „Signaturen“, einem von Kristian E. Kühn und Ulrich Schäfer-Newiger von München aus betriebenen „Forum für autonome Poesie“ (www.signaturen-magazin.de) plädiert die Berliner Lyrikerin Monika Rinck nun für ein produktives „Misstrauen Misstrauen Misstrauen in alle Verständigung“. Das Bekenntnis entstammt Walter Benjamins Surrealismus-Aufsatz aus dem Jahr 1929. Benjamin forderte darin einen revolutionären Pessimismus, der „unbegrenztes Misstrauen in I. G. Farben und die friedliche Vervollkommnung der Luftwaffe“ einschloss.

Bei Rinck ist es „gemünzt auf die zu schnelle Verständigung, auf das Einhaken des Sinns in die eigenen Vorurteile“. Sie habe, sagt sie, „viel übrig für Schlagfertigkeit, für rasende, schnelle Sätze oder für Albernheit, aber in letzter Zeit immer mehr den Hang zur Lücke und das Nachdenken und das Abwarten. Dieses Herauskürzen der Vermittlung, das man vor sich hat, wenn Donald Trump twittert, unter Umgehung von allen anderen Instanzen sozusagen direkt in ein höchst gefährliches politisches Geschehen hinein, dann habe ich immer öfter das Bedürfnis: Lass mich doch erstmal nachdenken! Ich finde es großartig, wenn Verständigung glückt, aber oft glückt Verständigung als Miss-Verständigung.“

Im Gespräch mit Michael Braun entwickelt die psychoanalytisch bewanderte Lyrikerin ihre Ideen zur Seele und deren viele, womöglich kryptische oder gar asoziale Sprachen. Wie weit Dichtung dabei gehen darf, lässt sich, nachdem es für Verständlichkeit keine absoluten Maßstäbe gibt, nur am konkreten Beispiel klären. Was es überhaupt heißt, einen poetischen Text zu verstehen, steht jedes Mal wieder von Neuem zur Debatte. Überfordert schon T. S. Eliots polyphon zerklüftetes Jahrhundertpoem „The Waste Land“ seine Leser? Oder sind es erst die selbstreflexiven Sprachspiele eines Charles Bernstein, der auch hierzulande eine erstaunliche Gemeinde gefunden hat?

Der amerikanische Dichter Steve Kowit (1938-2015), ein aus Brooklyn stammendes Westküsten-Gewächs, der Einflüsse von Allen Ginsberg, Robinson Jeffers und Walt Whitman eigenwillig vereinte, hielt Eliot bei entsprechendem Bemühen für eine einleuchtende Lektüre. Er haderte eher mit Bernstein, allerdings wegen des unseligen theoretischen Einflusses, der Lyrikern die Lizenz zu geben schien, mit angeworfenen Zufallsgeneratoren zu schreiben. Kowits Essay „The Mystique of the Difficult Poem“ plädiert für eine Dichtung, die zum Leser spricht, statt sich in ihren semantischen Unbestimmtheitsabgründen einzuschließen (www.stevekowit.com). „Legionen von Lyrikern im 20. Jahrhundert haben Verrätselung mit Geheimnis verwechselt“, klagt er. „Die einzigen Höhen, die uns die Anwälte einer Ästhetik des Schwierigen anbieten, sind die Höhen von Arroganz, Exklusivität und Selbstherrlichkeit.“ Der Vorwurf gilt dem Literaturtheoriepapst Harold Bloom und der Angst vor allem Politischen, der akademischen Sinnphobikerin Marjorie Perloff und in abgemilderter Form auch dem postmodernen Selbstverständnis der Dichterin Jorie Graham. So meisterlich sie über ihre Mittel gebietet, ist es aber eines, ihre Poetologie zu kritisieren – und etwas anderes, ihre Poesie zu schmähen.

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