Kultur : Weiße Wüste

In „Cairo Time“ bleibt Ägypten nur Dekor

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Kairo, da denkt man in diesen Tagen sofort an den Tahrir-Platz und den Aufbruch in der arabischen Welt. „Cairo Time“ der kanadisch-syrischen Regisseurin Ruba Nadda hat nichts damit zu tun: Die Lovestory vor der Kulisse der Stadt am Nil entstand bereits im Sommer 2009.

Patricia Clarkson spielt die New Yorker „Vogue“-Journalistin Juliette, die sich im Urlaub alleine in Kairo herumtreibt; ihr Mann arbeitet für die UNO in Gaza und lässt auf sich warten. Juliette trifft den höflichen Tareq (Alexander Siddig), einen Araber der alten Schule, der ein Caféhaus für Männer betreibt. Welten trennen die beiden, aber es gibt eine unterschwellige Melancholie, ein nicht gelebtes Leben, das sie verbindet.

Clarkson hat mit Martin Scorsese, Brian de Palma oder Lars von Trier gearbeitet, man kennt sie aus Hollywoodfilmen und vor allem als lebenslustige Mutter in Woody Allens Komödie „Whatever Works“. Diesmal ist sie die Contenance in Person und „Cairo Time“ ganz ihr Film: das feine Gesicht, die zarte Stimme, die Eleganz, ihre charmante Scheu, all das erzeugt eine erotische Aura. Man schaut ihr gerne zu, wenn sie durch die Straßen, Basare und Gärten flaniert.

Ägypten als Sehnsuchtsbild einer fragilen Fremden, als erlesenes Dekor. Im Kontrast dazu das Chaos, die Vitalität der 17-Millionen-Stadt: Das könnte erhellend sein, auch nach dem arabischen Frühling. Aber für Nadda bleibt Kairo, entgegen allen Beteuerungen, nur pittoresker Hintergrund. Ob Nilfahrt oder MuezzinGesänge: lauter Folklore.

Ärgerlich die Naivität, mit der Juliette über die arabische Männerwelt und die Abwesenheit der Frauen staunt. Ist sie nicht Journalistin? Und wie schnell sie in die weiße Wüste gelangt: Die liegt wahrlich weiter von Kairo entfernt als nur eine Nachmittagsreise. Noch ärgerlicher wird es, wenn der Anblick von jungen Mädchen am Webstuhl dafür herhalten muss, die Frauenfrage zu thematisieren – und sie gleich wieder fallen zu lassen. Nahostkonflikt, Zukunftsängste der Jugend, alles wird angetippt, vom Dauergeklimper auf der Tonspur jedoch windelweich gespült. So verkommt auch Politik zum Dekor.

„Cairo Time“ will westlich-arabische „Romeo und Julia“-Romanze sein und verhaltene Elegie auf eine tugendhafte Liaison im Stil von Jane Austen. Nichts gegen altmodisches Kino, aber mit „Sinn und Sinnlichkeit“ hat „Cairo Time“ weniger zu tun als mit der Postkartenästhetik von Pyramiden beim Sonnenaufgang. Die fertigen Szenen mussten den Zensoren vorgelegt werden, sagt die Regisseurin. Gegen ein derart geschöntes Ägyptenbild hatte das alte Regime bestimmt nichts einzuwenden. Christiane Peitz

In sieben Berliner Kinos; OmU im Babylon Kreuzberg und Filmkunst 66

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