Kultur : Welt als Störfall

Die Nachrichten und die Leipziger Buchmesse

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Was das für Zeiten waren, als Brecht den Nachgeborenen erklärte, dass ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen sei – die Deutschen haben es nicht vergessen und auch durch Dichterworte wie dieses gelernt, die mögliche Gleichzeitigkeit von Terror und Idylle zu begreifen. Was dies allerdings für Zeiten sind, in denen schon ein Gespräch über das libysche Elend verglichen mit den Folgen einer Kernschmelze in Japan wie ein Sakrileg wirkt – das wird jeden Tag neu ausgehandelt. Menschen können gar nicht anders, als Unglücksdimensionen gegeneinander abzuwägen, eine Hierarchie der Katastrophen zu erstellen und im besten Fall ein Handeln daraus abzuleiten. Vergleichbarkeit und Unvergleichbarkeit sind dabei immer zwei Seiten derselben Sache, nicht anders als Vorstellungskraft und Wirklichkeit. Es gibt nichts, was die Kunst nicht im Voraus oder im Nachhinein imaginiert hätte. Es gibt aber auch keine Wirklichkeit, die nicht das Bedürfnis hätte, Geschehenes in die Vorstellung zurückzuprojizieren.

Als Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse am Mittwochabend im Gewandhaus statt einer Rede also einige Sätze aus Christa Wolfs Tschernobyl-Erzählung „Störfall“ vorlas, war das vielleicht ein hilfloser, ja pathetischer Akt, der eigenen Sprachlosigkeit eine Form zu geben, vielleicht auch eine allzu einfache Gelegenheit, die Notwendigkeit von Literatur zu illustrieren. In jedem Fall war es eine Geste, auf die es in solchen rituellen Momenten ankommt und auf die kein Redner verzichten wollte.

Denn wenn es einem ernst ist mit solchen Gesten, vertragen sie sogar ein ordentliches Quäntchen Ironie, wie es Sibylle Lewitscharoff in ihrer fulminanten Laudatio auf Martin Pollack, den diesjährigen Träger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung, unterbrachte. Ein Versuch, auf die geheime Verbundenheit zwischen den Krisenherden dieser Welt zwischen Osteuropa und Afrika hinzuweisen und nicht zuletzt auf die Geschäftstüchtigkeit ihrer Großtante Luise, die 1954, beim Staatsbesuch des äthiopischen Kaisers Haile Selassie in Stuttgart, 10 000 Babywärmflaschen an dessen Entourage verkaufte.

Schließlich muss man auch Pollacks jüngstes Buch „Kaiser von Amerika“, das sich mit dem Schicksal galizischer Auswanderer in die USA zu Anfang des 20. Jahrhunderts beschäftigt, im Kontext einer tief in NS-Begeisterung verstrickten Familiengeschichte lesen, die Pollack erst nach und nach aufging. So, wie er den Blick zurückwendet, schaut er zugleich nach vorn, in eine Epoche industriell organisierter Schlepperbanden. „Steckt man den Kopf in dieses Buch hinein, zieht man ihn angefüllt mit Vergleichen zum heutigen Flüchtlingselend wieder heraus“, so Lewitscharoff. „Die Araber und Afrikaner, die derzeit auf Lampedusa anlanden, sind bei uns so wenig willkommen wie damals die Galizier in Hamburg oder sonst wo. Bitte stellen Sie sich für einen Augenblick vor: Was, wenn in der Not es nirgendwo auf der Erde ein Händchen gibt, das Ihnen sanft über den Kopf streicht und Sie empfängt.“

Martin Pollack lenkte den Blick auf ein zerfallenes Europa, das seine Geschichte so mutwillig ignoriert wie die „Rückkehr zur Diktatur“, die der Ukraine bevorsteht und in Weißrussland längst stattgefunden hat. Systematische Einschüchterung und Gewalt machten nicht nur Autoren wie dem Belarussen Alhierd Bacharevic oder der Ukrainerin Maria Matios das Leben in der Heimat schwer oder unmöglich. Im Fall von Bacharevic und dessen Roman „Der Galgen der Elster“ (Leipziger Literaturverlag) lässt sich erahnen, was Weißrussland dadurch verloren geht. Dieses Buch nun hierzulande zu lesen ist zunächst nur eine Geste, aber zugleich ein Stück Aufmerksamkeit, aus der anderes wachsen kann. Gregor Dotzauer

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