Kultur : Wenn die Heimat Neuland wird

In Landolf Scherzers Reportage „Der Erste“ war er der Held des sozialistischen Alltags. Heute hilft Hans-Dieter Fritschler der PDS – aber auch sich selbst?

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Von Nadja Klinger

HDF ist ein Kürzel. Es spart Zeit. Würde man die Sekunden addieren, die Hans-Dieter Fritschler gutgemacht hat, indem er anstelle seines ns das Kürzel unter ein Schriftstück setzte, dann käme man auf rund 133 Stunden. Was sind das für Stunden? Sie wurden dem gefräßigen Alltag abgerungen und gleich wieder an ihn verfüttert. Nachlässigerweise? Kann man heute treffend beschreiben, wie das damals war? Mit fortschreitender Zeit verändern sich die Substantive. Dinge bekommen neue Namen und stehen eindeutig da. Die Adjektive jedoch hocken in ihren alten Zusammenhängen und trauen sich kaum noch heraus. Hans-Dieter Fritschler könnte ein Lied davon singen. Aber er singt nicht. Er hält sich still im Hintergrund.

Mit seiner Arbeit als Wahlkampfchef in der Landesgeschäftsstelle der PDS in Thüringen hinterlässt er Spuren. Das muss er auch, denn die Partei braucht hier mindestens 25 Prozent der Zweitstimmen, um dazu beizutragen, dass wieder eine Bundestagsfraktion gestellt werden kann. Schon vor einem Jahr hatte Fritschler Werbeflächen gemietet, Verträge mit Fotografen, Gestaltern, Druckhäusern, Verlagen abgeschlossen und Wahlkampftermine im Kopf. Gegen sechs Uhr morgens taucht er in der Geschäftsstelle in Erfurt auf. Hackt eine Internetadresse in die Tastatur und schaut die aktuellen Wahlprognosen an. Hebt die Beine, weil die Putzfrau den Boden saugt.

Spricht er davon, dass seine eigene, ganz persönliche, Spur weit in die Geschichte der Region zurückgeht, dann nur, weil man ihn danach fragt. Und man fragt ihn, weil er einmal so etwas wie berühmt war. Er war die Hauptfigur eines Buches, erschienen im Jahre 1988 in der DDR. Vier Wochen lang begleitete ihn der Schriftsteller Landolf Scherzer bei seiner Arbeit als erster Kreissekretär der SED im thüringischen Bad Salzungen. Folgte ihm auf seinen kurvenreichen Wegen, an deren Ende er seine linientreuen Entscheidungen fällte.

Für die Leser war das ein einmaliger Blick hinter die Kulissen: ein Mensch in einem Parteisystem. Ein Held, wie ihn nur die DDR hervorbringen konnte. Landolf Scherzer schrieb damals auf der ersten Seite: „Ich weiß, dass er beim Erscheinen dieses Buches von der Partei vielleicht schon in eine höhere Funktion versetzt worden sein könnte. Oder, dass er einen Fehler gemacht haben und wieder als Holzfäller arbeiten könnte. Aber das würde nichts an der Person des Genossen Hans-Dieter Fritschler ändern.“

Nur ein Jahr nachdem das Buch „Der Erste“ erschienen war, änderte sich bei Fritschler doch etwas. Und zwar gewaltig. Er stand auf dem Marktplatz in seiner Heimatstadt Bad Salzungen und hatte weiche Knie. Sechstausend Menschen waren gekommen und er sollte reden. Darüber, was eigentlich los gewesen war und wie es nun weitergehen sollte. Die Adjektive, die ihm einfielen, stellten sich selbst in Frage. Einheitlich und geschlossen waren die Entscheidungen der SED-Parteifunktionäre gewesen. Aber hatte die Schablone des DDR-Sozialismus, wo auch immer er sie in seinem Heimatkreis angelegt hatte, wirklich gepasst? Waren die Kompetenzen, die er sich vor Ort verschafft hatte, überhaupt von Nutzen, wo er gar nicht berechtigt gewesen war, eigene Schlussfolgerungen zu ziehen? Hans-Dieter Fritschler begann, von den Adjektiven zu lassen.

Er hielt sich an die Dinge, die sichtbar und greifbar waren. Vermied es, sie zu erklären. Obgleich vertraut, war seine Heimat nun plötzlich Neuland. Die Wege unbegangen und am Ende offen. Und Begleiter kaum noch da. Wäschekörbeweise trug er Parteibücher in den Keller, die Genossen ihm auf den Tisch geworfen hatten. Mühsam stellte er sich vom Papier auf den Computer um. Der Computer hatte das Tempo der neuen Zeit. Anfangs schmerzten die Handgelenke, aber bald schon hielt Fritschler immer besser mit. Heute bekommt er Dutzende e-mails pro Tag. Die Antwortschreiben unterzeichnet er mit HDF. Spart nach wie vor im Büro wertvolle Sekunden. „Ich bin doch so gerne draußen bei den Leuten“, sagt er. Dann setzt er sich in sein schnelles Auto und bleibt immer brav unter der zugelassenen Höchstgeschwindigkeit. An jeder Ampel zieht er die Handbremse an. So hat es ihm sein Fahrlehrer beigebracht. Einst. Fritschler mag es, Auto zu fahren. Zumindest die Straßenverkehrsregeln haben nach wie vor Bestand.

Der hagere Verkünder

Was hat es ihm gebracht, stets mit einem Kürzel zu unterschreiben? In Thüringen nennt ihn kaum jemand bei seinem richtigen Namen. Nicht nur die Genossen bei der PDS, auch ehemalige Betriebsdirektoren, Arbeiter, Polizisten, Ärzte, Gewerkschafter – wer auch immer sie jetzt sind – benutzen die drei Buchstaben. Sie gleichen einem Codewort. Dem Schlüssel zum Zuhause. HDF heißt der, der schon immer da war.

Als erster Kreissekretär hat er den Arbeitern hypothetische Nachrichten verkündet wie diese: „Genosse Honecker hat den Ministerrat beauftragt, das Zementproblem sofort zu lösen.“ Den Reservisten in der Kaserne gab er den absurden Rat, dass die Genossen des Bataillons die defekten Warmwasserleitungen unter Parteikontrolle nehmen sollten. Man hat ihm geglaubt, ihn belächelt, ihn verflucht. Er war immer da, weil er sich für alles verantwortlich fühlte. Er war der hagere, lebendige und zugängliche Typ, der den aufgeblasenen, starren, unpassierbaren Parteiapparat repräsentierte.

Jetzt liegt das Land in ihm begraben. Geschichten wie die, die in jenem Buch erzählt wurden, liegen in ihm begraben. „Wenn ich an Weihnachtsbäume denke, dann denke ich an die Weihnachtsversorgung, und wenn ich an die Weihnachtsversorgung denke, dann denke ich an Salzstangen. Die Leute wollen abends vor dem Fernseher sitzen, Wein trinken und Salzstangen knabbern. Die Hälfte aller Salzstangen für die DDR wird bei uns in der Liebensteiner Keksfabrik gebacken. Aber die neue Salzstangen-Linie hat ihre Mucken. Gestern haben sie die Maschine zum x-ten Male auseinandergerissen und zusammengebaut. Sie lief genau 27 Minuten, dann krachte es wieder.“

Wer durchhalten will, muss improvisieren. Wer improvisieren will, muss Möglichkeiten suchen. Wenn sie seine Haare aus dem Badewannenabfluss fischte, erzählte HDFs Ehefrau einst, wusste sie, dass er wieder mal keine Möglichkeiten gefunden hatte.

Auch wenn kein Wahlkampf ist, arbeitet er für seine Parteivorsitzende Gabi Zimmer. Er fährt von Ort zu Ort. Versucht im Auge zu behalten, dass die PDS sich an das hält, was sie den Bürgern versprochen hat. Mancherorts kann sie das kaum. „Ich brauch ne halbe Stelle, HDF“, sagt der ehrenamtliche Kreisvorsitzende von Nordhausen, „ich krieg’s nicht gebacken. Es kommt so viel rein, vom Bürgermeister, vom Land, sie machen um die PDS keinen Bogen mehr, dafür haben wir ja gekämpft.“ HDF nickt: „Wenn wir in den Bundestag kommen, kannst du noch mal nachfragen.“ – „Wie sind denn die Zahlen, HDF?“ – „Alle auf 19 für Thüringen. Aber wir kriegen über 20.“ Es klingt nach Parole, nicht nach Prognose. „Dass die Parteivorsitzende jetzt den Berliner Genossen nachplappert, man solle Schröder wählen, damit nicht Stoiber Kanzler wird“, fügt HDF hinzu, „das kann man ja denken, aber doch nicht aussprechen.“ – „In allen Zeitungen stand das“, ruft der Kreisvorsitzende, und die Leute lesen: Wählt nicht uns, sondern SPD!“ – „Ich hab das schon mit der Gabi besprochen“ – „Ach?“ – „Sie musste sich an die Linie halten.“ – „Na ja.“

„Na ja“, sagt auch HDF im Auto. Er betreut zehn Wahlkreise. Im katholischen Eichsfeld keine Chance, auf eine zweistellige Prozentzahl zu kommen. Im konservativen Kreis Weimar Land/Apolda sieht’s auch schlecht aus. „Die Berliner Genossen haben etwas voreilig formuliert, dass die PDS stärkste Kraft im Osten wird.“ Die Klimaanlage surrt gleichgültig. Er schaltet sie ab. „Die Leute brauchen Arbeit. Sie wählen keine schwache Partei.“ Er hat die Menschen in seiner Region schon immer verstanden. Er hat es auch verstanden, seinen Verstand zu missachten. „Ich habe keine Probleme, mich zu erinnern, aber ich kann schwer nachvollziehen, warum ich welche Entscheidungen getroffen habe“, sagt er. „Und wenn ich auflisten würde, was ich heute für dumm erachte, käme ich aus der Depression nicht mehr heraus.“ Die Kraft, die er nach der Wende aufgebracht hat, ging großenteils dafür drauf zu verdrängen. Er sagt, das Verdrängen sei eine Kunst. Wofür er kaum noch Kraft übrig hat, ist, zu bemerken, dass er diese Kunst schon immer beherrscht hat. Dass sie ihm sein Überleben als erster Kreissekretär der SED ermöglicht hat. Indirekt spricht er es aus. „Wenn ich bei uns in den Bergen an der Grenze stand, dann hab ich schon gewusst, was unmöglich war: weiter zu gehen.“ Die Klimaanlage surrt wieder. „Na ja. Weil da eben Minen lagen.“

Der Kreis Bad Salzungen, für den er als Erster zuständig war, hatte das längste Stück Westgrenze der DDR. Morgens kam der Chef der Volkspolizei zum Rapport und immer war irgendwas passiert. „Manchmal nur eine kleine Unruhe, aber bei uns hier war es eben immer eine ganz große. Ich habe mich mit vielen Dingen beschäftigt, die mit mir persönlich gar nichts zu tun hatten.“ Vor allem die Grenzvorfälle hat HDF zu Hause verschwiegen. Aber auch sonst hat er nicht viel erzählt. Sein Leben mit der Partei ließ nichts als die Haare in der Badewanne zurück. „Ich war treu“, sagt er. Und bezieht sich nicht auf seine Frau. „Jemand wie ich hat zwei Ehen geführt. Die erste war die mit der Partei.“

Das schwere Geständnis zeigt sich in einem kleinen Wort, das er nicht verwendet. Wenn er von ihr spricht, sagt er „die Frau“, nicht meine. „Die Frau ist ein richtiger Gesprächspartner für mich geworden. Sie liest jetzt eben auch Zeitung. Na ja, damals lohnte sich das ja nicht.“ Er mag „die Frau“ nicht mehr so allein lassen. Er wärmt sich das Essen auf, dass sie ihm von Bad Salzungen aus mitgibt, wenn er in Erfurt übernachten muss, und dabei vermisst er sie sogar.

Die erste Frage, die ihm kam, als er schließlich die Westgrenze an einem Übergang passieren konnte, lag ganz in seiner bodenständigen Natur. Er sah die Straßen, die Fassaden, registrierte das Abwassersystem. HDF, wie hättest du das je in deinem Kreis hinbekommen sollen? Als er zurückkehrte, hatte die SED bereits ihre führende Rolle verloren, er war aber immer noch der Kreissekretär.

Nächste Frage: Verantwortung hast du immer verspürt, HDF, aber wie stand es um deine Moral? An den Wochenenden fuhr er 120 Kilometer Rad und dachte dabei und dachte. Die Gedanken können große Schritte machen, überwinden aber niemals das Gefühl der Schuld. Auf einem Mauerprozess traf Fritschler den ehemaligem Chef der DDR-Grenztruppen wieder. „Wir haben doch überall an der Grenze Schilder aufgestellt“, sagte der. „Sei doch mal ehrlich zu dir selbst“, erwiderte HDF: „Beruhigen Schilder dein Gewissen?“

Mit dem Ende der DDR hat er seinen Posten in der Kreisleitung seiner Partei, die sich mittlerweile PDS nannte, geräumt und wurde persönlicher Mitarbeiter von Gabi Zimmer. Als Wahlkämpfer kümmert er sich wieder nicht um Feinheiten. Wahlkampf ist eine Sache der Substantive: Aktionen, Rednerpulte, Infostände.

Brasilianische Nacht mit Gabi

Neulich hat er bei Gregor Gysi angerufen: „Jetzt haste Mist gemacht, jetzt musste kommen und den Leuten in die Augen sehen.“ Eine Riesenveranstaltung haben sie organisiert. Für Gabi Zimmer macht er kleinere Termine. Auf Heimatfesten ist sie spitze. Oder beim Thüringer Bikertreffen. Auf die Idee ist HDF gekommen, weil Möllemann von der FDP Fallschirm fliegt. „Und nächste Woche ist Gabi auf einer brasilianischen Nacht“, sagt er, „da muss sie richtig feurig sein.“ – „Brasilien und PDS“, fragt der Nordhausener Genosse, „geht das zusammen?“ – „Wir werden über Kuba diskutieren.“ – „Ah“, sagt der Kreisvorsitzende, „Kuba und PDS ist gut.“

Ein letztes Problem habe er noch. Die CDU geht in Nordhausen auf Schulelternversammlungen und lädt zu ihren Veranstaltungen ein. „Das ist nicht fair“, sagt der Genosse, „da müssen wir was tun.“ HDF greift nach dem Schlüssel von seinem schnellen Auto. „Manchmal ist es gut, sich zurückzulehnen“, sagt er. „Selbstbewusst zu sein.“ Wertvolle Sekunden vergehen. „Die Dinge einfach laufen zu lassen.“

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