Kultur : Wenn Männer zu viel plaudern

Saisoneröffnung am Berliner Renaissance-Theater: „Der Krawattenklub“ mit David Bennent

Patrick Wildermann

Wer wirklich etwas über die Abgründe der menschlichen und speziell der männlichen Seele erfahren will, muss ins Boulevardtheater gehen. Hier erwacht das Bestialische aus dem Geist des Banalen, hier werden Lebensfassaden nicht subtil hinterfragt, sondern gesprengt – und beinahe en passant noch der Herrschaftssturz der Geschlechtsführer vollzogen. Die Männer erledigen sich selbst durch Lächerlichkeit, und endlich ist Tabula-rasa-Zeit, wie nach einer jener exzessiv entgleisten Familienfeiern mit Schnaps und Schnittchen, aus denen sich das gesamte Castorf-Theater speist.

Ganz weiberfastnachtsfröhlich und gleichsam tragödientief geht es auch in der Burleske „Der Krawattenklub“ des französischen Autors Fabrice Roger-Lacan zu, die am Renaissance-Theater in der Regie von Felix Prader Premiere feierte. Dem Titel entsprechend rankt sich das Dialogstück für zwei Herren in fortschreitenden Jahren um das ideologisch geladene Lieblings-Accessoire der Dichter und Banker, das der Business-Knigge auch heute noch für unverzichtbar hält. Vordergründig zumindest handelt das Stück davon. Denn eigentlich dient die Krawatte dem viel beschäftigten Film- und Fernsehschreiber Roger-Lacan nur als Aufhänger eines Konflikts, der sich bald unter der Gürtellinie abspielt. Um die Zerreißprobe einer Freundschaft geht es ihm, um Kontrollwahn ohne Maß und Etikettenzwangs-Neurosen. Dafür bedient er sich der Mittel der leicht konsumierbaren Konversationskomödie, wie sie auch Eric-Emmanuel Schmitt und Yasmina Reza pflegen.

Die gestandenen Männer Bernhard (David Bennent) und Adrian (Gedeon Burkhard) sind seit Jahren Partner im Architekturbüro und auch privat Freunde. Doch ausgerechnet am Tage seines 40.Geburtstags erfährt Bernhard, dass Adrian seit langem Mitglied in einem ominösen Klub ist und wegen des monatlichen Treffens dieser Brüderschaft nicht zu seiner Feier erscheinen kann – sonst wird er nämlich ausgeschlossen, gemäß der einzigen Regel des Vereins. Der erschütterte Bernhard vermutet dahinter eine Verschwörergemeinschaft zwischen Freimaurer-Loge und Illuminatenzirkel. Alle Beschwichtigungsversuche Adrians, dass es sich nur um eine harmlose Plauderrunde von Kerlen mit Erkennungsschlips handele, prallen an ihm ab. In seiner Besessenheit, ebenfalls Mitglied zu werden, zerstört Bernhard sein geordnetes Leben als Familienvater und die Freundschaft gleich mit.

Das alles nur wegen einer Krawatte? Mitnichten! Wegen der existenziellen Bande, über die sämtliche Großen schon gegrübelt haben. Schillers Mahnung schimmert auf, „Drum prüfe, wer sich ewig bindet“, auch Hugo von Hofmannsthals Daseinsformel, gesprochen vom Tod persönlich: „Man bindet, und man wird gebunden.“

Felix Prader, Hausregisseur am Renaissance-Theater, richtet das ins Groteske zielende Dialogduell der kindischen Kumpane mit souveränem Timing und angemessener Zurückhaltung im schlichten Bühnenbild von Werner Hutterli ein, dessen Zentrum ein Schreibtisch auf Rollstuhlrädern bildet. Der passende Arbeitsplatz für die beiden Gefühlskrüppel. Würden die indes nicht wie hier von zwei großartigen Schauspielern verkörpert, das Stück bliebe Konfektionsware. Doch zumal David Bennent ist als obsessive Mimose in der Midlife-Crisis eine Wucht – ein Vergnügen, ihm bei der Selbstdemontage zuzusehen. Nichts Menschliches lässt er mehr gelten, im Gefühl, hintergangen worden zu sein. Wundervoll die Szene, in der Bennent sein bisheriges Leben verwirft. Seine Frau? Ein Huhn. Er selbst? Eine Null. Die Kinder? Kleine Hühner und Nullen.

Gedeon Burkhard fällt der stillere Part zu, doch ist er als groß geratener Lausbub mit flüchtigen Liebschaften ein Ass im Lavieren. Ein Ruhe liebender Kumpeltyp, der in Abwandlung von Groucho Marx keinem Klub mehr angehören möchte, der Leute wie Bernhard als Mitglied aufnimmt. Er muss allerdings erkennen, wohin enttäuschte Liebe führen kann. Geradewegs auf den Boulevard der Dämmerung.

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