Kultur : Wenn Untergänge, dann aber richtig

Der Publizist Joachim C. Fest über Berlin 1945, die Qualitäten des Drehbuchautors Bernd Eichinger und das Ende Adolf Hitlers im Führerbunker als Kinostoff

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Hitler im Führerbunker, die Russen in Berlin, Deutsche im Überlebenskampf – die letzten Tage des Dritten Reiches sind das Thema eines der teuersten deutschen Spielfilme, der im Herbst gedreht wird und im September 2004 in die Kinos kommt (Tagesspiegel vom 17.April). Das Drehbuch stammt von Bernd Eichinger, dessen Münchner Firma Neue Constantin den Film produziert. Regie führt Oliver Hirschbiegel („Das Experiment“), die Hauptrollen spielen Bruno Ganz, Alexandra Maria Lara und Juliane Köhler. Das Drehbuch basiert auf Joachim C. Fests Buch „Der Untergang“ (Alexander Fest Verlag, Berlin, 2002).

„Der Untergang“ beschreibt das Kriegsende in Berlin 1945. Wenn man jetzt über das Schicksal Saddam Husseins spekuliert, drängen sich Parallelen zur damaligen Situation im Führerbunker auf.

Man kann bei allen Gemeinsamkeiten kein typisches Ende eines Diktators entwerfen. Aber eine Parallele gibt es: Diese Leute geben nicht auf. Sie kämpfen, bis sie selber am Ende sind, und gehen in den Tod. Das ist ihr Berufsrisiko, um das sie immer wussten.

Was geht da psychologisch vor? Ist es Fanatismus, Spielertum? Oder versucht man einfach noch zwei Tage, noch einen Tag, noch ein paar Stunden weiterzumachen?

Das ist voller Verrücktheiten: Auf Hitlers Schreibtisch lag ein Buch mit dem Titel „Die Rettung der Welt“. Das ist die Projektion, die solche Leute immer hatten. Sie fühlen sich nicht nur zur Rettung des Landes berufen, sondern zur Rettung der ganzen Welt. Auch Saddam Hussein: Da sollte es zuerst die ganze arabische Welt sein, aber wenn die geeint wäre, auch die christliche. Die Alternative ist Weltmacht oder Untergang. Und wenn Untergang, dann aber richtig.

Jetzt soll Ihr Buch in „dramatisierter“ Form von Bernd Eichinger verfilmt werden. Wie darf man sich das vorstellen?

Mein Buch hat vier ausführlich erzählende Kapitel und vier kurze reflektierende Abschnitte. Letztere kann man natürlich nicht in einen Film übersetzen, da wären wir beim Schulfunk. Aber Bernd Eichinger ist ein großer Drehbuchautor. Er hat viele erzählerische Elemente hervorragend ins Drehbuch übersetzt. Ich habe gedacht, mit seiner großen Dynamik rollt er einmal über das Buch, und rollt es dabei auch ein bisschen platt. Aber das Gegenteil geschah: Er hat manche Details herausgearbeitet, andere erfunden. Das sind ganz kleine Eingriffe, die vielleicht für einen Historiker ein bisschen weit gehen, aber im Film absolut erlaubt, sogar geboten sind. Eichinger hat das mit einer ungewöhnlichen Geschicklichkeit gemacht. Ich bin voller Bewunderung.

Lassen sich historische Ereignisse im Spielfilm überhaupt angemessen darstellen?

Geschichtsschreibung kommt ohne Film aus, aber Film nicht ohne Geschichtsschreibung. Der Unterschied zwischen Fiction und Nonfiction ist gar nicht so groß. Ein großes historisches Buch verlangt nichts Wesentlich anderes als ein großer Roman. Romanciers und Historiker folgen den gleichen Gesetzen. Mommsens „Römische Geschichte“ und Tolstois „Krieg und Frieden“ haben eine sehr ähnliche Struktur. Erst die heutigen Historiker haben aus der Geschichte eine Mengenlehre gemacht. Und: Sie können nicht mehr schreiben, das ist das Schlimme. Dabei war es nicht die schlechteste Zeit der deutschen Literatur, als diese zu einem Großteil von Historikern geschrieben wurde: von Ranke, Droysen oder Mommsen.

Wenn wir uns den kommenden Film vorstellen: Eichinger nennt „Titanic“ zum Vergleich. Mit dem Unterschied, dass sich der Zuschauer mit den Figuren von „Der Untergang“ kaum identifizieren können wird.

Identifizieren Sie sich mit einer Figur in „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“? Man findet das amüsant und fühlt sich gut unterhalten. Das reicht doch! Diesmal ist es nicht Unterhaltung, der „Hitler“Film hat einen eher belehrenden Charakter – ungewollt. Aber es darf keinen erhobenen Zeigefinger geben.

Untergänge im allgemeinen – Troja, Karthago, Rom – faszinieren die Historiker seit jeher. Woher kommt das?

Bei meinen Recherchen habe ich allerdings gemerkt, dass es zu diesem Ende in Gestank und Schwefel kaum Literatur gibt. Es ist mir unbegreiflich, warum sich kein Historiker verpflichtet fühlte. dazu zu arbeiten. Denn der Untergang Berlins ist eines der dramatischsten Ereignisse der Geschichte – man denke nur an die Masse der Tragödien, der Opfer. Dieser Untergang war das alles überwölbende Ereignis meiner Generation. Von daher kommt man dann auch zum Untergang im Allgemeinen. Ich wollte immer mal ein Buch über den Untergang Roms schreiben. Weil ich in den frühen Siebzigern, zur Zeit der Studentenunruhen, auch von dem Gefühl erfüllt war: Jetzt bricht alles auseinander. Das Wertesystem, die Institutionen erlahmen. Wenn ich nun sehe, wie das Erbe und Vermächtnis der ersten zwei Generationen der Bundesrepublik verschleudert wird, schon unter der Kohl-Regierung, und jetzt noch viel schlimmer – das ist so trostlos, dass ich doch mitunter den Eindruck habe: Der Untergang wurde überraschenderweise noch mal 20 oder 30 Jahre aufgehalten – aber er ist leider nicht unwahrscheinlich.

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland.

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