Kultur : Wer bin ich, und wenn ja, von welchem Geschlecht?

Zwischen Rumänien und Berlin: Aléa Toriks zweiter Roman „Aléas Ich“ lüftet ein Geheimnis – und entwirft zugleich ein Vexierspiel.

Nicole Henneberg

„Der postmoderne Mensch glaubt an keine andere Wirklichkeit als an die von ihm erschaffene“, schrieb der rumänische Schriftsteller Mircea Cartarescu, ein Meister des Vexierspiels. In seinen abgründigen Romanen, die Aléa Toriks zweiten Roman beeinflusst haben, überschreiben Fantasie und Wirklichkeit einander unaufhörlich. Auch „Aléas Ich“ kreist um die Frage, wo die Fiktionalisierung anfängt, denn hier soll die Identität der Autorin selbst aufgeklärt werden – und wird es auch.

Ende Februar, als der Roman in Berlin vorgestellt wurde, trat ein schmaler, junger Mann mit kurzgeschorenem Kopf und nachdenklichem Blick ans Rednerpult und stellte sich als der Schriftsteller Claus Heck und Erfinder von Aléa Torik vor. Das Pseudonym führt ins Zentrum seines Schreibens. Unter Aleatorik versteht man eine Kompositionsmethode, die den Zufall für ihre Zwecke nutzt, eine Art Würfelwurf also – und eine Methode, die von Stéphane Mallarmé bis John Cage eifrig genutzt wurde. Bei Claus Heck, 1966 in Essen geboren und 1987 zum Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft nach Berlin gegangen, löste die hochbegabte, angeblich aus Siebenbürgen stammende Aléa eine Schreibblockade. Er ließ sie zum Thema „Identität, Authentizität und Illusion“ an der Humboldt-Universität promovieren und gleichzeitig Romane schreiben, die sich demselben Thema literarisch nähern.

Vor einem Jahr erschien „Das Geräusch des Werdens“, ein Debüt, das von der Empfindsamkeit eines blinden Fotografen erzählt. Und während Claus Heck für sein Manuskript einen Verlag suchte, richtete er als Aléa Torik ein Blog ein (www.aleatorik.eu), das sehr schnell ein Eigenleben zu führen begann: Viele wollten die junge Frau aus Rumänien treffen, die sie sich schön und erotisch vorstellten, und Claus Heck musste dem immer wieder aus dem Weg gehen. Er stellte, neben der besten Freundin Luise, die schöne, russische Mitbewohnerin Olga vor, den Exgeliebten Juan und den schwulen Herzensfreund Lauritz – ein ganzes Romanpersonal, wie er bald feststellte. Also begann er den zweiten Roman, der Aléas Lebensgeschichte fortschreibt und die Auseinandersetzung des Autors mit seinem literarischen Ich erzählt: ein abgründiges Erzählgeflecht, das den Leser schwindlig macht.

Schon die Anfangsszene ist eindrucksvoll: im riesigen, terrassenförmig angelegten Lesesaal der Humboldt-Universität stürzt ein Frauenkörper durch eines der Oberlichter und schlägt mit einem schrecklichen Laut auf. Die Doktorandin Aléa sitzt wie jeden Tag hier, arbeitet, schreibt an ihrem Roman und weiß, wer dort abstürzt: ihre unglückliche Mitbewohnerin Olga, und sie selbst war es, die sie sterben ließ. Am liebsten wäre Aléa selbst gesprungen, denn ihr Roman droht sie zu verschlingen.

Dessen Personal führt einen Reigen der Selbstentwürfe vor. Besonders sympathisch ist Olga, das wortkarge, russische Model, in deren Einsamkeit sich die aus Rumänien stammende Aléa spiegelt. Am besten lachen kann sie mit der Schauspielerin Luise, deren spielerisches Repertoire in einem mitreißenden Stakkato-Kapitel vorgestellt wird. Genauso eigenwillig ist der Unternehmensberater Lauritz, der mit seinem pragmatischen Blick Aléas Perspektive zurechtrückt, wenn sie wieder einmal im Wirbel der Identitäten die Orientierung verliert.

Aléa stammt aus dem rumänischen Dorf Marginime, an dessen Geschichten – vor allem den nur halb erzählten – sich ihre kindliche Fantasie entzündete. Damals erfasste sie eine Sprachleidenschaft, die sich auf verhängnisvolle Weise mit Angst und Ungewissheit verknüpfte.Im schönsten der vielen eingestreuten Blog-Einträge verbindet sich die Stimme des Vaters, der ihr im Garten Tolstoi vorliest, mit dem Bild eines durch den Zaun linsenden Nachbarn, der sich später als Spitzel mit Decknamen Tolstoi erweist.

Marginime ist im Roman ein (Alb-)Traum-Ort, an dem jener Sehnsuchtsfluss entspringt, der Aléa zuerst nach Bukarest, dann nach Berlin spülte - verfolgt von Doppelgängern und Beobachtern, die halb Spitzel, halb Dämonen ihres Unbewussten sind. Sie treiben sie von Seite zu Seite schneller auf jenen magischen Punkt zu, „wo die Welt sich verknotet, verdichtet und vielleicht verliert“. Immer öfter reißt in der zweiten, Romanhälfte die Erzähloberfläche auf, unter der sich aber nichts als Chaos und Verzweiflung zeigen: Die Figuren beklagen sich über Ungereimtheiten der Geschichte und überzogene Motive. Aber vielleicht bewegen wir uns ja durch einen Fiebertraum von Aléa, in dem sich die Erzählfäden und ihr eigenes Ich aufzulösen beginnen, während ihre Mutter vergeblich versucht, sie zu wecken.

Claus Heck verwickelt den Leser in ein glühendes Spiel mit Zeitebenen. Er lässt ihn an der Entstehung des Romans teilhaben, den er gerade liest, führt ihm den Eigensinn der Figuren anhand der Verbformen des Futur II vor und erzählt doch eine überzeugende Geschichte. Sie öffnet uns die Augen für die tiefgründige Schönheit der Zufälle. Nicole Henneberg

Aléa Torik: Aléas Ich. Roman. Osburg Verlag, Hamburg 2013. 384 S., 19,99 Euro

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