Kultur : Wer hat Angst vor Einar Schleef?

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Von Burcu Dogramaci

Er war ein Kraftmensch. Einer, der seinen Schauspielern und dem Publikum viel abverlangte, am meisten jedoch von sich selbst forderte. Und wie bei allen Großen, deren Leben zu schnell verglüht, ist man verleitet, von einem verzehrenden Schaffen zwischen Genie und Wahnsinn zu sprechen. Als Einar Schleef im vergangenen Jahr in einem Berliner Krankenhaus starb, hinterließ er ein Theaterwerk voller Wucht und Eindringlichkeit. Seine Inszenierungen hatten wagnerianische Längen. Die für Schleef typischen Massenauftritte, seine antikischen Chöre und imposanten Choreografien revolutionierten das Theater. Keine Frage, Schleef gehörte zu den wichtigsten Erneuerern der Bühnenkunst.

Dass damit längst nicht alle Facetten erfasst sind, bebildert eine prächtige Ausstellung der Kestner Gesellschaft in Hannover. Eigentlich sollte der damals noch lebende Einar Schleef eine Schau zum Thema „Wer hat Angst vor SchwarzRotGold?" inszenieren. Nach seinem Tod entschied man sich für eine Ausstellung post mortem, eine Retrospektive des Malers, Bühnenbildners, Schriftstellers und Regisseurs Einar Schleef.

In jedem Raum und jedem Werk begegnet man dem Lebensthema Schleefs: die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, die ihn geprägt und geschliffen hat. Im Jahr 1944 im ostdeutschen Sangerhausen geboren, erlebte Schleef den Drill und die Verfolgungen des DDR-Regimes. Die Eltern forsteten verängstigt in seinen Tagebüchern nach regimekritischen Äußerungen, der Vater begegnete ihm mit Gewalt. In einem Interview erzählt Schleef von seiner Kindheit, von Handpuppen und ersten Inszenierungen für die Nachbarskinder. Sein Stottern überwand Schleef nur bei seinen Bühnenauftritten. Bei seiner letzten Inszenierung „Verratenes Volk" im Sommer 2000 am Deutschen Theater Berlin monologisierte er als Reinkarnation Nietzsches fast eine Stunde ins Publikum. Ausschnitte aus dieser Inszenierung sind in einem „Schwarzen Kanal der Geschichte" an die Wand projiziert. Auch Sequenzen aus einem seiner bekanntesten Stücke, den "Wessis in Weimar", sind zu sehen.

Damals, im Jahr 1993, war Schleef schon längst in den Westen emigriert. Als ausgebildeter Bühnenbildner hatte er bereits erste Achtungserfolge am Berliner Ensemble gefeiert und beging doch 1976 Republikflucht. Heimisch wurde er auch jenseits der Mauer nicht. Lange Zeit ließ er seine Theaterarbeit ruhen. Ein Raum in der Ausstellung ist den ersten Westberliner Jahren gewidmet. Da seine Freundin Gabriele Gerecke im DDR-Gefängnis saß, zog Schleef sich in eine Art Innere Emigration zurück und schrieb. Er entwickelte eine Tagebuchform, in der Illustration und Texte sich zusammenfügen. Wie ein filmisches Storyboard breiten sich die Erlebnisse aus. Dazwischen immer wieder literarische Arbeiten, die das Leben in drei Epochen heraufbeschwören: der DDR, im geteilten und wiedervereinigten Deutschland.

Das Leben war bei Schleef vom Kampf des Einzelnen gegen die Masse geprägt. Nicht selten kam es zum Eklat: Darsteller gaben auf, Probenzeiten eskalierten, die Theater stießen ans Ende ihrer Finanzkräfte. Schleef wurde viele Male gekündigt, was seinem Ruhm keinen Abbruch tat. An einer langen Wand reiht sich seine Theaterarbeit. Schleef skizzierte Bühnensituationen, erdachte die Plakatmotive, fungierte als Autor und Schauspieler. Ein Genius Universalis, das sich an der Historie seines Landes abarbeitete.

Schade nur, dass sein Zusammenwirken mit Elfriede Jelinek in der Ausstellung so stark in den Hintergrund rückt. In ihr fand er eine geistige Seelenverwandte. Sie lieferte ihm die Steilvorlage für das sensationelle „Sportstück" an der Wiener Burg (1998) und schrieb an einem Drama für ihn, als Schleef starb. Kurz darauf formulierte die Jelinek ihren Schmerz: „Er ist aus der DDR weggegangen, aber nicht hinausgekommen. Da hat ihm schon das Herz brechen müssen, damit er aus sich herauskommen konnte."

Wie stark Schleef sich in jeder künstlerischen Disziplin mit seinem Lebensthema auseinandersetzte, zeigt seine Malerei. Schleef war ein Wilder, der mit heftigen Pinselstrichen die Gedankenwelt auf die Leinwand bannte. Ost- und Westerlebnisse stehen sich dualistisch gegenüber. In den großformatigen Gemälden begegnen hohläugige Richter der Bundesrepublik und der gleißend helle Todesstreifen mit seinen Opfern. Verteilt im oberen Stockwerk der Kestner Gesellschaft sind die Telefonzellenbilder. In den verwaschenen Farben lösen sich die Figuren beim Telefonieren auf - Ende der Verbindung. Im letzten Saal kulminiert das Thema der Ausstellung in einem Raum, der den Tod der Mutter in brutaler Direktheit dokumentiert. Fotografien der zahnlosen Toten reihen sich aneinander, sie werden mit Szenen aus Schleefs Stücken kontrastiert. Seiner Mutter Gertrud widmete er einst einen gewaltigen Monolog in Buchform. In diesem düsteren Raum ist ein Text Schleefs zu lesen, der der Retrospektive den Titel gab. „Schwarz Rot Gold / Glaube Liebe Hoffnung“ heißt es darin. Denn für Schleef steckte in den Trümmern einer Katastrophe stets die Hoffnung auf eine bessere Zeit.

Kestner Gesellschaft Hannover, bis 28. Juni. Di-So 10-19 Uhr, Do 10-21 Uhr. Ein Katalog ist in Vorbereitung.

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