Kultur : Wer im Glashaus schwitzt

Akademie-Präsident Adolf Muschg gibt auf

Rüdiger Schaper

Seit dem Umzug an den Pariser Platz im Mai dieses Jahres steckt die Berliner Akademie der Künste in der Krise. Wegen Feuchtigkeit in dem Neubau musste man Ausstellungen absagen. Auch das geistige Klima ist schlecht, das Haus am Pariser Platz wirkt verschlafen und orientierungslos. Gestern nun ist Akademie-Präsident Adolf Muschg von seinem Amt zurückgetreten, das er seit Mai 2003 innehatte. Zur Begründung gab der 71-jährige Schweizer Schriftsteller unüberbrückbare Differenzen mit dem Akademie-Senat an, zu dem die Direktoren der sechs Kunstsektionen gehören. Die Amtsgeschäfte führt bis zur Neuwahl im Frühjahr 2006 Vizepräsident Matthias Flügge.

In Muschgs schriftlicher Erklärung heißt es: „Das voraussichtlich am 1. Januar 2006 in Kraft tretende Akademie-Gesetz des Bundes schafft die Voraussetzung für eine seit vielen Jahren angemahnte, auch auf Grund meiner eigenen Erfahrungen dringliche Strukturreform des Hauses. Sein leitendes Gremium ist der Akademie-Senat. Er will der Mitgliederversammlung, dem Souverän der Akademie, zur Beschlussfassung einen revidierten Satzungsentwurf vorlegen, von dem ich mich nur distanzieren kann.“

Zu den Hintergründen seiner Entscheidung sagte Muschg: „Das Verhältnis zwischen Leitung und Geschäftsführung, ehrenamtlich tätigen Mitgliedern und vollamtlich tätigen Mitarbeitern ist eine Zone der Unschärfe, die bisher unberührt blieb von den Regeln einfacher Betriebswirtschaft. Mit Ausnahme des professionell aufgestellten Archivs gilt an der Akademie: Wer Entscheidungen trifft, braucht ihre Folgen nicht mitzutragen; wer auszuführen hat, wird für Entscheidungen verantwortlich gemacht, an denen er nicht beteiligt war.“

Das sind noble Worte für die Lähmung, die am Pariser Platz herrscht. Muschg beklagt die mangelnde Professionalität der Akademie-Organisation: „So mag zur Not ein Club zu dirigieren sein; schon ein kleines Orchester nicht mehr. Noch weniger ein mittleres Unternehmen mit über 150 Mitarbeitern, mehreren Immobilien und einem Jahreshaushalt von rund 18 Millionen Euro.“ Besonders schmerzt ihn, dass es der Akademie nicht gelungen sei, ihre Bedeutung als nationale Einrichtung nach außen hin darzustellen. Die Vision einer gemeinschaftlichen Akademie werde stets von den Einzelinteressen der Sektionsdirektoren beschädigt. Ihm bleibe deshalb nur der Rücktritt: „Der Senat hat einen – bereits moderaten – Satzungsentwurf des Präsidiums und der Geschäftsleitung durch einen Gegenentwurf erledigt, der für die Verfassung des Hauses gar keine Wende erhoffen lässt. Die Senatsmehrheit glaubt offenbar, einen auf Zentralismus eingeschworenen oder auf persönliche Macht versessenen Präsidenten um jeden Preis in die Schranken weisen zu müssen.“

Darin liegt eine beträchtliche Ironie: Nach außen jedenfalls ist Adolf Muschg keineswegs als machtversessenes Akademie-Oberhaupt aufgetreten, im Gegenteil. Man kann ihm vorhalten, dass er keine Vision entwickelt hat, was eine – vom Bund finanzierte – Akademie der Künste in der Hauptstadt darstellen und bewirken könnte. Muschgs Rücktritt hat etwas Halbherziges, Akademie-Typisches: Er tritt nicht aus, sondern bleibt der Sektion Literatur als Mitglied verbunden.

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