Western "The Homesman" von Tommy Lee Jones : Der Halunke und die Jungfrau

Die alten Western führten vom Osten in die Prärie. „The Homesman“ von Tommy Lee Jones geht den umgekehrten Weg - zurück in die Zivilisation. Und schickt Hilary Swank auf eine heikle Mission.

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In der Wildnis. Briggs (Tommy Lee Jones) und Mary Bee Cuddy (Hilary Swank).
In der Wildnis. Briggs (Tommy Lee Jones) und Mary Bee Cuddy (Hilary Swank).Foto:Universum

Die Welt, in der „The Homesman“ spielt, besteht hauptsächlich aus Sand, Mühen und Gebeten. Mitte des 19. Jahrhundert ist Nebraska ein unwirtliches Territorium, in dem das Überleben dauernde Anstrengung bedeutet. Die Siedler, die noch vom Pioniergeist und dem Puritanismus der Pilgerväter beseelt sind, bestellen das Land, wie die Bibel es fordert, sechs Tage pro Woche im Schweiße ihres Angesichts. Am siebten gehen sie in die Kirche. Manche Männer verrohen in dieser Umgebung. Manche Frauen werden verrückt.

Eine Frau spricht nicht mehr und trägt eine Puppe mit sich herum, die sie für ihr Baby hält. Eine andere beißt um sich wie ein Tier und muss ans Bett gefesselt werden. Eine dritte faucht immer wieder: „Gott wird dich erschlagen.“ Verstörte Seelen, für die in der Männerwelt der Farmer und Handwerker kein Platz mehr ist. Sie sollen in den Osten gebracht werden, wo es blühende Gärten gibt, Häuser aus Backstein und Pflegeheime. So beschließt es der Gemeinderat. Jemand muss die Frauen 640 Kilometer lang bis nach Iowa begleiten. Ihre Ehemänner drücken sich. Am Ende fällt die Wahl auf Mary Bee Cuddy.

Hilary Swank spielt diese Mary Bee, und so, wie sie das tut, ist das ein Ereignis. Mary Bee hat selber eine kleine Farm, in der ersten Einstellung des Films pflügt sie ächzend ein Feld. Härte und Selbstbewusstsein strahlt Swank in der Tomboy-Rolle aus, darunter aber auch Sehnsucht und Trauer. In ihrem Holzhaus steht immer ein frischer Blumenstrauß, außerdem hat Mary Bee ein Melodion bestellt, ein Tasteninstrument, das kleiner und günstiger als ein Klavier war.

Zu früh zu emanzipiert

„Ich halte es hier nicht aus ohne Musik“, sagt sie. Bei Männern löst die Farmerin mit ihrer Bildung und ihrem Stolz Fluchtinstinkte aus. Als sie einem Nachbarn einen Heiratsantrag macht, entgegnet der verängstigt: „Sie sind einfach zu herrisch und zu trocken obendrein“ – und verschwindet. Um eine Hand anzuhalten, das gehört zu den Aufgaben des Mannes, nicht der Frau. Zu früh zu emanzipiert zu sein: Das ist das Drama von Mary Bee Cuddy.

Im klassischen Western führt der Weg stets von Ost nach West, aus der Zivilisation in die Wildnis. In „The Homesman“, den Tommy Lee Jones nach einem Roman von Glendon Swarthout inszeniert hat, ist es umgekehrt. Die Zeit der großen Abenteuer ist vorbei, das Land ist domestiziert und vermessen. Jetzt geht es nicht mehr ums Kämpfen, sondern um die Konsolidierung. Mary Bee Cuddy bricht mit den drei Frauen in einem vergitterten Holzwagen auf, der an Gefährte erinnert, wie sie Wunderheiler im Mittelalter benutzten. Begleitet wird sie, neben zwei Maultieren und einem Pferd, von George Briggs, einem Herumtreiber.

Ein Halunke und eine Jungfrau

„Sind Sie ein Engel?“, fragt Briggs, den Tommy Lee Jones selber spielt, als Mary Lee ihn von einem Strick schneidet. Sie entgegnet trocken: „Sie sind nicht tot.“ Aufgeknüpft und auf sein Pferd gesetzt worden war er, weil er eine fremde Goldschürfgrube besetzt hatte. Briggs ist ein grobschlächtiger Kerl mit dubioser Militärvergangenheit, dem Cuddy erst einmal erklärt, dass man sich die Hände wäscht, bevor man isst. Ein Halunke und eine Jungfrau. Also ein Traumpaar.

In den klassischen Western ging von der Landschaft neben der Gefahr immer auch Erhabenheit aus. Auch in „The Homesman“ gibt es beeindruckende Landschaftsaufnahmen, doch die Natur wirkt trostlos, keine Spur von der Todesschönheit des Death Valley. Indianer tauchen als alkoholisierte Desperados auf. Lebensgefährlich sind sie trotzdem. Es ist ein Weg durch Hitze und Schnee, und auf dieser Reise, die Tommy Lee Jones angenehm altmodisch inszeniert hat, fragt man sich immer mehr, ob Briggs bloß mitreitet, weil er die 300 Dollar Belohnung braucht, oder weil er sich für Mary Lee interessiert. Die Antwort ist eine Überraschung.

Cinemaxx, FT Friedrichshain, Kant, Tonino; OmU im Central, Kulturbrauerei und im Rollberg

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