Kultur : Wie Doris Dörrie vom Filmemachen zum Geschichtenschreiben kam. Und zum Buddhismus.

Johanna Adorjan

Doris Dörrie stellt man sich ja immer so vor: verstrubbelte kurze Haare, Sonnenbrille, schwarze Jeans und Nike-Turnschuhe. Vielleicht noch eine Lederjacke. Anfang dieser Woche sieht die derzeit berühmteste Regisseurin Deutschlands völlig anders aus. Im roten Kostüm mit langem Rock sitzt sie in der Bar des Hotels Four Seasons - an den Füßen extravagante Stiefel von Prada. Sie sind caramelfarben, enganliegend wie Strumpfhosen und haben einen abgewinkelten, giftgrünen Absatz. "Winterschlussverkauf", sagt sie und grinst.

Hatte man Doris Dörrie in den letzten Jahren nicht immer wieder über ihre große Liebe zum Buddhismus reden hören? Handeln nicht ihr eben erschienener erster Roman und ihr neuer Film von den Lehren, die man aus dem Zen-Buddhismus ziehen kann? Schuhe von Prada und die buddhistische Lehre vom Verzicht: Wie geht das zusammen? "Es ist schon schwierig, im Westen durchzuhalten, was der Buddhismus fordert und all den Ablenkungen zu widerstehen, denen wir hier ständig ausgesetzt sind." Neue Schuhe also. Dem Buddhismus wird sie auf ihnen nicht gleich davonlaufen.

Ob Doris Dörrie zum Buddhismus fand oder der Buddhismus zu ihr, ist ihr selbst nicht ganz klar. Jedenfalls passierte es genau im richtigen Moment. Ihr Mann, der Kameramann Helge Weindler, erkrankte 1996 an Leberkrebs. "Ich hatte panische Angst", sagt sie - und musste doch funktionieren. Für ihre Tochter, damals sechs Jahre alt, für ihren Mann, für sich selbst. In dieser Situation erreichte sie per Post ein Buch mit dem Titel "Das tibetische Buch vom Leben und Sterben". Eine Freundin, die weder etwas mit Buddhismus am Hut hatte, noch von der Krebsdiagnose wusste, hatte es ihr geschickt. "Ich habe das Buch aufgeschlagen", sagt Dörrie, "und einfach nur gemacht, was dastand. Und da stand: Einatmen, Ausatmen, sich ganz auf die Gegenwart konzentrieren. Das hat tatsächlich geholfen und einen angstfreien Raum geschaffen. So habe ich gemerkt, dass das Ganze ziemlich clever ist", sagt Dörrie.

Vier Jahre nach diesem Schicksalsschlag strahlt Dörrie eine heitere Gelassenheit aus, wie sie die meisten Menschen ihr ganzes Leben nicht erreichen. Selbst wenn sie nicht lacht, meint man, in ihren Augen ein Zwinkern zu sehen. Ihrer mittlerweile zehnjährigen Tochter Clara geht es gut. Dörrie hat sich wieder verlieben können, vergangenes Jahr, in den Produzenten Martin Moszkowicz. Ständig rennt sie mit Block und Stift durch die Gegend, beobachtet Menschen, macht sich Notizen und sammelt lustige Sätze. ("Bei Ihnen möchte ich kein Basilikum sein", sagte ihr Gemüsehändler vor ein paar Tagen zu ihr, weil ihr Basilikum ständig vertrocknet.) Eine glückliche Frau?

"Wenn einem so was Schlimmes widerfährt, dass einem der Mann stirbt, dann relativiert sich alles andere", sagt Dörrie. "Es relativiert sich aber nicht für immer und ewig. Ich dachte, dass ich mich nie wieder über einen Strafzettel ärgere. Das tue ich jetzt aber doch wieder." Dörrie sagt, sie sei durch den Tod ihres Mannes ein optimistischerer Mensch geworden. Für sie ist das kein Widerspruch: "Wenn man kapiert, wie fragil das Leben ist, sagt man sich: Genieß es, wenn es stattfindet."

Die Entstehungsweise ihres neuens Films "Erleuchtug garantiert" verrät viel über die Sehnsüchte seiner Regisseurin. Frei wollte sie sein und unabhängig. Mit einem ungefähren Handlungsfaden im Kopf, ihren Schauspielern, einem vierköpfigen Team und einer Videokamera begab sie sich zwei Wochen lang an den Schauplatz der Handlung, ein strenges Kloster in Japan. "Wir haben ein Zen-Prinzip zum Dreh-Prinzip gemacht", sagt Dörrie: "Immer offen bleiben, nie zumachen." Der Weg ist das Ziel, ist das nicht auch ein buddhistisches Prinzip?

Der Weg zu Zen und Ruhm verlief nicht ohne Umwege. Direkt nach dem Abitur, mit achtzehn Jahren, zog Doris Dörrie von ihrer Heimatstadt Hannover nach Kalifornien und begann ein Schauspielstudium. Nicht in erster Linie, um Schauspielerin zu werden: "Ich wollte Geschichten erzählen, ich wusste nur noch nicht, wie." Nach kurzer Zeit brach sie das Studium ab, zog nach New York und versuchte es dort mit Philosophie und Psychologie. Zurück in Deutschland ging sie an die Hochschule für Film und Fernsehen in München. Nach ihrem Abschluss 1978 drehte sie zahlreiche Dokumentar- und Spielfilme. Mit dem Kinofilm "Männer" kam 1985 der Durchbruch: Fünf Millionen Zuschauer sahen die Komödie, so viele Zuschauer hatte bis dahin kein deutscher Film gehabt. Mit 30 Jahren galt sie plötzlich als größte Regiehoffnung Deutschlands.

Schwierig, einen solchen Erfolg zu wiederholen. Unmöglich, wenn man es mit einem Film versucht, in dem ein Mann und sein Schwanz die Hauptrollen spielen. "Ich und er" hieß dieser Film, 1987 in den USA gedreht. Bernd Eichinger produzierte, es wurde ein Riesenflop. Mit Eichinger lag Dörrie danach im Streit - jahrelang . Bis Eichinger das Drehbuch zu "Bin ich schön?" in die Hände fiel, eines der besten Bücher, die er je gelesen hatte. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits einige Szenen des Films fertiggestellt, doch dann war Helge Weindler während der Dreharbeiten in Spanien gestorben und Dörrie hatte das Projekt abgebrochen. Eichinger überredete sie, den Film fertig zu machen. Seitdem arbeitet sie wieder. Vielleicht mehr denn je.

Kurz vor Weihnachten ist Doris Dörries erster Roman erschienen: "Was machen wir jetzt?" Es geht darin um einen Mann, der während eines Aufenthalts in einem buddhistischen Kloster einsieht, dass er sein bisheriges Leben so gelebt hat, als hätte es noch gar nicht angefangen. Und die Liebe, das Leben, den Tod - und die Banalitäten, die all das begleiten. Über 30.000 Mal hat sich das Buch in den ersten drei Wochen verkauft; die dritte Auflage ist bereits ausgeliefert. Die Kritiker überschlagen sich vor Begeisterung.

Dabei hat Doris Dörrie mit dem Schreiben nur angefangen, um die Figuren ihrer Filme näher kennenzulernen. Hatte sie in einer Kurzgeschichte deren Charaktere skizziert, fiel es ihr leichter, das Drehbuch zu schreiben. "Ich wusste dann alles über sie. Wie sie sich eine Zigarette anzünden oder die Krawatte binden." Mit der Zeit wurde mehr daraus, eine Leidenschaft, ein Beruf. Sieben Bände mit Kurzgeschichten sind seit 1987 erschienen, täglich schreibt Dörrie mehrere Stunden. "Meine Familie stöhnt immer, ich soll nicht dauernd schreiben. Aber ich muss immerzu schreiben."

Ein paar Motive ziehen sich wie rote Fäden durch alle Dörrie-Geschichten: Figuren, die anders sein wollen als sie sind; ein äußerer Einfluss, der ihr Leben durcheinanderbringt; der verzweifelte Versuch, dem Glück hinterherzujagen. "Das scheint wohl meine Versuchsanordnung zu sein", sagt Doris Dörrie, "dass wir in einem Tran oder Traum leben und dann irgendwann gezwungen werden, aufzuwachen."

Doris Dörrie ist aufgewacht, als ihr Mann an Krebs erkrankte. Wenn sie eine Botschaft hat, dann diese: Der glücklichste Moment in deinem Leben ist jetzt. Verpass ihn nicht.

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