Kultur : „Wie reagieren die Eltern?“

Wie Valérie Donzelli und Jérémie Elkaïm den Kampf um ihr krebskrankes Kind nachinszenierten.

Herausforderung Familie. Roméo (Jérémie Elkaïm) und Juliette (Valérie Donzelli) mit Adam. Foto: Prokino
Herausforderung Familie. Roméo (Jérémie Elkaïm) und Juliette (Valérie Donzelli) mit Adam. Foto: Prokino

Madame Donzelli, Monsieur Elkaïm, beim Sehen von „Das Leben gehört uns“ habe ich an Max Frischs berühmte Maxime denken müssen: „Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“

JÉRÉMIE ELKAÏM: Guter Satz. Zumal die meisten Leute mit uns über biografische Fakten sprechen wollen, dabei lädt unser Film doch zum philosophischen Gespräch ein. Er illustriert ja nicht bloß, was wir erlebt haben. Sondern indem wir davon erzählen, wird es zur Legende.

VALÉRIE DONZELLI: Das gehört essenziell zum Schreiben dazu. Gleichzeitig aber ist der Film ich, er ist wir, er ist unsere Geschichte. Wir kennen uns schon 15 Jahre, fast unser halbes Leben.

Sie erzählen vom Leben mit Ihrem krebskranken Kind. Wie haben Sie Ihre Geschichte für den Film modifiziert?

ELKAÏM: Wir haben nicht einzelne Elemente verändert, sondern die Beziehung zum Realen überhaupt. Sicher gibt es Details, die so nicht passiert sind. Zum Beispiel der Dialog vor der Operation des Kindes: Da witzeln die Eltern miteinander, tatsächlich haben wir das an dem Tag überhaupt nicht getan. Die Szene hatte aber eine Art Kompensationsfunktion, denn in der Zeit haben wir auch viel gelacht.

DONZELLI:Was wir absolut nicht gezeigt haben, ist der Schmerz des Kindes, die Gewalt, die das Kind auch physisch erfährt. Also: nicht die Realität der Krebsklinik, die Infusionen. Es geht um die Eltern: Wie reagieren sie? Wie meistern sie die Situation? Das hat sogar etwas Politisches: Sie sind mit einem fundamentalen Problem konfrontiert, aber ihnen bleibt die Freiheit, darin eine Größe zu gewinnen. Ja, man ist frei, sein Leben zu erfinden.

ELKAÏM: So wehren sie sich auch gegen Stigmatisierung. Kaum ist die Krebsdiagnose da, werden sie ja nur noch als Eltern eines kranken Kindes wahrgenommen.

Im Film spielen Sie selbst die Eltern. Sie hätten die Rollen anders besetzen können.

DONZELLI: Die Rolle des Roméo, der ja ein sehr moderner Vater ist, passte perfekt zu Jérémie. Bei Juliette war ich lange unsicher, aber die Sache lief auf mich zu. An Alternativen habe ich wohl nur gedacht, um sie sicher auszuschließen.

Wenn Sie zur Interpretation Ihres Filmes zwischen zwei Begriffen wählen müssten: Exorzismus oder Exhibitionismus ...

ELKAÏM: Oh, das ist hart …

DONZELLI: … ja, sehr hart. Ich würde sagen (zögert lange): Exorzismus.

ELKAÏM: Es ist leicht zu sagen, wir wollten weder das eine noch das andere. Aber das wäre eine Schutzbehauptung. Als Künstler machen wir immer eine verrückte, innere Reise ...

DONZELLI: … und die ist im Zweifel narzisstisch. Ja, das trifft es: Narzissmus. Exhibitionismus würde ja heißen, man drängt anderen schamlos etwas auf. Gerade deshalb haben wir auf Strenge gesetzt, in der Scham, der Zurückhaltung. Auch das Genre der Komödie passt dazu, jedenfalls so, wie ich den Begriff verstehe: Gerade weil sie Scham und Distanz enthält, kann sie Drastisches verhandeln.

Ihr Sohn Gabriel, heute zehn Jahre alt, spielt den Jungen, der dem Tod entronnen ist. Wie findet er den fertigen Film?

DONZELLI: Ganz genau wissen wir es nicht. Schon beim Schreiben des Drehbuchs haben wir ihm gesagt, es geht in dem Film nicht um dich und deine Krankheit und deine Gefühle, sondern um unsere Erfahrung damit als Eltern. Da fragte er: „Und wer spielt das große Kind?“ Das wollte er selber spielen. Gezeigt haben wir ihm den Film erst spät, auch damit die Bilder nicht an die Stelle seiner Erinnerung treten.

Das Kind ist gerettet, die Eltern aber haben sich getrennt. Ob Gabriel sich schuldig fühlt an der Trennung?

DONZELLI: Wir haben uns nicht getrennt, weil Gabriel Krebs hatte, das war komplizierter. Aber Kinder führen vieles auf sich selbst zurück, Gutes und Schlimmes – erst recht Kinder, die Krebs hatten. Es gibt extra Psychotherapeuten für diese Kinder, Gabriel macht eine solche Therapie. Wir leben immer noch recht gemeinschaftlich mit ihm. Für ihn soll die Situation so unkompliziert wie möglich sein.

Sie haben eine extrem existenzielle Erfahrung hinter sich. Das wirft auch Fragen nach dem Glauben auf.

DONZELLI: Ich bin gläubig, das ja. Vielleicht glaube ich nicht an Gott. Aber in meinem Charakter – ich bin sehr katholisch erzogen – gibt es sicher eine Art Christentum, das in der Arbeit sichtbar wird.

ELKAÏM: Ich glaube, man ist ganz allein auf der Welt.

DONZELLI: Ich nicht. Überhaupt nicht.

Das Gespräch führte Jan Schulz-Ojala.

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