"Wie wir leben wollen" : Bäume weg, Flüchtlinge rein

Neue Normalität: In dem Band "Wie wir leben wollen" üben sich deutschsprachige Autorinnen und Autoren im solidarischen Schreiben.

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Andere Heimat. Man muss nicht in Deutschland geboren sein, um gute deutsche Bücher zu verfassen. Foto: Imago/Jochen Tack
Andere Heimat. Man muss nicht in Deutschland geboren sein, um gute deutsche Bücher zu verfassen.Foto: Imago/Jochen Tack

Man muss an die siebziger Jahre denken, wenn ein Buch „Texte für Solidarität und Freiheit“ verspricht. An Polit-Pamphlete, Flugblätter und anderes aufgeregtes, gut gemeintes Schriftgut. „Wie wir leben wollen“, so der Titel dieser Anthologie, heißt allerdings auch ein Album der immer noch sehr gegenwärtigen Indierock-Band Tocotronic, es erschien im Jahr 2013. Und die Texte stammen zum größten Teil von Autorinnen und Autoren aus der jüngeren deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, der bislang vieles nachgesagt wurde, nur kein verstärkter Hang zum gesellschaftspolitischen Engagement.

Von einer „neuen Lebensrealität“ und den Fragen, die diese aufwerfe, spricht im Vorwort der Herausgeber Matthias Jügler und meint damit die Entwicklungen in Deutschland und Europa seit letztem Sommer: die Flüchtlingskrise, die bedenklichen, negativen Reaktionen darauf, von AfD-Wahlerfolgen bis hin zu den zahlreichen Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte. Ja, so Jügler weiter, da sei nun „eine Generation von Autorinnen und Autoren“ auf der Suche nach Antworten und wolle wissen, was „in dieser neuen Lebensrealität Heimat, Fremde und Identität“ bedeuten.

Feridun Zaimoglu ist nicht mehr allein

So, so, denkt man, klingel, klingel machen diese Worte – man weiß aber auch, dass allein die Zusammensetzung des deutschsprachigen Literatur-Personals verdeutlicht, wie sehr Deutschland zum Einwanderungsland geworden ist. Früher schien es, als stünde Feridun Zaimoglu allein auf weiter Flur. Zaimoglu war der ultimative Vorzeigeautor, ein Sohn türkischer Einwanderer, der auf Deutsch schreibt und sich in die deutsche Sprache regelrecht verliebt hat. Inzwischen gibt es immer mehr Autorinnen und Autoren, die nicht in Deutschland ihre familiären Wurzeln haben und großartige Bücher schreiben, da kann der aus einer russisch-jüdischen Familie stammende und in Prag geborene Maxim Biller sagen, was er will: Olga Grjasnowa, Nino Haratischwili oder Katja Petrowskaja, Saša Stanišić, Abbas Khider oder Catalin Dorian Florescu. Auch in „Wie wir leben wollen“ setzen sich so einige mit ihrer Herkunft aus dem Iran, Indien oder Sri Lanka auseinander, etwa Shida Bazyar, Maruan Paschen oder Senthuran Varatharajah. Sie beschreiben, was es bedeutet, mit einem solchen familiären Hintergrund in Deutschland zu leben, auf einem Pfad der Dämmerung gewissermaßen: von den ständigen Fragen, wo man „eigentlich“ herkomme oder warum man so gut Deutsch spreche, über das Wohnen in homogenen bürgerlichen Kiezen mit Vorzeigegesinnung, aber mit Glasglockencharakter fern der Realität bis hin zu offenen rassistischen Anfeindungen.

Heidelberg: ein bosnischer Junge lernt in den Weinbergen Polnisch

Der 1978 im bosnischen Višegrad geborene Saša Stanišić erzählt, wie er sein Herz in Heidelberg verloren hat, als er 1992 aus dem bosnischen Krieg kam, speziell im Stadtteil Emmertsgrund mit seinen vielen Migranten und einer Aral-Tankstelle als Jugendzentrum. „Heidelberg ist ein bosnischer Junge, der sich in den Weinbergen aus Emmertsgrund von einem Mädchen Polnisch beibringen lässt“, schreibt Stanišić. „Der sich viel später erst des Zufalls bewusst werden wird, ausgerechnet ein Heidelberger Junge geworden zu sein. Der diesen Zufall Glück nennt und diese Stadt mein Heidelberg.“

Der Blick in den Texten dieser Anthologie geht aber auch ebenso explizit in die Fremde. Nora Bossong schildert die Eindrücke und Erlebnisse einer Reise ins ostafrikanische Burundi im Jahr 2012. Der Subtext ihrer Erzählung lautet, weniger für Bossong als für die Einheimischen: Aber hier leben, nein danke! Jan Brandt hat sich auf die Spuren seines Urgroßvaters und dessen Bruders begeben, die im 19. Jahrhundert in die USA ausgewandert sind, der eine für immer, der andere nur kurz. Und Stephan Thome, der mit seiner taiwanischen Freundin einen Großteil des Jahres in Taipeh lebt, diese Stadt als zweite Heimat bezeichnet und stets, wenn er hierher zurückkommt, das Gefühl hat, nach Hause zu kommen, untersucht parallel zu den Ereignissen in Deutschland die Transformation der chinesischen Kultur im 19. und 20. Jahrhundert. „Die Überwältigung des alten China durch das Fremde bzw. die Fremden hat stattgefunden, aber auf die Enteignung von außen folgte eine Neuaneignung von innen,“ schreibt er. Und: „So vollzieht sich kultureller Wandel: Bevor er sich durchgesetzt hat, weckt er Verlustängste, danach konstituiert er eine neue Normalität, worin diese Ängste keinen Platz mehr haben. Wie soll man vermissen, was einem schon lange nicht mehr gehört?“

"Sich einmischen, so oft es geht. Die Linke zum Leben erwecken"

Thomes Text ist einer der besten, hellsichtigsten in diesem Band – unter vielen anderen guten, die das Eigene und das Andere, die Heimat und die Fremde von vielen Seiten aus betrachten. Manchmal sind die Beiträge etwas erwartbar, wenig überraschend: Mirna Funks Kindererlebnisse aus Berlin-Marzahn, Inger-Maria Mahlkes Geschichte aus dem 309-Seelen-Örtchen D. („Die entscheiden das einfach so. Bäume weg, Flüchtlinge rein“) oder Heinz Helles Typologie rechter Patrioten. Das passt das ebenfalls mit in den Band aufgenommene, 2015 in der Zeitung „Le Monde“ veröffentlichte „Manifest für eine intellektuelle und politische Gegenoffensive“ der französischen Autoren Geoffroy de Lagasnerie und Édouard Louis, das in dem „Prinzip der Intervention“ mündet. Es lautet: „Sich einmischen, so oft es geht. Den öffentlichen Raum einnehmen. Kurz, die Linke zum Leben erwecken.“

Das ist appellativ und plakativ, das muss so sein in einem Manifest. Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur hat sich das zu Herzen genommen, sie ist mit dieser Anthologie auf einem guten Weg. Sie mischt sich ein, bezieht Stellung, natürlich differenzierter, reflektierter und literarischer als de Lagasnerie und Louis in ihrem Manifest. Und vielstimmig sowieso: Es dürfen ja tatsächlich mal andere Autoren sein, die sich engagieren, nicht immer bloß Ilja Trojanow und Juli Zeh.

Wie heißt es im Refrain des Titelsongs des Tocotronic-Albums: „Das ist keine Erzählung, das ist nur ein Protokoll, doch wir können davon lernen, wie wir leben wollen.“

Matthias Jügler (Hg.): Wie wir leben wollen. Texte für Solidarität und Freiheit. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 200 Seiten, 10 €.

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