Wien : Matthias Hartmann am Burgtheater gefeuert

Der Direktor des Wiener Burgtheaters, Matthias Hartmann, muss gehen - und eine der bedeutendsten deutschsprachigen Bühnen wird von einem Skandal erschüttet.

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Alles was Geld bringt. 2011 verkaufte Matthias Hartmann den alten Holzfußboden des Burgtheaters für 600 Euro das Kilogramm.
Alles was Geld bringt. 2011 verkaufte Matthias Hartmann den alten Holzfußboden des Burgtheaters für 600 Euro das Kilogramm.Foto: dpa

Österreichs Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) hat gestern Mittag den seit September 2009 in Wien amtierenden Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann fristlos gekündigt. Die Entlassung Hartmanns ist der vorläufige Höhepunkt eines Finanzskandals, der seit Ende Februar die österreichische Kulturszene erschüttert und in seinen Folgen inzwischen ein zumindest mitteleuropäisches Theaterbeben auslösen dürfte.

Was der Fall Hoeneß momentan für Deutschland ist, hat Österreich in anderen, aber nicht weniger dramatisch kurios mysteriösen Dimensionen in der Causa Burgtheater, Hartmann – und Silvia Stantejsky. Frau Stantejsky bildete bis vor kurzem mit Hartmann das Führungsduo der staatseigenen Burgtheater GmbH: er der illustre Regisseur, künstlerische Geschäftsführer und offizielle Burgtheaterdirektor, sie die in der Öffentlichkeit weithin unbekannte kaufmännische Geschäftsführerin.

Silvia Stantejsky galt zunächst als Schlüsselfigur des Skandals und wurde Ende 2013 ihres Postens enthoben. Sie soll beträchtliche Summen aus dem Budget des mit über 45 Millionen Euro öffentlich subventionierten Burgtheaters veruntreut haben. Nichts davon freilich verzockt oder in die eigene Tasche gewirtschaftet – nein, die unter Künstlern der deutschsprachigen Theaterszene offenbar sehr geschätzte Kauffrau soll beispielsweise bei Gastengagements großzügig Vorschüsse und „Handgelder“ an die auswärtigen Regisseure oder Schauspieler verteilt haben. Bares als Willkommensgruß. Die frühere kaufmännische Direktorin bestreitet die Vorwürfe, und ihr Kompagnon Matthias Hartmann, von dem man in seiner Rolle als Mitgeschäftsführer auch eine gewisse Mitkontrolle über die laufenden Kosten erwartet hätte, will von allem nichts gewusst haben.

Das Burgtheater ist bis heute das reichste und größte Repertoiretheater der Welt

Das reiht sich ein in vielerlei Ungereimtes. Der 51-jährige Hartmann hatte sich früher gerne auf seine Anfänge als kaufmännischer Lehrling, der erst später zur Kunst gelangt sei, berufen. Auch hat er in der Theaterbranche den Ruf eines geschäftstüchtigen, zahlensicheren Mannes. Nun freilich behauptet er, einerseits schon bei seinem Vertragsbeginn vor fünf Jahren Zweifel am Geschäftsgebaren im Burgtheater geäußert zu haben. Andererseits rühmt er sich zu Recht, in seiner Burg-Zeit die Einnahmen und Besucherzahlen kräftig gesteigert zu haben. Nur die Abflüsse aus seinem Etat habe er, der Künstler, nicht bemerkt.

Das Burgtheater ist bis heute das reichste und größte Repertoiretheater der Welt. Es hat vier Spielstätten, jährlich fast eine halbe Million Zuschauer und bietet bei seinen rund 900 Vorstellungen Hochkaräter wie Gert Voss, Klaus Maria Brandauer, Kirsten Dene oder Birgit Minichmayr aus dem 80-köpfigen Ensemble auf. Als eine von drei Tochtergesellschaften gehört die Burg zusammen mit der Wiener Staatsoper und der Volksoper Teil zu einer Bundestheater-Holding der Republik Österreich. So reich diese Holding (mit 2500 Mitarbeitern) auch wirkt: Man schaut in Wien traditionell durchaus aufs Geld. Und die hier mächtig engagierte Boulevardpresse beäugt vor allem deutsche Theaterdirektoren als geborene „Piefkes“mit äußerstem Misstrauen – das hatte früher schon Claus Peymann erlebt.

Im Aufsichtsrat der Bundestheaterholding wird inzwischen der Vorwurf der Untreue, Urkunden- und Bilanzfälschung erhoben. Eine 97 Seiten starke, mit geschwärzten Personennamen ins Internet gestellte „Forensische Untersuchung der Buchungsvorgänge der Burgtheater GmbH in den Geschäftsjahren 2012/13 und 2013/14“, vorgelegt von der international bekannten Betriebsprüfungsgesellschaft KPMG, scheint den geäußerten Verdacht zu stützen. Das Burgtheater rechnet trotz aller Umsatzsteigerungen für die 2013 abgelaufene Saison mit einem Gesamtminus von 8, 3 Millionen Euro, darüber hinaus drohen der Bühne Steuernachzahlungen bis zu fünf Millionen Euro. Und manche nennen es erst die Spitze eines Eisbergs.

Die stolze Burg eine Titanic des Theaters? Matthias Hartmann (Basisgehalt angeblich 220 000 Euro), der, wie er jetzt einräumte, unmittelbar vor seinem Amtsantritt wohl selber Barzahlungen von Frau Statejsky als Vorschüsse auf Regiegagen erhalten hat, darf nach seiner Kündigung das Burgtheater ab sofort nicht mehr betreten. Dagegen will Hartmann nun Klage erheben. Unklar ist freilich, wie unter diesen Umständen Hartmanns zum Berliner Theatertreffen eingeladene Inszenierung „Die letzten Zeugen“ (mit realen Überlebenden des Holocausts) im Mai stattfinden soll. Oder die Großproduktion von Karl Kraus’ „Letzten Tagen der Menschheit“, mit der Matthias Hartmann mit dem Burgtheaterensemble im Sommer den Hauptakzent der diesjährigen Salzburger Festspiele setzen sollte.

Viele bedauern auch Hartmanns Fall. Für die Nachfolge auf dem Burgthron gibt es allerdings schon einen Favoriten. Der gebürtige Kärtner Martin Kusej, zur Zeit noch Intendant des Münchner Residenztheaters, gilt als heißer Anwärter.

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