Wildes Kino-Debüt: "Schau mich nicht so an" : Verliebt, verhext, verloren

Geboren in der Mongolei, Absolventin der Münchner Filmhochschule: Uisenma Borchu gibt in ihrem Erstlingsfilm „Schau mich nicht so an“ alles.

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Berührt, verführt. Iva (Catrina Stemmer) und Hedi (Uisenma Borchu). Foto: Zorro Film
Berührt, verführt. Iva (Catrina Stemmer) und Hedi (Uisenma Borchu).Foto: Zorro Film

Sie ist eine Grenzüberschreiterin. Schon, wie sie das fünfjährige Nachbarskind Sofia (Anne-Marie Weisz) zum Zigarettenrauchen verführen will. Oder mit welcher Ruppigkeit sie, die doch bloß in der Wohnung obendrüber lebt, in Anwesenheit von Sofias verblüffter Mutter Iva (Catrina Stemmer) mal eben für immer Sofias nette Babysitterin vergrault. Oder wie sie – mitten in der Geburtstagspartynacht, in der sie erst die bereits heftig verliebte Iva küsst – vor Ivas Augen einen sanften Typen aufreißt und heimschleppt, ihn dann beim Sex massiv herumkommandiert und morgens kurzerhand rauswirft: „Ist doch kein Obdachlosenheim hier!“

Keine Frage, vor der verführerisch rätselhaft schönen Hedi sollte der Rest der Welt sich dringend in Acht nehmen. Sie ist die radikal allein lebende Brandstifterin im Mikrokosmos der liebesdurstigen Biederfrau Iva, ihrer linkisch alleinerziehenden „Ich bin Eltern“-Nachbarin. Und superschnell wird sie zu Sofias supercooler Spielkameradin und Geschichtenerfinderin, die sich bald an Mutters Stelle drängt. Ja, wo bleibt denn da die Mama Iva, neben der tollen „Mamahedi“? Richtig, diese Hedi macht ausnahmslos alle Leute verrückt oder verliebt, als ob da kein Unterschied wäre.

Josef Bierbichler: wunderbar müde vom Fach

Irgendwo im mittelständischen München von heute haust diese Hexe oder auch Zauberin und hat ihre Kindheit aus der Mongolei mitgebracht ins blasse Mitteleuropa. Von der Oma einst aufgezogen in einer Jurte am Rand der Hauptstadt Ulan Bator und eines Tages ins fremdhässliche Deutschland gefallen wie die Regisseurin und Hauptdarstellerin Uisenma Borchu selber, die hier mit ihrer Diplomarbeit an der Münchner Filmhochschule ein erstes wildes Werk vorlegt. Mit dahinimprovisierten Dialogen in manchmal ungelenk länglich ausufernden Szenen, mit Laien auch. Nur der große alte Josef Bierbichler, der – als Ivas halb vergessener Vater – spät hinzukommt, auch er eine Art Opfer im längst explosiven Geschehen, ist wunderbar müde von Fach.

Ihr Spiel. Der Vater der Freundin (Josef Bierbichler) und Hedi (Uisenma Borchu). Foto: Zorrofilm
Ihr Spiel. Der Vater der Freundin (Josef Bierbichler) und Hedi (Uisenma Borchu).Foto: Zorrofilm

Als er sehr am Rande aufscheint in dem seltsamen weiblichen Trio, hat Hedi sich die fragile Iva bereits völlig untertan gemacht. Verführen, benutzen, verbrauchen, versklaven, so funktioniert Hedis Eroberungsmuster – und nun setzt sie zu einer letzten Grenzverletzung an, mit der die seelische Auslöschung Ivas als Mutter und Tochter besiegelt werden soll. Ihre Motive allerdings bleiben unklar: Aus welchen Verlusten speist sich ein derart maßloser Machthunger? Welches und wessen Glück wird da mit aller Seelengewalt erzwungen, und kann es überhaupt ein Glück sein, wenn es nur mit Gewalt zu haben ist?

Immer wieder macht sich die Regisseurin nackt

Uisenma Borchu hält sich nicht ans Psychologisieren; lieber treibt sie ihre rohe Geschichte, deren finsterste Rolle sie sich selbst zugeschrieben hat, mit Lust am Schock voran. Und macht sich dabei buchstäblich immer wieder nackt, um den Körper vor allem als Waffe einzusetzen. Nur was, wenn den Oberflächenreizen das Geschehens die ausgleichend ergründungsträchtige Tiefe fehlt? Solche Filme enden gewöhnlich drastisch, mit dramaturgischer Notbremse.

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Mit Harald Martenstein bei "Fifty Shades of Grey"
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„Schau mich nicht so an“ macht da keine Ausnahme. Und bleibt doch ein Faszinosum – erfunden, inszeniert, gespielt und geschnitten von einer 32-jährigen Regisseurin mit asiatischen Wurzeln, die als Kind in den deutschen Osten kam, kurz vorm Ende der DDR. Eine bittere Migrationsgeschichte wird hier offenkundig miterzählt, ein Riss, den eine eminente Behauptungswut zu schließen sucht. Doch vielleicht ein Irrtum, eine Verengung auch das. Schau mich an, fordert der Film. Aber nicht so.

In Berlin im Acud, Blauer Stern, Hackesche Höfe, Lichtblick und Moviemento

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