Wildplakatieren in Berlin : Kleben und kleben lassen

Virale Werbung im Netz? Multimediale Effekte auf Plakatwänden? Was Werbestrategen für zeitgemäß halten, ist Wildplakatierern wie Wolfgang egal: Sie werden bezahlt, die Plakate der Anderen einfach immer wieder mit den eigenen zu überkleben. Dabei gilt: Viel hilft viel! Eine Nacht mit Kleister.

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Immer feste druff. Wildplakatierer wie Wolfgang, 58, bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone, pfeifen auf moderne Werbepsychologie - und prägen doch, mit einer ganz eigenen Ästhetik, das Bild Berlins.Alle Bilder anzeigen
Foto: David von Becker
06.12.2012 19:09Immer feste druff. Wildplakatierer wie Wolfgang, 58, bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone, pfeifen auf moderne...

Es ist fast neun Uhr, als Wolfgang das erste Mal an diesem Abend im Stau steht: im Plakatierer-Stau. Der Hermannplatz in Neukölln, Ecke Hasenheide, eine knapp 50 Meter lange leer stehende Ladenzeile hoch: komplett zugeklebt. Drei Männer mit ausgemusterten Post-Fahrrädern stehen da, vorne ein Eimer Kleister, hinten ein Sortiment Plakate, kleistern die Wand ein, kleben. Und Wolfgang, 58 Jahre, lange, lockige Haare, Schnauzbart und Memphis-Zigaretten, sitzt in seinem Auto und wartet, denn frisch angebrachte Plakate zu überkleben, gehört sich für ihn nicht, „also schauen wir mal, was die an Platz übrig lassen.“ Wild-Plakatieren in Berlin – das bedeutet Gerangel um die besten Plätze. Wenn es dunkel wird, ziehen an manchen Tagen ganze Gruppen durch die zentralen Kieze. Häuserwände, von denen sich zentimeterdicke Plakatschichten schälen lassen, gehören hier an vielen Ecken zum Straßenbild.

Es ist Werbung, von der etablierte Werbestrategen wenig halten. „Eine Ordnungswidrigkeit, die schlicht und ergreifend verboten ist“, schimpft Volker Nickel, Sprecher des Zentralverbandes der deutschen Werbewirtschaft. Rund 800 Millionen Euro würden auf legale Weise bundesweit jährlich in Außenwerbung investiert. Um gut 5 000 Plakate in der Stadt zu verkleben, berechnen kleine Agenturen, wie diejenige, für die Wolfgang arbeitet, indes nur knapp 2 000 Euro, ein Spottpreis für großflächige Werbung, die jeder sieht. Was die Kalkulation der Agenturen und ihrer Auftraggeber begünstigt: Nur die wenigsten wilden Plakate ziehen Anzeigen oder Ordnungsgelder nach sich. Zu gut wissen solche wie Wolfgang, wo es auf ein Plakat mehr oder weniger nicht ankommt, und wo man trotzdem gesehen wird. Auch ohne die Modernisierungen, auf die Branchengrößen wie die Wall AG in Berlin zunehmend setzen, ohne Plakatwände mit wechselnder Werbung oder Videoleinwände. Wie ein Gemeindebrief fürs Viertel scheint das, was der alte Mann mehrmals pro Woche austrägt. Und der irgendwie ankommt: Sonst hinge diese Stadt wohl kaum voller Plakate. Sonst stünde Wolfgang seltener im Stau.

Viel hilft viel
Immer feste druff. Wildplakatierer wie Wolfgang, 58, bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone, pfeifen auf moderne Werbepsychologie - und prägen doch, mit einer ganz eigenen Ästhetik, das Bild Berlins.Alle Bilder anzeigen
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06.12.2012 19:09Immer feste druff. Wildplakatierer wie Wolfgang, 58, bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone, pfeifen auf moderne...

Wiener Straße, Ecke Spreewaldplatz, eine Bürste, ein Eimer Leim, ein Glascontainer und sechs Plakate, „so viel kriegt man da immer ran“. Die Temperaturen sind längst unter den Gefrierpunkt gefallen, etwas Salz im Kleister verhindert das Einfrieren. Wolfgang kennt die Leute und sie kennen Wolfgang. Sogar mit Vornamen – das ist der Unterschied. „Mensch, Wolfgang, grüß dich“, ruft ihm ein Spaziergänger zu. „Mensch, du, grüß dich auch“, antwortet Wolfgang, der sie – wenn auch nicht mit Namen – alle irgendwie kennt: den Mann vom Spätkauf in der Wiener Straße beispielsweise, die Dame aus dem Plattenladen am Landwehrkanal, die Betreiber einer Dönerbude in der Reichenberger. „Man kommt rum“, sagt Wolfgang, ein Tagedieb alter Schule, der noch weiß, dass Arbeit nichts wert ist, wenn sonst keine Zeit mehr bleibt. Zum Beispiel für Musik. Fast 1000 CDs stapeln sich in der Kreuzberger Wohnung des ehemaligen Fernfahrers, der heute – neben dem Kleben – ab und an Baucontainer schrubbt. Hard-Rock, eine Mix-CD jetzt im Autoradio, von Black Sabbath bis Uriah Heep, langhaarige Männer mit Schnauzbart, hohen Stimmen und ausschweifenden Gitarrensoli und Wolfgang singt mit zum plärrenden Autoradio, „This is a thing I’ve never known before and it’s called easy livin‘“, der VW Golf, Baujahr 1991, mit über 250 000 Kilometern auf der Uhr, aber ohne Heizung.

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