Kultur : Willkommen zu <i>Hause < i>

12.09.2010 15:09 UhrVon Caroline Fetscher

Hannes Stein ist in die USA ausgewandert

Am Anfang war der Zollbeamte. Mit seiner frisch gewonnenen Green Card, dem Koffer und den mühsam zusammengeklaubten Papieren steht der Auswanderer vor ihm und fürchtet abweisende Worte. „Welcome home!“ sagt der Mann stattdessen. Und die Reise von Hannes Stein auf den Kontinent jenseits des Atlantiks beginnt. Alles ist dort wieder und wieder anders, als der Korrespondent und Autor es sich vorgestellt hat. Statt entfesselter Moderne begegnen ihm Elemente der Moderne des 18. Jahrhunderts: Schaffner, die Bahnkarten lochen und aus dem alten Österreich-Ungarn zu stammen scheinen, rostige Kabel, die von grob behauenen Baumstämmen baumeln, und ein konservativer Pioniergeist – kein Widerspruch! –, der zum Land gehört wie Walmart oder McDonald’s.

Stein entdeckt: „Altmodische Laster, altmodische Tugenden. Traditionen, über die sich in Europa längst der Mantel des Vergessens gebreitet hat. Eine Infrastruktur, die sanft vor sich hinschimmelt, und, wenn etwas besonders brutal zusammenkracht, notdürftig repariert wird.“

Diese Essays, Aufzeichnungen, Vignetten lesen sich hinreißend. Mit Witz und Leichtigkeit verfasst bleiben sie ganz unprätentiös, und obwohl das Ich erzählt, blickt es immer, staunend, auf die anderen, diese seltsamen, herzlichen, kauzigen Amerikaner. Mit dem unbefangenen Auge eines Feldforschers, der nur gelegentlich zu erkennen gibt, wie viel historisches und politisches Wissen er in der Hinterhand hat, begibt sich Stein in die mythischen Nischen der Vereinigten Staaten, dorthin wo die Mormonen wohnen oder die Ufologen tagen, wo Waffenfans auf Fasanenjagd gehen, und der Autor überrascht feststellt, dass unter ihnen viele Obama-Wähler sind. Genauso verblüffen ihn die vehementen Obama-Gegner, wenn sie am Wahltag im Alaska der Sarah Palin über den Gewinner sagen: „Aber jetzt ist er mein Präsident.“

Stein räumt mit Vorurteilen auf, ohne Urteile anzubieten. Dass es „die Indianer“ nicht gibt, lernt er, dass es „Amerika“ eigentlich nicht gibt, und dass trotzdem, wenn auch auf andere Weise, alles das wahr ist, was wir hier über das große Land hören und denken. Ganz bewusst wollen die Aufzeichnungen eine Liebeserklärung an Amerika sein, und es ist eine geworden, bei deren Lektüre man sich in keiner Zeile manipuliert fühlt von dem vaterlandslosen Gesell, der so lässig „Tschüss, Deutschland“ zum Titel wählt. Wer immer schon Tocquevilles „Über die Demokratie in Amerika“ lesen wollte, der kann zum Auftakt Steins Aufzeichnungen eines Ausgewanderten lesen. Zu verwenden sind sie außerdem als Lesekur gegen grassierenden Anti-Amerikanismus. Auch bei harten Fällen dieser Art müsste beim Lesen Lockerung eintreten.

Hannes Stein: Tschüss Deutschland! Aufzeichnungen eines Ausgewanderten.

Verlag Galiani, Berlin 2010. 224 Seiten, 16,95 Euro.

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