Kultur : „Wir sind schweigsame Menschen“

Der magische Moment: Die Schauspielerin Kati Outinen über das Filmemachen mit Aki Kaurismäki

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Frau Outinen, Dreharbeiten mit Aki Kaurismäki stellt man sich ein bisschen so vor wie seine Filme. Es wird wenig gesprochen, jeder tut, was er zu tun hat.

Es kommt auf dem Film an. Auf dem Set von „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ war es sehr leise, das Team bestand nur aus fünf bis zehn Leuten. Bei „Wolken ziehen vorüber“ oder „Der Mann ohne Vergangenheit“ haben wir dagegen sehr gealbert und viel geredet, aber nie über die Arbeit.

Gibt Kaurismäki keine Anweisungen?

Nur indirekt. Er fragt mich: Wie ist sie, diese Irma? Und ich sage: Sie ist schüchtern, aber entschlossen. Er: Ja, aber hat sie auch in dieser Szene innere Stärke? Ich: Nein, in diesem Moment ist sie schwach. Aki ist Perfektionist, was die Kadrage, den Rhythmus, die Bewegungen im Bild und die Beleuchtung angeht.

Fällt Ihnen diese minimalistische Art des Schauspielens schwer?

Es geht immer um das carpe diem, darum, den einen entscheidenden Moment nicht zu verpassen. Die Grundregel ist: Ich spiele nicht, dass ich etwas denke, ich denke es. Wichtig ist außerdem, dass nicht ich weine oder lache, sondern das Publikum zum Weinen und zum Lachen bringe. Das ist schwierig, und ich bin deshalb manchmal sehr unsicher. Aber Aki sieht alles. Er schaut nie durch die Kamera und benutzt keinen Monitor. Er steht hinter der Kamera, mit dem Kopf ganz dicht bei der Linse. Von dort aus beobachtet er die Schauspieler und hält Kontakt zu uns. In Szenen ohne Dialog kann ich ihn und Timo Salminen, den Kameramann, atmen hören. Dann weiß ich, wir haben den gleichen Rhythmus.

Das klingt nach Actor’s Studio.

Actor’s Studio ist eine Methode. Wir pfeifen auf Methoden. Es hat eher etwas mit Stanislawski zu tun, mit Stummfilmen oder mit Charlie Chaplin. Vor Jahren wurde auf dem Mittsommernachts-Filmfestival „City Lights“ in einem Zelt vorgeführt. Ich konnte nicht in das Zelt gehen, denn ich wusste, ich würde in Tränen ausbrechen. Also ging ich in das kleine Café davor, aber die Filmmusik hörte man dort auch. Durch die Musik wusste ich genau, was auf der Leinwand geschieht, also fing ich doch zu weinen an. Plötzlich merkte ich, dass noch jemand im Raum war, dem es so ging wie mir: Es war Aki.

Apropos Filmmusik: Hören Sie die Musik, die finnischen Tangos zum Beispiel, schon während der Dreharbeiten?

Auf dem Set gibt es überhaupt keine Musik. Aki hat den Rhythmus des Films in sich und fügt die passende Musik erst am Schneidetisch hinzu. Manchmal trickst er einen auch aus. Zum Beispiel bei der Szene in „Der Mann ohne Vergangenheit“, in der Irma gerade traurig und einsam ins Bett geht und dabei das Radio anmacht. Aki sagte: Stell dir vor, dass Irma einen Blues hört. Also guckt Irma, als ob sie Bluesmusik hört. Stattdessen legte er später einen fetzigen Rock’n’Roll darunter, das verändert die Szene völlig.

Waren Sie für „Der Mann ohne Vergangenheit“ bei der Heilsarmee?

Ich habe mit Offizieren der Heilsarmee gesprochen, konnte allerdings nicht unerkannt mitmachen. Dafür bin ich in Finnland inzwischen zu bekannt. Es wäre für die Menschen, die dort Hilfe suchen, erniedrigend gewesen, mich, die Schauspielerin, dort anzutreffen. Aber vor dem „Mädchen aus der Streichholzfabrik“ kannte mich kaum jemand, und so konnte ich einfach in der Fabrik arbeiten. Irgendwann war mir jeder Handgriff so vertraut, dass wir die Szenen außerhalb der Fabrik nachstellen konnten.

Bittet Kaurismäki Sie darum, für Ihre Rollen zu recherchieren?

Die Arbeit an der Rolle ist meine Sache, er vertraut mir. Und er hat mich gelehrt, meiner Intuition zu vertrauen und damit einverstanden zu sein, wenn mich die Zuschauer mit meinen Figuren verwechseln. Wenn die Leute mich einfach an der Bushaltestelle ansprechen, ist es das denkbar größte Kompliment. Sie halten mich dann nicht für eine Berühmtheit, sondern für das Mädchen von nebenan.

Woran liegt das?

Die Figuren in Akis Filmen ähneln den Menschen aus den fünfziger Jahren, mit ihrer Lebenseinstellung, ihrer Selbstachtung und dem Stolz auf die eigene Arbeit. Wenn du deine Arbeit verlierst, verlierst du alles: Diese Haltung stammt aus der Nachkriegszeit, als die Finnen arm waren und alles miteinander teilten, weil Finnland wegen der Kriegsverbrechen Kompensationen zahlte. Viele sehen in Akis Filmen Märchen aus einer längst vergangenen Zeit, denn heute sieht Finnland anders aus. Und doch denkt man: Die kenne ich doch. Aki zeigt die Kehrseite des Landes, übrigens immer an realen Schauplätzen. Es gibt Armut und Elend mitten in Nokia-Land, in dieser reichen Nation, in der jeder einen Computer hat und ein Handy. Aki und ich mögen das nicht: die Konsumgesellschaft, die Wegwerfprodukte, die Umweltzerstörung.

Was mögen Sie stattdessen?

Alte Dinge, Gegenstände, die ein Gefühl aufbewahren. Wir wühlen tatsächlich im Müll anderer Leute, denn wir finden es schrecklich, Dinge wegzuwerfen, bloß weil sie einen Kratzer haben. Wobei die Mentalität der Finnen der von Akis Filmhelden trotzdem ähnelt: Wir versuchen, moderne Europäer zu sein und den Smalltalk zu pflegen, aber tief in unserem Herzen sind wir schweigsame Menschen.

Dreht Kaurismäki deshalb nicht gerne mehrere Takes?

Meistens machen wir einen Take pro Szene, manchmal zwei. Nur bei „Wolken ziehen vorüber“ haben wir alles zwei Mal gedreht. Wegen des Todes von Matti Pellonpää war Aki sehr ängstlich und fürchtete, dass das Labor etwas falsch machen und der Film zerstört werden könnte.

Die Dreharbeiten müssen ja ziemlich schnell über die Bühne gehen.

Nein. Wir sind manchmal mehr als 20 Stunden am Set. Wegen der richtigen Beleuchtung oder weil wir auf den magischen Moment warten. Es fängt immer mit einem riesigen Chaos an, und wir verbringen viel Zeit damit, ruhig zu werden. Wir setzen uns hin, reden, choreografieren unsere Bewegungen, ändern das Licht, dann ist Aki nicht zufrieden mit der Kameraposition. Das dauert.

Gibt es eine Kontinuität zwischen all Ihren Frauenfiguren in Kaurismäkis Filmen?

Sie altern mit mir. Aber ihre Grundverfassung ist immer gleich. Sie sind Einzelgängerinnen, sie kämpfen um ihr Überleben, wenn auch auf unterschiedliche Weise.

Ist eine Ihrer Kaurismäki-Frauen Ihnen die liebste?

Ich mag sie alle. Oder vielleicht mag ich Iris, das „Mädchen aus der Streichholzfabrik“, doch am liebsten. Der Film war so klein, eine Perle. Acht Monate hat Aki ihn geschnitten und wollte ihn uns nicht zeigen. Weil der Film so verletzlich, so empfindlich sei. Am Ende saßen Elina Salo, die Iris’ Mutter spielt, Haije Alanoja, die Produktionssekretärin, der Filmkomponist, Aki, sein Hund und ich im Kino und schauten uns das Ergebnis an, mitten in der Nacht. Aki hatte schreckliche Angst, dass wir den Film hassen würden, und war überglücklich, als wir ihn mochten. Erst danach konnte er ihn der Öffentlichkeit zeigen. „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ ist die Geburtsstunde des Kaurismäki-Stils. Die Figuren sind mehr als nur Charaktere. Es gibt etwas in ihrer Lebenshaltung, das größer ist als sie.

Kaurismäkis Filme werden oft mit denen von Robert Bresson verglichen. Sprechen Sie mit Kaurismäki über andere Filme, Einflüsse oder Vorbilder?

Wir reden weniger über Filme als über Literatur. Filme sind etwas Heiliges für uns. Wir wissen so viel über das Filmemachen, dass der Profiblick es einem schwer macht, einfach der Story zu folgen. Wenn wir aber unser Wissen im Kino vergessen, ist das ein Zeichen dafür, dass es sich um ein großes Werk handelt. Aki kennt das Kino auswendig und sagt manchmal Dinge wie: Öffne die Tür so wie Alain Delon in dem und dem Film.

Und über welche Literatur sprechen Sie?

Über neue finnische Romane. Dostojewski. Gabriel Garcia Marquez gehört zu unseren Lieblingsschriftstellern. Wir reden auch über gute Dokumentarfilme und neue Fernsehserien. Aki schaut unglaublich viel fern. Er kennt nicht nur alle Filme, sondern auch sämtliche Serien.

Haben Sie sich abgesprochen, als Sie 2003 beide aus Protest gegen den Irakkrieg nicht zur Oscar-Verleihung fuhren? „Der Mann ohne Vergangenheit“ war ja nominiert.

Aki wollte sowieso nicht fahren, nicht wegen des Irakkriegs, sondern weil er in Amerika kaum rauchen darf. Und ich sagte, okay, wenn du nicht fährst, fahre wenigstens ich. Aber dann merkte ich, da stimmt etwas nicht. Ich kann nicht zu einer Party in ein Land fahren, wegen dem anderswo gerade Frauen und Kinder sterben. Ich wollte Aki deshalb am Montag anrufen, aber die Produktionsfirma meldete sich schon am Sonntag, um mir mitzuteilen, dass keiner hinfährt. Wir sind eben Seelenverwandte.

Was ist Ihre schönste und Ihre schlimmste Erinnerung an die Arbeit mit Kaurismäki?

Vielleicht war der schönste Moment der erste Take in unserem ersten Film, „Schatten im Paradies“. Nikander geht zum Geschäft, und ich spiele Ilona. Wir waren sehr aufgeregt. Aber dann begannen wir zu arbeiten, und es war wie ein Tanz. Ich wusste, ich hatte meine Leute gefunden. Den schlimmsten Moment gab es während des Drehs von „Wolken ziehen vorüber“. Ich stehe in der Wohnung und betrachte das Foto des Kindes auf dem Regal. Im Drehbuch stand: Das Paar hat ein Kind, das gestorben ist. Aber Aki entschied, dass es ein Kinderfoto von Matti Pellonpää sein sollte. Also stand auf dem Regal ein Kinderfoto von Matti. Es war ein extrem intimer Augenblick, ein Moment tiefer Trauer. Aber ich durfte nicht zulassen, dass sie mich übermannt, musste irgendwie weiteratmen. Ich zitterte am ganzen Körper. Es war unglaublich anstrengend, das nicht zu deutlich zu zeigen. Also zittert in der Szene mein Ohrring. Wir wollten es tun, um Matti zu ehren.

Das Gespräch führte Christiane Peitz. Das vollständige Interview ist nachzulesen in: Ralph Eue Eue/Linda Söffker (Hg.): Aki Kaurismäki (Bertz und Fischer, 320 S., 19,90 €). Das Buch, das u.a. Beiträge von Lars-Olav Beier, Harun Farocki, Ulrich Gregor, Anke Leweke und Jan Schulz-Ojala enthält, erscheint Mitte August.

Kati Outinen , 1961 in Helsinki geboren, ist die wichtigste Darstellerin in den Filmen des Finnen Aki Kaurismäki seit ihrer ersten Zusammenarbeit in Schatten im Paradies (1986). In Finnland hat sie sich

außerdem als Theaterschauspielerin einen

Namen gemacht; sie lehrt an der Theaterakademie in Helsinki.

Aki Kaurismäki , Jahrgang 1957, begann 1980, Filme zu drehen. Mit seinem ebenfalls

Regie führenden Bruder Mika organisiert er das Mittsommernachts-Festival in Lappland. Er gab Outinen die Rolle der Iris in Das Mädchen aus der Streichholzfabrik (1989), der Kellnerin in „Wolken ziehen vorüber“ und der Heilsarmistin in Der Mann ohne Vergangenheit. In seinem jüngsten Film „Lights in the Dusk“, der dieses Jahr im Mai in Cannes uraufgeführt wurde,

tritt sie als Gast auf.

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