Kultur : Wir und der Staubsauger

„Halb so wild“ in Kiel: das neue Stück von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel

Steffen Kraft

Der Titel wirkt wie ein Appell an alle Beteiligten: „Halb so wild“ haben die Skandalautoren Feridun Zaimoglu und Günter Senkel ihr Liebesstück genannt, das am Freitag im Kieler Schauspielhaus uraufgeführt wurde. Im vergangenen Jahr für die Übertragung von Shakespeares Othello ins Gossendeutsch als Textschänder geschmäht, scheint das Gespann Zaimoglu/Senkel einen Gang herunterschalten zu wollen. – Der Eifersuchtstragödie folgt ein Komödchen über die Banalität und den Unernst der Liebe.

„Weißt du, was ich gelesen habe? Vor allem Männerschweiß zieht die Motten an“, sagt die Esoterik-Tussi Meike zu ihrem Gatten Tristan. Ausgelöst hat den Ehekrach der heimische Staubsauger, in den sich Motten eingenistet haben. Obwohl Tristan den Kampf „Mann gegen Motte“ aufnimmt, frisst das Ungeziefer die Liebe des Paares mit an. Meike gibt eine Kontaktanzeige auf.

„Short Cuts“ nennt Zaimoglu die sieben episodenhaften Szenen, in denen sich das Personal des Stücks trifft, anbandelt, sich ineinander verstrickt und seine Kontrolltriebe beim Entsorgen eines verseuchten Saugerbeutel verhandelt. Der geschiedenen Tine (blass: Ellen Dorn) macht die Mutter noch den neuen Gatten streitig. Sie lässt davon erst ab, als der Jahrzehnte jüngere Mahmud ihr den Hof macht. Short Cuts. Für alle Protagonisten ist die Liebe ein Kurzschluss. Sie versuchen es einfach, versprechen: „Ich will dich!“, selbst auf die Gefahr hin, melodramatisch zu werden. „Wenn du sagst, es ist Kitsch, was dir jetzt zu Ohren kommt, dann isses Kitsch von mir“, sagt der Jungspund Siggi nachdem er seiner Angebeteten die Geschichte einer Epiphanie erzählt hat.

Regisseurin Anette Pullen zeigt die Liebe als Willensakt. Es ist ein Willen, der auf die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse zielt, der Anpassung des anderen an die eigene Ego-Geometrie. Zwischen den Szenen spielt Pullen Songs ein, lässt die Figuren auf der zur überdimensionalen Teppichfalte geformten Bühne herumtollen. Einmal singt die Gruppe Stereo total: „Wir tanzen im 4-eck / ich will dich abhängig / machen von mir / du sollst mein Zwilling sein / das ist meine Liebe zu dir.“

Das Verrückte dieser Selbstsucht wollen die Schauspieler durch Slapstick und groteske Schreie herausstellen. Doch verliert sich im Gebrüll, wovon die Übertreibung überzeugen soll: die liebenswürdige Verletzlichkeit, die sich hinter dem Egoismus verbirgt. Etwas einfallslos auch die Ausstattung (Petra Winterer). Grüne Socken zu roten Schuhen sollen wohl markieren: Wir machen hier Nonsens. Doch die kunterbunten Kostüme lassen die Figuren schon äußerlich zu einem Einheitsbrei verrinnen. Halb so wild wäre hier doppelt so gut gewesen.

Zaimoglus und Senkels Wortwitz – bei weitem nicht so schlagend wie in „Othello“ – rettet die meisten Figuren nicht. Einzig Christoph Brüggemanns Mahmud nimmt man das Groteske ab. Die Figur erinnert an die Frühzeit des Autors und Kanak-Sprak-Erfinders Zaimoglu. Seit einigen Jahren schienen die Kanaks aus Zaimoglus Werk verschwunden, als wolle sich der Autor von seinen frühen Büchern ablösen. Zaimoglu widerspricht: „Warum sollte ich eine Quelle ungenutzt lassen, nur um den Klischees nicht zu entsprechen?“ Das Vorbild für die Mahmud-Figur hat Zaimoglu in Kiel kennen gelernt – und konnte es nicht lassen, ihn in das Kieler Auftragswerk einzubauen. Das genialische, zeitweise diabolische Spiel mit Stereotypen beherrscht Zaimoglu wie kaum ein anderer Gegenwartsautor. In „Halb so wild“ jedoch erstarren zu viele Klischees im Plakativen.

Wenn etwa Meike beim Date ihrem unter den Teppich gekehrten Gefühlsleben entfliehen will, kommt ihr doch nur die eigene Mittelmäßigkeit in die Quere: „Ich komme mir so spießig vor, wenn ich Martini trinke.“ Ebenso wenig wie der mottenzerfressene Staubsauger beim Kammerjäger ankommt, können sich die Figuren in „Halb so wild“ ihrer Durchschnittlichkeit entledigen. Ob das allerdings eine große Erkenntnis ist, selbst für ein kleines Liebesstück, daran lässt sich zweifeln.

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