Kultur : „Wir zeigen die Gesichter des neuen Europa“

Zsuzsa Breier, die Initiatorin des „Kulturjahres der Zehn“, über das erste Gemeinschaftswerk der EU-Erweiterung

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Frau Breier, auf Ihre Initiative werden die zehn neuen EUBeitrittsländer nächste Woche ein eigenes Kulturjahr starten: Bis Mitte 2005 soll es in Berlin einen großen Reigen von Kunstausstellungen, Musik- und Theateraufführungen, Lesungen, Filmen, Konferenzen und kulturpolitischen Diskussionen geben. Bisher gilt die Ost-Erweiterung eher als politisch-ökonomisches Ereignis. Kann die Kultur da mehr als nur eine dekorative Rolle spielen?

Unbedingt! Die Kulturdiplomaten der zehn Länder kennen natürlich die politischen und wirtschaftlichen Prioritäten. Doch die Chancen unseres Beitritts und der Erfolg eines erweiterten Europa ist nicht zuletzt auf kultureller Basis zu suchen. In der kulturellen Erweiterung liegt doch eine Dynamik, die auch die soziale Identität der Menschen berührt. Wenn ich jetzt nur an Ungarn denke – und das kann mehr oder weniger auch für die anderen Länder gelten –, ist der wirtschaftliche Beitritt beispielsweise schon weitgehend vollzogen oder in seinen Folgen gut absehbar.

Nur die Kultur hinkt noch hinterher?

Trotz aller kultureller Kontakte zwischen Künstlern und Intellektuellen habe ich noch nicht das Gefühl, dass wir hier bereits auf der gleichen Augenhöhe in Westeuropa wahrgenommen werden. Wir wollen zeigen, dass unsere Kulturen die europäische Szene tatsächlich bereichern.

Was ist es, was bringen Sie mit, das Westeuropa nicht allein schon hat?

In dem Moment, wo man gleichberechtigt dazu gehört, gibt es mehr Freiraum auch für das Vertreten der eigenen Ansichten. Wir erleben es oft, dass zum Beispiel Künstler, die nicht in den Ausdrucksformen einer globalen, meist amerikanisch inspirierten Moderne ode r Postmoderne mitspielen, als Konservative und Altgebackene abgestempelt werden. Ich glaube, es gibt im ungarischen, slawischen, baltischen Kulturraum noch lebendige Traditionen, in denen die künstlerischen Kräfte des Mythos, des Emotionalen und Vor-Rationalen eine spannende Rolle spielen.

Das wäre die Kehrseite der „Dialektik der Aufklärung“. Sie betonen eine eher romantische Tradition, an die bei uns Autoren wie Botho Strauß oder Peter Handke anknüpfen.

Vielleicht ist es das. Wir haben uns immer an der Kreuzung von westlicher und östlicher Kultur gesehen. Unser Kulturjahr verlegt diese Kreuzung nun nach Berlin.

Gibt es denn auch in den anderen westeuropäischen Hauptstädten ähnliche Initiativen der Beitrittsländer?

Es gibt sicher einzelne Veranstaltungen der jeweiligen Länder und ihrer Kulturinstitute. Aber keine Gemeinschaftsaktion wie hier in Berlin, wo wir ja einen eigenen Verein als Träger gegründet haben, unter der deutschen Schirmherrschaft von Joschka Fischer, Christina Weiss und Klaus Wowereit. Außerdem fördert die Kulturstaatsministerin das Projekt mit 1,5 Millionen Euro, und im Finanzbeirat sitzen Köpfe aus der deutschen Wirtschaft wie Heinz Dürr, Hilmar Kopper, Ilka Hartmann, Udo Marien oder Klaus Mangold. Ohne diese Hilfe wäre unser Programm gar nicht zu realisieren.

Hat Brüssel für diese offenbar einzigartige Initiative nichts spendiert?

Wir hatten einen Antrag gestellt, aber der ist leider abgewiesen worden. Das lag angeblich an einem Formfehler, der nicht mehr nachträglich korrigiert werden konnte. Es gibt ja keinen Kulturkommissar in Brüssel, außerdem sind die Anträge wahnsinnig kompliziert und erfordern einen bürokratischen Aufwand, für den wir gar nicht das Geld hatten.

Osteuropa, das sich jetzt lieber Mitteleuropa nennt ...

Da spielt unsere Traumatisierung durch den Totalitarismus eine Rolle. Für uns begann der Osten erst mit der ehemaligen Sowjetunion...

Also, Mittelosteuropa wurde im Westen kulturell lange Zeit vor allem durch die dissidentischen, oft exilierten Schriftsteller und Künstler repräsentiert. In Prag wurde dann ein Vaclav Havel zwar Präsident, aber es gab nach der Wende auch neue Spannungen. Werden Sie die Erfahrungen der Dissidenz in Berlin auch als ein Stück eigener Zeit- und Kulturgeschichte zeigen?

Wir wollen beides: Natürlich sind die renommierten Persönlichkeiten der älteren Generation mit dabei, und zu unseren Kuratoren gehören aus Polen zum Beispiel der Regisseur Krzysztof Zanussi, aus Tschechien der internationale PEN-Präsident Jiri Grusa und aus Ungarn György Konrád, der nicht nur als Präsident der Berliner Akademie der Künste den mitteleuropäischen Dialog gefördert hat. Aber daneben wollen wir auf allen künstlerischen Gebieten die junge Generation der Nachwende präsentieren und mit ihren Koll egen hier ins Gespräch bringen: also die Gesichter des neuen Europas.

Glauben Sie, dass sich die Nachwende-Generationen noch sehr unterscheiden?

In der Pop-Musik wahrscheinlich weniger als in der Bildenden Kunst oder Literatur. Dort spielt die nationale Identität noch eine größere Rolle.

Kommt in den Künsten das „nationale“ Moment ins Spiel, entsteht bei uns sofort der Verdacht des Folkloristischen und Provinziellen.

(lacht) Keine Sorge, Folklore oder Heimatkunst werden wir nicht sehen! A ber es gibt in den Beitrittsländern viele junge Leute, die n icht den Eintopf einer globalisierten Mainstream-Kunst wollen, sondern als selbstbewusste Europäer ihre jeweils eigenen kulturellen Wurzeln suchen.

Gab es Versuche der Regierungen, Ihr Kulturjahr inhaltlich zu beeinflussen?

Da s haben wir schon durch unsere organisatorische Struktur abgewehrt. Den Kulturdiplomaten der einzelnen Botschaften stehen jeweils regierungsunabhängige Kuratoren zur Seite – ich habe Zanussi oder Konrád erwähnt und könnte genauso für Estland die Übersetzerin Irja Grönholm oder für Zypern die Musikerin Eugenia Kanthou nennen. Außerdem gibt es das Netz unserer deutschen Partner in und außerhalb Berlins.

Erwarten Sie im Schatten des Irak-Krieges, des Nahostkonfliktes, der Debatten um neuen oder alten Antisemitismus und der Frage der unterschiedlichen Nähe von Kern- oder Neu-Europäern zu den USA nicht eine starke Politisierung des Kulturjahres?

Die Künstler und Autoren, die bei unserem einjährigen work in progress noch gar nicht alle feststehen, werden wohl sehr unterschiedlich reagieren. Es können auch Konflikte deutlich werden – das wird man nicht zuletzt im November bei einer internationalen Diskussion in Berlin unter dem Titel „Quo vadis Europa?“ erleben.

Das Gespräch führten Peter von Becker und Hermann Rudolph.

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