Kultur : Wo die Welt zu Ende ist

„Stunde der Stille“: Nach einem halben Jahrhundert ist der Debütroman des großen Tschechen Ivan Klíma auf Deutsch zu entdecken.

von
Chronist der Veränderung. Ivan Klíma. Foto: Maria Hammerich-Maier/Transit
Chronist der Veränderung. Ivan Klíma. Foto: Maria Hammerich-Maier/Transit

Das Schweigen des Dorfes bezwingt den Fortschritt. Auf diese Formel lässt sich Ivan Klímas Debütroman „Stunde der Stille“ bringen. Sein nun erstmals auf Deutsch zu entdeckendes Buch aus dem Jahr 1963 ist eine wirklichkeitsgesättigte und zugleich hochpoetische Ballade vom Scheitern einer hehren Idee in einer ostslowakischen Flusslandschaft, in der das Hochwasser seit jeher den Rhythmus des Lebens bestimmt. Es geht aber auch um den Stolz und das Selbstverständnis eines von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg als „Partisanengegend“ schwer versehrten Landstrichs.

Von Erfahrungen mit den jeweils Mächtigen tief verletzt, begegnen die Ostslowaken und ehemaligen „Oberungarn“, von denen der Tscheche Klíma erzählt, jeglicher sozialistischer Reform nach 1945 mit grimmigem passiven Widerstand. Das ist die Ausgangslage für den jungen Bauingenieur Martin Petr, der, begleitet von seiner schwärmerisch politisierenden Frau, in dieser Gegend den ultimativen Deich errichten will – auf dass der Fortschritt endlich einziehe.

Ivan Klíma, 1931 in Prag geboren, verbrachte als Kind mit seiner jüdischen Familie dreieinhalb Jahre im KZ Theresienstadt. Nach der Niederschlagung des Ungarnaufstands 1956, die auch in der CSSR zu einer ideologischen Verschärfung führte, verlor der Literaturwissenschaftler Klíma seine Redakteursstelle beim Familienmagazin „Kvety“ (Blüten). In einem Artikel hatte er sich für den freien Zugang zu jeglichem Schrifttum ausgesprochen.

1958 brach er mit dem Grafiker Miroslav Klomínek nach Stakcin auf, in den Winkel, wo der Roman angesiedelt ist. Sie wollten über das rückständigste Gebiet der Tschechoslowakei kurz vor der ukrainischen – damals sowjetischen – Grenze Reportagen verfassen. Unter dem Titel „Zwischen drei Grenzen“ erschienen sie als Buch und sollten verfilmt werden. Das Drehbuch wurde aber, was die Schilderung der Kollektivierung angeht, als „zu drastisch“ abgelehnt. So entstand der Roman. In dieser Phase, schreibt die Übersetzerin Maria Hammerich-Maier in ihrem vorzüglichen Nachwort, sei Klíma endgültig vom sozialistischen Realismus abgerückt.

Raffiniert unterläuft „Stunde der Stille“ die Gattung des Aufbauromans, der nicht nur in der DDR „vom Urschlamm in die LPG“ führen sollte, wie ein geflügeltes Wort lautete. Die Passivität der Dorfbewohner, die für die Kollektivierung ihre letzten Sicherheiten opfern sollen, treibt die Parteifunktionäre in die Verzweiflung.

„Diesen Roman zu schreiben, war für mich damals sehr anspruchsvoll“, sagt der heute 80-jährige Ivan Klíma, „weil er in einer ganz anderen Gegend spielte, die damals auch noch sehr exotisch war, in der es andere Bräuche gab, eine andere Lebensart. Ich hatte Befürchtungen, ob ich es schaffen würde, auch die Seele, das Denken, die Gefühle der Menschen zu erfassen.“ Er hat es geschafft.

In acht Großkapiteln, die jeweils eine Person in den Mittelpunkt stellen, kreist der Roman den Konflikt zwischen Neuerern und Traditionalisten ein. Die Hauptfigur Martin Petr ist dabei bald so einsam wie Franz Kafkas „Landvermesser“, der einst in einem feindlich stillen, verschneiten Dorf ankam. Etwas glühend Negatives verströmt dieser Roman. Klíma stellt den allgemeinen Fatalismus so exakt dar, dass er nicht nur für Petr immer lähmender wird: „Sie betrachteten ihn schweigend und misstrauisch: fremde, verschlossene Gesichter, breite Münder, schmutzige Haare, Mäntel mit vielen Flicken, Hosen, die sie noch immer daheim aus Hanf woben, er war so weit weg von seiner Heimat, hier herrschten Not und Elend, dann bemerkte er den jungen Molnár, der bei ihm am Deich arbeitete, wenigstens ein bekanntes Gesicht.“ Am Schluss reist er ab, gescheitert angesichts der Stille, die dem Tod gleiche.

Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 wurde der international gefeierte Dramatiker und Romancier Klíma („Liebe und Müll“. „Liebesgespräche“) mit Publikationsverbot belegt. Sein Debütroman geriet in Vergessenheit. Es ist ein glücklicher Coup, dass ihn der Berliner Transit-Verlag jetzt präsentiert. Mit einer immensen Fülle an lebendigen Szenen ruft er geradezu nach einer Verfilmung. Vielleicht gelingt sie ja im zweiten Anlauf.

Ivan Klíma: Stunde der Stille. Roman. Aus dem Tschechischen von Maria Hammerich-Maier. Transit Verlag, Berlin 2012. 253 S., 19,80 €. – Der Autor stellt seinen Roman heute, 19.4., um 20 Uhr im Gespräch mit Jan Faktor im Literaturhaus Berlin vor. Morgen, 20.4, um 19.30 Uhr liest er im Museum Dahlem.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben