Wo Europas Kultur sich feiert : Die Nordlichter strahlen auf Europa

Klein und fein: Lettlands Metropole Riga und das nordschwedische Umea sind Europas Kulturhauptstädte 2014.

Stella Marie Hombach
Das Licht des Nordens. Riga verbindet traditionelle Architektur mit steilen neuen Ideen. Die Altstadt gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Foto: picture alliance / dpa
Das Licht des Nordens. Riga verbindet traditionelle Architektur mit steilen neuen Ideen. Die Altstadt gehört zum...Foto: picture alliance / dpa

Am 18. Januar 2014 werden die Einwohner von Riga auf die Straße gehen, wie beim Protest von 1989. Sie treten vor die Tür und nehmen sich an die Hand. Vorbei an Jugendstilhäusern und Flaniermeile, hinweg über den Fluss Düna, der Riga teilt, bis hin zur alten Nationalbibliothek: Diesmal reicht die Kette nicht nach Estland und Litauen, sondern sie bleibt in der Stadt. Stand die Aktion vor 25 Jahren für den baltischen Widerstand gegen die Sowjetunion, so geht es heute um die Frage europäischer Zugehörigkeit.

2014 ist Riga Kulturhauptstadt Europas. Statt die Krisenstimmung vieler Europäer aufzunehmen, stellen sich die Rigenser zur „Kette der Bücherfreunde“ auf. Jeder, egal ob Einheimischer, Zugezogener oder Tourist, darf teilnehmen und beim Umzug der Lettischen Nationalbibliothek helfen. Ist das letzte Buch im neuen Quartier, im „Palast des Lichts“, angekommen, kann das Festjahr beginnen.

Seit 1985 werden in Europa alljährlich erst ein, ab 2004 zwei EU-Mitgliedsländer mit dem Titel Kulturhauptstadt ausgezeichnet. Amsterdam, West-Berlin, Paris, Florenz und Stockholm machten den Anfang. Mittlerweile jedoch sind viele Kulturstädte weiße Flecken auf der Landkarte. Orte, die kaum jemand kennt. Namen, die nur wenige aussprechen können. 2013 war es neben Marseille Košice in der Slowakei, 2012 das slowenische Maribor und Guimarães in Portugal. Können solch unbekannte Städte geeignete Kandidaten sein und die Kultur Europas, international und national, repräsentieren? Als Melina Mercouri, die damalige griechische Kulturministerin, das Projekt ins Leben rief, suchte sie kein kulturelles Prestige. Die Idee sollte Europas Vielfalt betonen, die Wirtschaft der Städte antreiben und das Selbstbewusstsein der Bevölkerung stärken. Die heutige Kür vermeintlich unbekannter Städte kommt dem Urgedanken weit näher als die Wahl bekannter Metropolen.

2014 schweift der Blick nicht nur in die lettische Hauptstadt Riga, sondern auch ins nordschwedische Umeå. Umgangssprachlich heißt Umeå auch das „Tor Lapplands“ und wird als Region der Samen, einer der schwedischen Urbevölkerungen, bezeichnet. Die Stadt wurde 1622 gegründet und liegt direkt am Bottnischen Meerbusen. Durch mehrere Brände gingen zahlreiche historische Bauten verloren. Umeås Architektur schaut deshalb nicht zurück, sondern nach vorn. Besonders der Stadtkern setzt auf architektonische Moderne. In vielen Glasfronten spiegeln sich das Blau des Himmels und das Weiß des Schnees.

Umeå ist die am schnellsten wachsende Stadt Schwedens. In den letzten 50 Jahren hat sich die Bevölkerung fast verdreifacht. Heute leben hier knapp 115 000 Einwohner. Auch die Universität bringt einen starken Zuwachs, der Altersdurchschnitt ist niedrig, die Einwohner offen und die Stadt setzt auf die Dynamik und Innovationskraft der jungen Generation.

Umeås angestrebter Gang nach vorn spiegelt sich auch in dem EU-Budget für 2014 wider. Wo Riga nur 24 Millionen Euro erhält, konnte sich Umeå eine Finanzspritze von fast 40 Millionen Euro sichern. Wo sich in der schwedischen Stadt Wachstum und kosmopolitische Offenheit sprunghaft entwickelt haben, gehören sie in Riga, das im 12. Jahrhundert gegründet wurde, zur Tradition. Letten, Deutsche, Russen, Polen, Schweden und Finnen leben hier seit Jahrhunderten zusammen. Die Stadt ist multikulturell und konnte damit schon Herder, Kant und Wagner beeindrucken. Mit seinen 700 000 Einwohnern ist Riga das Herz Lettlands. Die Stadt liegt direkt an der Ostsee, und an der Düna befindet sich das historische Zentrum der Altstadt. Zuckerbäckerstile, Backsteingotik, Renaissancearchitektur und Jugendstil mischen sich hier genauso wie die unterschiedlichen Nationalitäten.

Seit Lettlands EU-Beitritt 2004 hat sich Riga stark verändert und immer mehr Richtung Westen entwickelt, bemerkt die Schriftstellerin Dace Rukšane: „Die Häuser sind renoviert, die Altstadt ist gepflegt und aufgeräumt, alles wirkt wie auf einer Hochglanzpostkarte.“ Auf Kiepenholm werden die Holzhäuser saniert, in der alten Gipsfabrik entstehen moderne Lofts, und Alt-Riga beginnt immer mehr, den Altstädten anderer Metropolen zu gleichen.

Großereignisse wie die Bücherkette oder die Welt-Chor-Olympiade im Juli prägen das Jahr 2014. Bis zu 20 000 Sänger aus über 70 Ländern werden zu dem weltweit größten Chormusikfestival erwartet. Wie die Bücherkette, so lässt auch der Gesangswettbewerb Anklänge an die Historie der baltischen Unabhängigkeitsbewegung Ende der Achtziger zu, die als „Singende Revolution“ in die Geschichte einging. Daneben gibt es zahlreiche Ausstellungen, Konzerte oder auch eine Neuinszenierung von Richard Wagners Oper „Rienzi“, die er zwischen 1837 und 1840 in Riga komponierte.

Da stellt sich einmal mehr die Frage, inwieweit die Kulturhauptstädte nicht nur zu einem Spiegel dessen werden, was Europa von ihnen erwartet. Auch in Rigas Programm gibt es Eigenheiten, doch fallen sie erst auf dem zweiten Blick auf. Um den Alltag Rigas zu erfahren, lohnt es sich, dem Rat Rukšanes zu folgen und einmal die festliche Hochglanzseite der Stadt zu verlassen. Es genügt ein Abstecher in die Außenbezirke oder auch ein einfacher Gang in die Konditorei oder in den Lebensmittelladen. Hier gibt es die traditionelle baltische Süßigkeit Hematogen. Ein Schokoriegel, hergestellt aus Stierblut, dessen Geschmack Rukšane mit den Worten assoziiert: „Ringsherum ist nur Riga und das Leben, eines so schön wie das andere. Heute gleichermaßen süß.“

Umeå will 2014 beispielsweise mit dem „Made“-Festival seine junge und kreative Seite betonen. Zum Wettbewerb „Artist Caught by“ sind Künstler aus der ganzen Welt eingeladen, ihre Interpretationen von und Reflexionen über Umeå einzureichen. Die Stadt selbst wird zum Kunst- und Diskussionsprojekt. Mit Blick auf die kulturellen Wurzeln dagegen stellt Umeå die Zeitrechnung auf den Kopf. Nicht Frühling, Sommer, Herbst und Winter gliedern das Jahr 2014, sondern der Achteltakt der Samen: Das Fest beginnt mit der Zeit des Erwachens, wandert über die Zeit des Nachdenkens und endet mit der Zeit der Pflege. Dazu ist eine Sinfonie der acht Jahreszeiten geplant, die in acht Sätzen von acht unterschiedlichen Komponisten erdacht wird.

Wenn es um den Geschmack der Stadt geht, hat auch Umeå Eigenes zu bieten. Assoziiert Rukšane ihr Riga mit der Süße des Hematogens, so ist es in Umeå der nussige, starke Geschmack des seit 1872 in der westbottnischen Region hergestellten Käses. Zwei kulinarische Besonderheiten, die dem Besucher die Kulturhauptstädte auf die Zunge bringen.

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