Kultur : Wölfe kommen

Im Kino: Die Hirtendoku „Dem Himmel ganz nah“

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Die rumänischen Karpaten sind ein Biotop alter Berufe. In der Abgeschiedenheit des Gebirges haben Figuren überlebt, die anderswo in Europa so gut wie ausgestorben sind: der Köhler, der Kalkbrenner und der Pferdeschmied etwa. Oder der Schäfer – mit seinem entbehrungsreichen Dasein auf der Hochalm, das dominiert wird von den Jahreszeiten. Es bot sich also an, dass der rumänische Regisseur Titus Faschina seine stille Doku über eine transsilvanische Hirtenfamilie in vier Kapitel einteilt: Sommer, Herbst, Winter, Frühling. Sie übernehmen die Rolle der Dramaturgie, man könnte auch sagen: Leben, Sterben, Wiedererwachen.

Das Leben des Schäfers Dumitru Stanciu besteht vor allem aus der Wiederholung immergleicher Handgriffe. Er mäht mit seinem halbwüchsigen Sohn Gras vor einer sonnendurchfluteten Berglandschaft, sie melken Schafe, scheren sie mit Eisenscheren und schlachten ein Tier unter einem knorrigen Baum im Abendlicht. Dumitrus Frau macht Käse, legt Holz in den Ofen oder steht mit einer Mistgabel auf einem Heuschober. Es sind Bilder aus einem vorindustriellen Europa, gesprochen wird kaum, und im Winter bricht der Kontakt zur Außenwelt ab. Die Stancius haben kein Handy, nicht einmal ein Radio. Faschina will offensichtlich in „Dem Himmel ganz nah“ ein Epos auf eine verschwindende Welt singen: Die Stancius sind die letzten Hirten auf ihrem Berg. Nicht einmal Hirtenjungen lassen sich noch finden, um die Schafe vor Wölfen zu schützen.

Doch die Überhöhung funktioniert nicht. Faschina hat in einem schönen Schwarz-Weiß gedreht, um zu sagen, dass diese Geschichte keine Zeit hat. Er verschenkt damit nicht nur die Wahnsinnsfarben der Karpaten, sondern schweift dann doch ab, filmt etwa eine Silvesterparty oder lässt die Kamera pathetisch per Kran entschweben. Auch verraten die Geigen auf der Tonspur eine Sentimentalität, die wohl nur Städter für eine Welt empfinden können, deren Mühsal sie nicht kennen. Schließlich vermisst man einen Spannungsbogen. Zwar beobachtet die Kamera die Schäfer am Anfang präzise bei ihren Verrichtungen, entfernt sich aber im Laufe des Films immer weiter von ihnen. Keiner der Stancius kommt einem daher näher, sie bleiben Bewohner einer fremden Welt.

Was dieser Film hätte sein können, nämlich die Studie eines biblischen Berufs in einer Konsumgesellschaft, wird erst im Abspann deutlich. Da stehen die Stancius plötzlich in Schaffelle gehüllt in einem Supermarkt. Philipp Lichterbeck

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