Wolfgang Kohlhaase und Volker Schlöndorff : "Wir lebten mit dem Rücken zur Mauer"

Die Retrospektive der Berlinale widmet sich dem Jahr 1966. Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase und Regisseur Volker Schlöndorff über ihre Erinnerungen an 1966, Defa-Maßnahmen und Generationenkonflikte.

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Wolfgang Kohlhaase (links) und Volker Schlöndorff
Wolfgang Kohlhaase, 84 (links) ist einer der bedeutendsten Drehbuchautoren und arbeitet mit Regisseur Volker Schlöndorff, 76, bei...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Herr Kohlhaase, Herr Schlöndorff, was für ein Jahr war 1966 für Sie?

WOLFGANG KOHLHAASE: Es war das Jahr nach 1965. Da waren zehn neue Defa-Filme verboten worden, als letzter Gerhard Kleins „Berlin um die Ecke“, für den ich das Drehbuch geschrieben hatte.

VOLKER SCHLÖNDORFF: Hat das Publikum in der DDR das Verbot wahrgenommen oder geschah das klammheimlich?

KOHLHAASE: Es machte schon Spektakel, denn die Beschlüsse des 11. Plenums des ZK der SED betrafen auch Theater oder Literatur. Es war eine offen verkündete Unlust der Politik an der Wirklichkeit. Für das Defa-Studio hatte das merkwürdige Folgen: Es gab ja einen Plan zu erfüllen, etwa 15 Filme im Jahr. Die Leute wollten nun ihr Weihnachtsgeld und ihre Jahresendprämien haben. Das hing aber wie in jedem anderen Betrieb von der Planerfüllung ab. Also stellte man etwa eine Kamera in eine Opern-Aufführung und hatte mit einem gewissen Augenzwinkern einen Ersatz-Film.

SCHLÖNDORFF: Anders als Wolfgang Kohlhaase hatte ich keine Ahnung von der deutschen Wirklichkeit. Ich kam im August 1965 nach zehn Jahren aus Frankreich nach Deutschland zurück und fing im Oktober an, „Der junge Törless“ zu drehen. Ich war ein Einwanderer. Deshalb wählte ich bewusst eine Literaturverfilmung, ich brauchte Musil, etwas Historisches.

 

Sie wussten nichts vom Oberhausener Manifest, dem Neuen Deutschen Film?

Ich hatte in Paris die Zeitschrift „Filmkritik“ gelesen, in Erwartung, dass es auch in Deutschland einen Aufbruch gibt wie mit der Nouvelle Vague in Frankreich. In München brachten Enno Patalas und Joe Hembus mich mit Alexander Kluge zusammen, in dessen Apartment in einer sogenannten Stoßburg ich am  „Törless“ arbeitete. Dafür konnte ich ausgerechnet den Altproduzenten Franz Seitz gewinnen, auch deshalb hatte ich mit dem jungen deutschen Film zunächst nichts zu tun. Meinen ersten Aufstand probte ich dann gegen den Tonmeister. Der war alte Schule, wollte nur Primärton aufnehmen, weil sowieso alles nachsynchronisiert würde. Ich wollte aber Originalton. In jedem Gewerk rannte man gegen überholte Regeln an. Die Strukturen waren ja überall in der Gesellschaft verkrustet, das gab uns Selbstvertrauen: Wir wussten, es gilt eine Bastion zu stürmen.

 

Beide Filme, „Berlin um die Ecke“ und „Der junge Törless“ handeln von jungen Männern in autoritären Strukturen. Zufall?

KOHLHAASE: Im Atelier saßen zwischen den großen Scheinwerfern die Leute, die schon mit Hans Albers in Monaco gedreht hatten, aßen ihre Frühstücksstullen und wussten alles besser. Gerhard Klein kam vom Dokumentarfilm. Unser gemeinsames Erweckungserlebnis waren die italienischen Neorealisten, eine Ermutigung, uns das Filmemachen überhaupt zuzutrauen. Kino war also doch nicht nur eine schöne andere Welt, auch der eigene Alltag wurde ein möglicher Filmstoff. Wir wollten nicht im Atelier, sondern auf der Straße drehen, mit Originalton, kurzen Brennweiten und grobkörnigem Filmmaterial.

Dieter Mann und Kaspar Eichel in "Berlin um die Ecke".
Dieter Mann und Kaspar Eichel in "Berlin um die Ecke". Der Film wurde 1966 in der DDR verboten, weil er sich kritisch mit dem...Foto: DEFA-Stiftung

SCHLÖNDORFF: Das Erweckungserlebnis für mich war 1962 „Außer Atem“. Godard missachtete alle Regeln, wir waren fassungslos: lauter Anschlussfehler und Achsensprünge! Gleichzeitig gab es die Beatles, die Stones, den Noveau Roman und den Zusammenbruch des französischen Kolonialreichs. Wir dachten, da muss es die Revolution auch im Film geben.

KOHLHAASE: Die technischen und moralischen Fragen hatten miteinander zu tun. Bisher war eine Kamera ja eine kleine Lokomotive gewesen, die man auf Schienen setzte und bei der Defa auch noch einen Tag vorher bestellen musste. Jetzt war die schöne Zeit, in der man lieber durchs Fenster ging als einfach durch die Tür. Und wir wollten die Schauspieler für uns entdecken, die Schauspielerinnen ...

SCHLÖNDORFF: Ja, die Schauspieler! Franz Seitz wollte für „Törless“  bekannte Namen, Joachim Fuchsberger, Horst Buchholz, die über 30 waren, angeblich aber jünger aussahen. Ich wollte 15-, 16-Jährige, schon weil keiner sie kannte. Mathieu Carrière war 15 und hatte eben nicht diesen klassischen deutschen Theaterton drauf, der auch den westdeutschen Film prägte. Gleichzeitig drehte Kluge mit seiner Schwester, mit Laien. Wir alle konnten mit dieser alten Tonart nichts anfangen. Die älteren schimpften, wir würden sie arbeitslos machen. Was nicht stimmte, die „Edgar Wallace“-Filme gab es ja weiter. Wir haben dann aber den Fehler gemacht, uns nicht mit den Älteren zu verbünden. So gab es den Aufbruch ohne Professionalisierung, ohne den Versuch wie in Frankreich, das breite Publikum zu gewinnen. Wir blieben in der Nische.

Marian Seidowsky in dem 1966 erschienenen Film "Der junge Törless"
Marian Seidowsky in dem 1966 erschienenen Film "Der junge Törless". Darin wird ein Außerseiter Opfer der Quälereien seiner...Foto: Deutsche Kinemathek/ Seitz Filmproduktion

Alt gegen Jung, gab es das auch bei der Defa?

Es war anders. Die Leute, die von der törichten Maßnahme des 11. Plenums betroffen waren, waren so wie ich mit der DDR erwachsen geworden. Es war eine Zeit der Freiheit des Gedankens. Man konnte die Welt nicht gleich ändern, aber man konnte sie anders denken. Dann merkte man aber, auch die neuen Bilder haben blinde Flecken, es wird auch geschwiegen, vor allem über die Realität der DDR. Vor dem Mauerbau waren viele über die offene Grenze gegangen. Die Politik gebrauchte da gern die Ausrede: Bei offener Tür kann man nicht über interne Probleme reden. Das entfiel nach 1961, und man dachte, die Gesellschaft könne nun mehr Geduld mit sich haben, freundlicher werden, sich auch Kontroversen zutrauen. Also wollten die Filme die Realität in  Gesellschaft bringen. Es ging nicht um Dissidenz, sondern um Mitsprache.

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