Woodstock-Legende : Friedenssänger Richie Havens ist tot

Die Woodstock-Legende Richie Havens ist tot. Der Folk-Sänger starb im Alter von 72 Jahren nach einem Herzinfarkt. Ein Nachruf.

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Die Woodstock-Legende Richie Havens verstarb am Montag nach einem Herzanfall.
Die Woodstock-Legende Richie Havens verstarb am Montag nach einem Herzanfall.Foto: dpa/bicture alliance

Manchmal gibt es Momente, in denen sich die Hoffnungen, Kämpfe und Ekstasen einer ganzen Ära verdichten. Der Auftritt von Richie Havens beim legendären Woodstock-Festival am 15. August 1969 ist solch ein magischer Moment. Der bis dahin weitgehend unbekannte New Yorker Folksänger eröffnete das Festival, war aber bloß eine Notlösung. Weil der Andrang der Besucher alle Erwartungen übertraf, steckte die eigentlich vorgesehene Band Sweetwater im Verkehrschaos fest. Havens spielte, bis ihm die Lieder ausgingen, mehr als zwei Stunden lang.

Am Ende musste er improvisieren, stimmte „Sometimes I Feel Like a Motherless Child“ an, einen Gospelklassiker, den er mit einem heiseren, rhythmisch wiederholten Ausruf einleitete: „Freedom“. Freiheit, das war die Parole der Stunde. Havens sang mit geschlossenen Augen, den Körper kauernd um seine Akustikgitarre gebogen. Und als er forderte: „Clap your hands“, da sprangen die zu Zehntausenden auf den Kuhwiesen von Woodstock lagernden Blumenkinder tatsächlich auf und klatschten und jubelten. In dieser Sekunde war aus einem Kirchenlied, das von der ultimativen Verlassenheit handelt, eine Hymne der Bürgerrechtsbewegung geworden.

Platz im Pantheon der Rock'n'Roll-Giganten

Allein für diesen Auftritt und diesen Song ist Richie Havens, der jetzt mit 72 Jahren einem Herzinfarkt erlag, ein Platz im Pantheon der Rock’n’Roll-Giganten sicher. Der Sohn eines Pianisten und einer Buchbinderin, 1941 als ältestes von neun Geschwistern in der Bronx geboren, begann mit zwölf, in einer Doo-Wop- Gruppe zu singen. Mit 14 wurde er Mitglied eines Gospelchors. Das Gitarrespielen brachte er sich selber bei. Anfang der sechziger Jahre landete er in Greenwich Village, dem New Yorker Stadtteil, der gerade dabei war, sich zur Keimzelle einer neuen Folkbewegung zu entwickeln, mit Stars wie Bob Dylan, Joan Baez und Don McLean. Havens sang seine Lieder in Cafés und Clubs, die Why Not? , Wha? oder Fat Black Pussycat hießen. Sein Gitarrespiel war kraftvoll, die kehlige Stimme klang mehr nach Soul als nach Folk. 1967 bekam er einen Plattenvertrag beim Jazzlabel Verve. Das Debütalbum „Mixed Bag“ oszillierte zwischen orgelnden Grooves und hippiesker Psychedelik.

Ein Grenzgänger zwischen den Genres ist Havens geblieben. Seinen größten kommerziellen Erfolg feierte er mit einer Coverversion von „Here Comes the Sun“, bei der er die Beatles-Komposition rhythmisch beschleunigte und mit fransigen Akustikgitarrenakkorden verzierte. Er hat knapp dreißig Alben aufgenommen, in der Rockoper „Tommy“ gespielt, ein Kindermuseum in der Bronx gegründet und bei der Inauguration von Präsident Clinton gesungen. Auch im Kino war Richie Havens zu sehen, zuletzt in der Dylan-Huldigung „I’m Not There“. Dort singt er, herzerweichend, den „Tombstone Blues“.

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