• Zitty
  • Potsdamer Neueste Nachrichten
  • Berlin 030
  • Bootshandel
  • Qiez
  • zweitehand
  • twotickets
  • Berliner Köpfe
  • wetterdienst berlin

Wulff-Affäre : Die mit dem Wulff heulen

05.01.2012 00:00 Uhrvon
Autorität und Anarchie. Der „Wulff im Schafspelz“ schaffte es bis in die „Tagesthemen“. Foto: die-anmerkung.blogspot.comBild vergrößern
Autorität und Anarchie. Der „Wulff im Schafspelz“ schaffte es bis in die „Tagesthemen“. - Foto: die-anmerkung.blogspot.com

Wer die Macht hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Das Internet ist voller Wulff-Witze, die Affäre inspiriert die Netzgemeinde zu Pointen und Fakes jedweder Art. Über die Funktion des politischen Witzes in Skandal- und Krisenzeiten der Demokratie.

„Liebling, ich habe die Würde des Amtes geschrumpft.“ Das Internet ist voll von Wulff-Witzen, allein die auf den Präsidenten gedrehten Filmtitel sind Legion. Von „Einer flog über das Eigenheim“ über „Jäger des verlorenen Anrufs“ und „ABeowulff“ bis zu „Ich weiß, was du letzten Sommer gekriegt hast“ sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. „Hallo Kai, hier ist der Christian“: Die von WDR 5 gefakete Mailbox-Nachricht für „Bild“-Chef Kai Diekmann, „Titanic“-Postkarten, fingierte Facebook-Seiten, bitterböse Cartoons und das neue Verb „wulffen“: Eine Lawine ist losgetreten.

Ein Phänomen, mit dem sich auch seriöse Nachrichtensendungen befassen.

Wer die Macht hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Schon Catull belustigte sich über Caesar. Der Spott gehört seit Alters her zur Politik, als scharfe Waffe der Demokratie ebenso wie als Instrument zur Selbstermächtigung der Bürger in Diktaturen: ein Selbstheilungsmittel mit kathartischer Wirkung. Liebling, ich habe die Würde des Amtes geschrumpft? Dann holt sich der Wähler die Würde eben zurück und reagiert auf die Respektlosigkeit, mit der ausgerechnet der Bundespräsident der Meinungs- und Pressefreiheit begegnet, seinerseits mit Häme. Der soll die Grundrechte schützen? Schützen wir sie besser vor ihm.

Wir sind der Souverän, wir sind das Volk, deshalb sind wir so frech. Man erschrickt vor der klaffenden Lücke zwischen dem ranghöchsten Amt im Staate und der unsouveränen Person, die es innehat, und füllt die Distanz mit gewitzten Interventionen. „Die Würde des Amtes klingt immer mehr nach Konjunktiv“, twittert der Schriftsteller Peter Glaser. Oder: „ ,Ganz oben!’ Günter Wallraff ist Christian Wulff“. Der Eigenheim-Kredit, das biedere Eigenheim selber, der Präsident als Grundstücksverpächter für eine Tanke in Westerkappeln, die Mailbox-Wutattacke, es wirkt alles so kleinkariert, eines Großen nicht würdig. Falsches Format: Der Witz macht das Unangemessene kenntlich, die Fallhöhe, von der aus da einer stürzen könnte.

No jokes with names. Die gute alte Regel ist mit den „Wulff im Schafspelz“-Pointen außer Kraft gesetzt. Nicht nur die Zote, auch der gewöhnliche Witz ist triebgesteuert, wie Sigmund Freud in „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ bemerkte. Wie kann man nur so dämlich sein und dem „Bild“-Chef auf Band brüllen oder dem Landtag einen Kredit verschweigen! Das kann doch nicht wahr sein: Der Gedanke an einen Präsidenten, der derart peinliche Dinge tut, ist unerträglich. Da ist der Wulff-Witz als Aggressionsabfuhr immer noch besser als Fremdschämen. Bloß der Lustgewinn ist geschmälert, weil die Zahl der Witzfiguren in Deutschlands politischer Klasse zunimmt. Guttenberg, Rösler, Lindner, da blamiert sich bald eine ganze Generation.

Così fan tutte: Wulff hätte sich nur George Clooneys „Iden des März“ im Kino anschauen müssen, um zu wissen, was jeder Politikberater als ehernen Grundsatz verinnerlicht hat. Als Präsident kannst du die Nation belügen, betrügen und Kriege anzetteln – nur die Praktikantin darfst du nicht vögeln. Das heißt, Schweinereien im großen Stil sind kein Problem in den oberen Etagen, es sind die (vermeintlich) kleinen Fehltritte, über die Kaiser und Könige stolpern.

Früher war es der Job des Hofnarren, die Mächtigen durch den Kakao zu ziehen. Er war der Außenseiter, der nicht zur feinen Gesellschaft gehörte und sich auf seiner exzentrischen Position Frechheiten erlauben durfte. Heute ist diese Lizenz allen erteilt, längst hat die Mediengesellschaft den Job des Narren übernommen. Der Spott fungiert dabei als Korrektiv gegen Machtanmaßung und -besessenheit. Und spätestens seit Karl Kraus und Tucholsky gehört die Satire zum Wesen der Demokratie und muss immer neu verteidigt werden, zum Beispiel im Streit um die Mohammed-Karikaturen.

Berlinale

Berlinale

Die Berlinale gehört zu den bedeutendsten Filmfestivals weltweit! Lesen Sie hier aktuelle Beiträge und Infos zwischen Rotem Teppich und Goldenem Bären.
Zur Berlinale-Berichterstattung

Tagesspiegel twittert

Empfehlungen bei Facebook

Weitere Themen aus der Kultur

Service

Der Tagesspiegel im Sozialen Netz

Foto:

Alle Tickets für Berlin und Deutschland bequem online bestellen!

Tickets hier bestellen | www.berlin-ticket.de